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Porträt aus Ebersberg:Die große Abwechslerin

Musikerin, Trauerrednerin, Dozentin: Monika Sauer aus Ebersberg wird es vermutlich auch künftig nicht langweilig werden.

(Foto: Christian Endt)

Immer weiter auf der Suche nach Neuem, verabschiedet sich Monika Sauer nach 25 Jahren als Leiterin des evangelischen Kirchenchors Ebersberg

Von Franziska Langhammer, Ebersberg

Abschiede sind so eine Sache. Viele werden darüber melancholisch, andere stürzen sich in neue Projekte. Nicht so Monika Sauer. Sie wirkt eher heiter denn wehmütig, konkrete Pläne gibt es noch nicht. Stattdessen lässt sie gespannt auf sich zukommen, was nun folgt. Nach 25 Jahren gibt Monika Sauer die Leitung des evangelischen Kirchenchors in Ebersberg ab. Auf die Frage, wie es ihr bei ihrem Abschlusskonzert ging, antwortet sie vergnügt: "Mir ging's sehr gut, und ich hab mich gefragt, warum ich eigentlich aufhöre." Dann lacht sie und fährt fort: "Am nächsten Tag wusste ich es dann wieder."

Später im Gespräch nennt sie zwei Gründe für ihren Ausstieg aus der Chorarbeit: Zum einen wolle sie gehen, solange diese noch gut sei, nicht vor sich hin dümple. Zum anderen, und dieses Muster scheint sich durch ihr ganzes Leben zu ziehen, ist Monika Sauer nicht für Wiederholungen und Langeweile zu haben. "Das ist speziell für mich", sagt sie. "Ich brauche immer wieder was Neues." Die Leitung des Kirchenchors aufzugeben, diese Entscheidung sei schon länger in ihr gereift, erzählt Sauer. Im Januar noch habe sie gesagt: "Wenn nicht was Gravierendes passiert, dann hör ich auf." Dann kam Corona. "Das hat mich eher noch bestätigt." Auch der Chor verabschiedet sich nun erst einmal für ein Jahr, soll aber 2021 wieder mit neuem Dirigat am Start sein.

Im Rückblick scheint Sauers Werdegang alles andere als vorgezeichnet, überall lauern überraschende Wendungen und neue Perspektiven. Aufgewachsen in Baden-Württemberg, lernt sie schon als Kind und Jugendliche viele Instrumente, Klavier, Orgel, Querflöte und Akkordeon. Eigentlich will sie die Klavierprüfung am Konservatorium ablegen. Dazu kommt es jedoch erst Jahre später. Denn wenige Monate vor dem Abitur entscheidet sich Monika Sauer dann doch dazu, Theologie zu studieren. Warum? "Weil es mich interessiert hat." Nach dem Studium der katholischen Theologie stellt sie jedoch fest: "Das ist eigentlich nicht das, was ich will." Ihre Suche gilt dem Kern, dem Wesentlichen im Leben, das sich vielleicht am besten als "Spiritualität" formulieren lässt - und dazu fühlt Monika Sauer sich von der katholischen Dogmatik zu sehr eingeengt. Gemeinsam mit ihrem Mann konvertiert sie zum evangelischen Glauben - und fühlt danach, wie sie sagt, um die zehn Kilo weniger auf den Schultern. Sie studiert Volkswirtschaft an der Uni Tübingen und arbeitet auch eine Weile an einem Wirtschafts-Forschungsinstitut.

1978 wird ihr Mann, Bernward Sauer, Leiter der Volkshochschule Grafing; die Familie zieht dorthin, später nach Ebersberg. Zwischenzeitlich arbeitet Monika Sauer als Religionslehrerin, merkt aber schnell, dass Schule nichts für sie ist - dann lieber Klavierunterricht, wo man keine Noten geben, sondern nur Noten lesen muss. Drei Kinder hat das Ehepaar Sauer, der Älteste leistet seinen Zivildienst beim damaligen evangelischen Pfarrer Hans Dieter Strack.

