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Dritter Tag im U-Bahn-Schläger-Prozess:"Umbringen" gesagt, "schlagen" gemeint

"Sie wirkten nicht sehr angetrunken": Beim U-Bahn-Schläger-Prozess haben zwei Zeugen ausgesagt und die Täter belastet.

Dieses Verfahren und das Verbrechen, das ihm vorausging, ist mit einigen Superlativen verbunden: Es war die vielleicht grausamste Tat des Jahres in München und gewiss diejenige, welche die Öffentlichkeit am meisten erregte. Es gab im bunkerartigen Komplex des Münchner Landgerichts den größten Medienauftrieb und die schärfsten Sicherheitsvorkehrungen.

Der 18-jährige Spyridon L. (links) und der 21-jährige Serkan A. (rechts) stehen seit Montag im U-Bahn-Schläger-Prozess in München vor Gericht.

(Foto: Foto: Getty / ddp)

Seit dem gestrigen Mittwoch gibt es einen weiteren Superlativ: Als Zeuge trat ein junger Mann vor, der als der unglückseligste Tropf gelten darf oder muss, der seit langer Zeit im Saal B177 ausgesagt hat: Tobias F. aus Göttingen, ein schmächtiger junger Mann mit Meckifrisur, Intellektuellenbrille und sichtbarer Pein, vor das Gericht treten zu müssen.

F. ist ein wichtiger Zeuge, denn er hat als einziger viele Stunden bis kurz vor der Tat mit den beiden Angeklagten verbracht. F. wirkt schüchtern und naiv, sogar vor Gericht, und auf den ersten Blick ist kaum zu erklären, wie der Zivildienstleistende an die polizeibekannten Jungs geraten ist, die am Abend des 20. Dezember 2007 den Pensionär Hubert N. in der U-Bahn-Station Arabellapark fast zu Tode traten.

F. traf am Nachmittag in der City auf einen Mann, genannt San, der ihn überredete, ihm doch mal kurz 90 Euro zum Wechseln zu geben. Dabei zeigte er auf eine herumlungernde Dreiergruppe und erklärte, dies seien seine Kumpels. Mit dieser Versicherung und den 90 Euro verschwindet San aus F.s Leben und der Geschichte des U-Bahn-Schläger-Verfahrens.

Als er nicht zurückkehrt, spricht F. die jungen Männer an, die sich gerade dem Biertrinken widmen. Sie erklären, den San nicht zu kennen, wollen ihm aber bei der Suche helfen. "Der San hat mich erleichtert, es ist mir sehr peinlich", sagt F. flüsternd vor Gericht.

Die drei, Serkan A., Spyridon L. und ihr Freund Muhamed H., ziehen nun mit dem Zivi herum. Sie telefonieren mit seinem Handy, kaufen Bier, gehen daddeln in der Spielhalle. Gegen acht Uhr verlässt H. die Gruppe, die Angeklagten fahren nach Haidhausen, holen neues Bier, und immer folgt ihnen F. auf den Füßen.

"Kann man sagen, dass er hinter Ihnen hergedackelt ist?", fragt Richter Reinhold Baier den Zeugen Muhamed H., und der bejaht: "Der ist immer mit uns mit." Vielleicht ist es ja die spannende Gesellschaft harter Jungs von der Straße, sehr sicher aber Blauäugigkeit: "Die Stimmung war gut", sagt F. noch jetzt vor Gericht. Er aber habe ihren Versicherungen geglaubt, "dass sie den Typen aufspüren, der mir das Geld abgenommen hat".

Es wird Abend. Ein Basketballplatz in Haidhausen, Serkan A., der Türke, telefoniert erneut mit F.'s Handy. "Dann ist es eskaliert", sagt F., noch immer ratlos. "Willst Du hören, wie ich einen Deutschen umbringe?", habe Serkan A. ins Handy gefragt und F. jäh vor die Brust getreten.

Ein weiterer Zeuge wird aufgerufen. Ihn hat Serkan damals angerufen. Gut, Serkan habe umbringen gesagt, aber das sei Slang, gemeint sei "schlagen". F. jedenfalls, mit derlei Feinheiten nicht vertraut, gerät angesichts des jähen Wandels seiner neuen Freunde in Panik und flieht. "Reg Dich nicht auf. Willst du dein Handy, hol es dir", habe A. gerufen, "doch ich", so F. vor Gericht, "habe Reißaus genommen".

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