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Die Seen der Münchner (6):Mikrokosmos des Müßiggangs

Der Karlsfelder See ist zweites Wohnzimmer für Goldkettchenträger, Bolzkönige und Radlfahrer.

Baggerseen ziehen ja im Prinzip zwei Phänotypen von Menschen an: solche, die einen leichten Hang zum Exhibitionismus haben und jene, die sozial irgendwie auffällig sind. Was den Exhibitionismus am Karlsfelder See anbelangt, herrscht dort zuweilen eine Freizügigkeit, die in dieser eher spröden Gegend an den Ausläufern des Dachauer Mooses sonst selten anzutreffen ist.

Einst diente er als Kieslieferant, dann als Trainingsplatz für amerikanische Schwimmpanzer. Heute ist der Karlsfelder See Erholungsparadies für die Menschen aus den Wohnsilos zwischen MAN und MTU.

(Foto: Foto: Catherina Hess)

Viele Badegäste lassen leichtfertig zu viele Hüllen fallen, ohne sich vorher die Frage zu stellen, ob das in jedem Falle zuträglich ist. Was die zweite Kategorie von Besuchern angeht, besteht sie im Fall des Karlsfelder Sees vorwiegend aus jugendlichen Baseballkappen- und Goldkettchenträgern, massenhaften Doppelgängern von Erkan und Stefan, die mit Grillgeräten, Fußbällen und Ghettoblastern aus den Wohnsilos zwischen MAN und MTU zum nahe gelegenen Baggersee pilgern.

An heißen Sommertagen, wenn bis zu 20 000 Besucher an den Seeufern schmoren, machen sich die Erkans und Stefans dort zu Hunderten breit, plustern sich wie Pfaue auf und klopfen beim Fußballspielen coole Sprüche.

Der Reporter will allerdings nicht verschweigen, dass auch er in jungen Jahren wie ein balzender Gockel umherstolzierte und nach den Schönheiten auf den Liegewiesen Ausschau hielt.

Schülertreff seit Generationen

Das Naherholungsgebiet Karlsfelder See war ja damals - und ist es noch heute - eine Art zweites Wohnzimmer für junge Leute, die, schönes Wetter vorausgesetzt, einen Großteil ihrer Freizeit hier verbringen.

Hoffnungsvolle Jungkicker bolzen hier um die Wette, Schüler und Studenten feiern Partys, exzessive Abiturfeste ufern dergestalt aus, dass die Feiernden schließlich unfreiwillig im See baden. Generationen von Schülern haben hier schon über Gott und die Welt diskutiert, besonders aber über die Vorzüge der - sagen wir einmal - hübschen Blonden aus der 12a, die leider nur Augen für den bescheuerten Typen aus der dreizehnten hatte, weil der mit einem Golf Cabrio durch die Gegend fuhr.

Vermutlich ist der Karlsfelder See schon ein Schülertreff, seitdem er existiert. Entstanden ist er Anfang der Vierziger Jahre im Zuge der Bauarbeiten für den Moosacher Rangierbahnhof.

Für das Projekt wurde massenhaft Kies benötigt, der am Rande Karlsfelds entnommen wurde; die Grube füllte sich allmählich mit Grundwasser - die Geburtsstunde des Baggersees.

Truppenübungsgelände für Schwimmpanzer

Weitgehend unbekannt ist, dass ihn die US-Armee nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Truppenübungsgelände für Schwimmpanzer nutzte - eine Tatsache, die heute nur noch schwer vorstellbar ist.

Anfang der siebziger Jahre begann der Umbau zu einem Freizeit- und Erholungsgebiet mit beachtlichen Dimensionen: Der See hat eine Fläche von 25 Hektar, die Liegewiesen mit teilweise alten Bäumen dehnen sich auf 17 Hektar aus, fast fünf Kilometer Spazier- und Fahrradwege führen um den See herum.

Daneben gibt es zwei Beachvolleyballfelder, einige Kinderspielplätze und mehr als 20 Tischtennisplatten - und natürlich die beiden Gaststätten "Seehaus" und "Seeblick", in der beispielsweise gigantische "Farmersteaks" zum bescheidenen Preis von 7,80 Euro geboten werden. Alles in allem ein munterer Mikrokosmos des Müßiggangs, in dem, wenn das Wetter passt, Badegäste, Spaziergänger, Fahrradfahrer, Nordic Walker und spielende Kleinkinder herumwuseln.

Natürlich bleiben im größten Gedränge auch zwischenmenschliche Irritationen nicht aus, etwa wenn strenge Nordic Walker allzu flotte Radler vom Gehweg rempeln. Doch selbst zu Hochbetriebszeiten findet sich irgendwo am Karlsfelder See noch ein lauschiges Plätzchen - zum Beispiel das Feuchtbiotop am nordwestlichen Ufer.

Wunderbar, diese Idylle und Stille. Nur ein Goldkettchenträger mit seinem Ghettoblaster darf sie nicht finden.

© SZ vom 31.8.2006
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