Eines Tages kommt der Sohn nach Hause und erzählt, die Sekretärin sei händeringend auf der Suche nach einer neuen Organistin. "Ich habe ihr aber noch nicht erzählt, dass du auch Orgel spielst", so der Sohn. Kurz darauf macht sich Monika Sauer auf den Weg zur Sekretärin. Seit 1994 nun schon ist sie Organistin an der evangelischen Pfarrkirche, spielt bei Gottesdiensten, Beerdigungen, Taufen - eine Aufgabe, die sie weiterhin beibehalten wird, zur Erleichterung von Pfarrer Edzard Everts. "Auch ihre besondere Leidenschaft, die Verbindung von Musik und Lyrik, die ihren Ausdruck in Poetischen Klavierabenden findet, wird sie weiter pflegen", so der evangelische Kirchenmann.

Etwa ein Jahr, nachdem sie ihren Job als Organistin angetreten hat, reaktiviert Sauer den Chor der evangelischen Gemeinde. Das dazu nötige Handwerkszeug als Dirigentin und Chorleiterin bringt sie sich kurzerhand selbst bei. Zuerst werden dreistimmige Werke gesunden, später auch Vierstimmiges, Bach, Mendelssohn. Als Highlight beschreibt Sauer die Aufführung des Brahms-Requiems 2008, mit vierhändiger Klavierbegleitung. 30 Leute singen zu diesem Zeitpunkt unter Monika Sauers Leitung. "Wir haben uns ein Jahr lang darauf vorbereitet", erzählt sie. "Das kann ich in- und auswendig."

Auch in der Arbeit mit dem Chor packt Sauer bis zuletzt das Fieber der Abwechslung. Ob Choräle oder der "Gefangenenchor" von Verdi, ob afrikanische Lieder mit passender Choreografie oder "I will follow him" aus der US-Komödie "Sister Act" - immer wieder überraschen Sauer und ihre Sängerinnen und Sänger die Zuhörer. Antje Berberich, Chormitglied der ersten Stunde, erinnert sich: "Besonders liebten wir ihre eigenen Kompositionen nach Gedichten von Ringelnatz, Hesse, Erich Fried oder die Vertonung ihrer eigenen Gedichte. Unvergesslich!" Monika Sauer kommentiert das so: "Mir war es wichtig, zwischendrin auch mal nix Frommes zu singen." Und so lässt sie ihren Chor auch mal eine eigene Version von den Ringelnatzschen "Ameisen" singen. "Das war zum Teil schon ziemlich schräg", sagt Sauer und lacht.

Was denn am Wichtigsten sei, wenn man einen Chor leitet? "Dass man voll dabei ist", antwortet Monika Sauer, "mit voller Konzentration." Deshalb seien Konzerte auch unglaublich anstrengend. Nach den Auftritten fühle man sich wie auf einem anderen Stern, erzählt sie; jedes Mal brauche sie einige Tage, um wieder Energie zu tanken. Gleichzeitig ist Musik auch das, was Sauer weitermachen lässt. "Als mein Mann vor sechs Jahren gestorben ist", sagt sie, "da habe ich gemerkt: Die Musik hält mich. Mit der kann ich weitermachen." Antje Berberich erinnert sich auch an diese Zeit: "Ein Tief ergriff uns alle für Monate: Krankheit und Abschied von unserer lieben Bassstimme und unserem Freund, Bernward Sauer. Vorwärts schauen. Auch für Monika. Sie war für uns da, entdeckte Lieder, auf die wir ohne sie nie gestoßen wären."

Auch Pfarrer Edzard Everts beschreibt sie als einzigartige Gestalterin: "Monika Sauer zeigte mit ihrer Chorarbeit wie in ihrem ganzen musikalischen Wirken, dass Musik viel mehr ist, als das bloße Zusammenspiel von Tönen. Im gemeinsamen Musizieren gelangen Menschen zum Grund ihres Seins." Der Musik wohne eine tiefe Spiritualität inne, die Raum und Zeit für das Unendliche öffne, so Everts weiter: "Diese Überzeugung verkörpert Monika Sauer in allem, was sie tut."

Und nun, so findet Sauer selbst, sei es an der Zeit, etwas Neues zu tun. Was das genau sein wird, das weiß sie noch nicht. Neben ihrem Chor leitete sie in den vergangenen Jahren auch Akkordeon-Klassen sowie Philosophie- und Theologiekurse an der Volkshochschule, weiterhin ist sie als einzige Trauerrednerin im Landkreis unterwegs. Bleibt also anzunehmen, dass ihr auch künftig alles andere als langweilig wird.

© SZ vom 08.08.2020

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