Gelungene Premiere:Bitte kemmts boid wieda!

Zum ersten Mal gibt der bairische Mundart-Slam "Wer ko, der ko" ein Gastspiel - dank des Ebersberger Kultursommers mitten im Zentrum von Grafing. Das Publikum ist begeistert, die Moderatoren Ko Bylanzky und Moses Wolff ebenso.

Von Johanna Feckl

Erste Male sind eher nicht bekannt für großartige Erfolge: Das erste Mal stützradloses Radlfahren endet nicht selten mit einem Sturz. Der erste Umzug wird meist begleitet von einem heillosen Chaos. Und die das erste Projekt im neuen Job erhält vermutlich eher selten ein Sternchen. Manchmal gibt es sie dann aber doch, die ersten Male, die einfach fantastisch sind und nicht besser hätten laufen können. Das erste Gastspiel des "Bairischen Poetry Slam" fällt in diese Kategorie: Am Donnerstagabend durfte der Schledererhof mitten im Grafinger Zentrum die Veranstaltung beherbergen. Ein warmer und regenloser Sommerabend, ein lachendes und johlendes Publikum, fünf so sympathische wie unterhaltsame Slammer und Slammerinnen auf der mobilen Bühne des Ebersberger Kultursommers, zwei glückliche Moderatoren, zufriedene Gesichter an Kasse, Bar und Technik - was will man mehr?

Unter dem Titel "Wer ko, der ko"findet der bislang einzige bairische Mundart-Slam seit Anfang 2018 im Münchner Hofspielhaus statt. Seitdem haben sich ein gutes Dutzend Mal Schreiberlinge mit ihren eigenen Texten auf die Bühne gestellt und sie in ihrem Dialekt vorgetragen. Es sind eingeladene Künstlerinnen und Künstler, eine offene Liste wie bei anderen Poetry-Slam-Formaten gibt es nicht. Dass die Veranstaltungsreihe bayernweit auf Tour geht, sei eigentlich schon recht lange geplant gewesen, verrät Moses Wolff, der zusammen mit Ko Bylanzky den Slam organisiert und moderiert. Aber dann kam Corona - und für lange Zeit gab es überhaupt kein "Wer ko, der ko" mehr. Das Gastspiel in Grafing war also sogar der erste Slam-Abend im aktuellen Jahr - und zugleich die erste Open-Air-Veranstaltung.

Gelungene Premiere: Eine Kulturveranstaltung hat der Schledererhof vor dem Caritas-Zentrum in Grafing in dieser Form noch nie gesehen – es stand ihm sichtlich gut.

Eine Kulturveranstaltung hat der Schledererhof vor dem Caritas-Zentrum in Grafing in dieser Form noch nie gesehen – es stand ihm sichtlich gut.

(Foto: Christian Endt)

Der Schledererhof vor dem Grafinger Caritas-Zentrum ist ein ungewohnter Ort für eine Kulturevent. Ein Open-Air würde man eher am Volksfestplatz vermuten, der ja schließlich auch schon seit längerem kein Publikum mehr gesehen hat. Dass es dennoch der Schledererhof geworden ist, war aber die richtige Entscheidung von Veranstalter Sebastian Schlagenhaufer, dem künstlerischen Leiter der Grafinger Stadthalle: Die Location, umgeben von Häusern im Zentrum der Stadt, schafft eine dichte Atmosphäre, die auf der Weite des Volksfestplatzes unmöglich gewesen wäre. Ein Zusammensein mit anderen Poetry-Slam- und Mundart-Begeisterten, das durch das Echo des Hofes gleichsam intim wirkt - und das trotz der großen Mindestabstände zwischen den einzelnen Sitzgrüppchen. Beneidenswert die paar Anwohner in den Häusern hinter der Bühne - vielleicht hat es sich der eine oder die andere mit einem Gläschen Wein auf dem Balkon gemütlich gemacht und dem Lachen da unten auf dem Hof gelauscht. Die gute Stimmung der Veranstaltung müsste jedenfalls locker bis dorthin zu spüren gewesen sein.

Sebastian Schlagenhaufer von der Grafinger Stadthalle hat schon einige Male für andere Projekte mit Moses Wolff von "Wer ko der ko" zusammengearbeitet - und er ist es, der den Slam letztlich nach Grafing gebracht hat. "Es ist wirklich wunderschön, mit ihm zu arbeiten", sagt Wolff am Tag nach dem Dichter-Wettbewerb. "Da funktioniert immer alles." In der Tat: Am Eintritt wartet ein QR-Code der Luca-App zur Kontaktnachverfolgung, ein klassisches Zettelausfüllen wäre auch möglich. Auf dem Gelände herrscht Maskenpflicht - Gäste, die diese Maßnahme für Quatsch halten, werden freundlich abgewiesen. Die roten Stühle sind in unterschiedlich großen Sitzgruppen mit Abständen zueinander aufgebaut, von jedem Platz aus herrscht freie Sicht auf die Bühne und einwandfreier Sound. An der Bar werden Schorle, Aperol Sprizz und Co. zu erschwinglichen Preisen angeboten. Und wer, wie so manche Besucher, neben Handy und Maske noch eine Pizza mitgebracht hat, der hat wirklich alles richtig gemacht an diesem Abend.

Richtig gemacht hat offensichtlich auch Eva Karl-Faltermeier alles, denn die Regensburgerin geht am Ende als Siegerin von der Bühne. Als Oberpfälzerin flutscht ihr das "aou" nur so über die Lippen, Tempo und Schlagkraft ihrer Pointen erinnern an die Zungenschläge eines hungrigen Geckos - es ist herrlich! Sie lässt sich über Influencer auf Instagram aus, die wirklich alles haben: einen veganen Lifestyle und eine Bratwurst, einen SUV und ein ökologisches Bewusstsein. Wer will denn so was sehen? Alles ist zugepflastert mit Hashtags, "aber des Nummernzeichen hod beim Telefon doch scho koana braucht". Was die Slammerin auch nicht braucht, das sind Hochzeiten - dann doch lieber Beerdigungen. Denn nur dort könne sie auch einfach mal zwei Stunden weinen, ohne das jemand komisch schaue. So lasse sich die "Rushhour des Lebens zwischen 30 und 50" viel besser aushalten. Ausschlaggebend aber scheint für Karl-Faltermeier Folgendes zu sein: "Auf Beerdigungen gibts koin Blumenkranzwerfa, wer als nächstes dro is".

Die 38-Jährige und ihre vier Mitstreiterinnen und Mitstreiter Anna Funk, Chris Buntspecht, Gelati und Mani Eder hatten zuvor in zwei Runden jeweils zwei Stücke vorgetragen. Die anschließende Abstimmung des Publikums per Applaus ist alles andere als eindeutig - es scheint, als ob alle fünf Slammerinnen und Slammer mit ihren sehr unterschiedlichen Vortragsweisen und Texten einen Nerv bei den Grafingern getroffen haben. Nach einer kurzen Beratung sind sich die Moderatoren Bylanzky und Wolff dann aber doch einig, dass bei Karl-Faltermeier am lautesten geklatscht wurde - sie wird zur Siegerin dieser gelungenen Premiere gekürt.

"Wer ko, der ko" gibts wieder am Mittwoch, 13. Oktober, im Münchner Hofspielhaus.

© SZ vom 14.08.2021
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