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Die Anklageschrift:Mordfall Brunner - die tödlichen Minuten

Neue grausame Details im Mordfall Dominik Brunner: Die Ermittler haben in einer 90-seitigen Anklageschrift die Tat, die ganz Deutschland aufwühlt, rekonstruiert.

B. Kastner

Sie haben an Freunde, an Verwandte einige Briefe geschrieben, aus Stadelheim. Dort sitzen Markus Sch. und Sebastian L., weil sie einen Menschen ermordet haben sollen: Dominik Brunner, auf dem S-Bahnsteig in Solln, mit unzähligen Schlägen und Tritten, mit kaum vorstellbarer Brutalität. Die beiden mutmaßlichen Täter scheinen unterschiedlich mit dem Geschehenen umzugehen.

Gedenken an ein Opfer brutaler Gewalt: Je mehr Details bekannt werden vom Tod des Managers Dominik Brunner, desto fassungsloser sind die Reaktionen angesichts der Grausamkeit der mutmaßlichen Schläger.

(Foto: Foto: dpa)

Während L. wieder und wieder betont, er habe das alles nicht gewollt, fast fleht, er würde alles tun, um die Minuten in Solln ungeschehen zu machen, liest man von seinem um ein Jahr älteren Kumpel anderes. Sch. fabuliert vom Saufen, vom Fighten und vom Zocken, er tut dies in Reimen, es soll cool wirken. Die Worte eines pubertierenden Jugendlichen, man müsste sie nicht ernst nehmen. Wäre da nicht diese halbe Stunde am Nachmittag des 12. September 2009.

Den Ermittlern von Kripo und Staatsanwaltschaft gelingt es in einer gut 90-seitigen Anklageschrift, die Minuten vor der Tat, die ganz Deutschland aufgewühlt hat, zu rekonstruieren, alles, was zwischen den S-Bahnstationen Donnersbergerbrücke und Solln geschehen ist um kurz nach vier Uhr.

Die Aussagen Dutzender Zeugen erlauben dies. Dass Dominik Brunner nach dem Aussteigen in Solln den ersten Schlag gesetzt hat gegen Markus Sch., bestätigen mehrere Beobachter, auch die Schüler, die er schützen wollte. Die Staatsanwaltschaft sieht dies ebenfalls so, allerdings gehen die Ankläger davon aus, dass Brunner damit einfach nur dem bevorstehenden Angriff der Jugendlichen zuvorgekommen ist. Zeugen beschreiben eine Eskalation, beginnend mit ersten, vergleichsweise harmlosen Schlägen an der Donnersbergerbrücke, über verbales, halbstarkes Hickhack im Zug bis zu den tödlichen Tritten in Solln.

Die Schlägerei dort hat etwa eine Minute gedauert, sie wurde akustisch aufgezeichnet. Brunners Handy in seiner rechten Hosentasche war, wohl durch Zufall, eingeschaltet und mit der Polizei-Notrufzentrale verbunden.

Markus Sch., Sebastian L. und ihr Kumpel Christoph T. haben die Nacht auf den 12. September gemeinsam im Haus von Sch.s Eltern in Johanneskirchen verbracht. Markus wohnt noch daheim. Mittags machen sie sich auf, Sch. sagt, er habe zwischen zwölf und halb vier fünf Bier und eine halbe Flasche Wodka geleert, die Ermittler errechnen 1,46 Promille zur Tatzeit, die anderen haben auch getrunken. Kurz vor vier Uhr treffen sie an der Donnersbergerbrücke auf vier Schüler, zwei Jungen, zwei Mädchen. Diese wollen zum Bowling nach Sendling, mit der S7. Der 17-jährige Christoph T. ist offenbar der Aggressivste auf diesem Bahnsteig. Er soll einem Jungen in den Rücken geschlagen haben, dann dem zweiten mit der Faust gegen die Schläfe, dann diesem noch gegen Oberkörper und Oberschenkel.

Die beiden anderen sollen T. dabei verbal unterstützt haben, sie fordern 15 Euro von den Schülern, angeblich für Drogen. Eine Frau mischt sich ein, verwickelt die Angreifer in ein Gespräch. Es sei schon schwer, erwachsen zu werden, sagt sie. Einer gibt zurück, dass es bei ihnen schon zu spät sei. Zu spät zum Erwachsenwerden. 20 bis 30 andere Fahrgäste stehen auf dem Bahnsteig herum, erinnert sich einer der Schüler, aber keiner habe eingegriffen außer der Frau, alle hätten nur geglotzt.

Beinahe hätte an dieser Station alles schon sein Ende haben können. Als Christoph T. nämlich seinen Zug in Richtung Tutzing besteigt, um seine Oma zu besuchen, versuchen die beiden anderen noch, sich hinter ihm reinzudrängeln. Das will die Frau auf dem Bahnsteig beobachtet haben. In letzter Sekunde aber hätten Sch. und L. bemerkt, dass es gar nicht ihre Linie sei, sie brauchten die S7. Sie wollen eigentlich nach Mittersendling, wo L. in einem Heim für schwierige Jugendliche lebt.

Potentielle Zeugen - und potentielle Helfer

Also steigen wenig später die vier Schüler, die Frau vom Bahnsteig sowie L. und Sch. in die S7. Die Schüler setzen sich in ein Viererabteil, daneben die Angreifer. Ihnen direkt gegenüber nimmt Dominik Brunner Platz. Die späteren mutmaßlichen Mörder reden laut übers Abzocken und Überfallen, wollen den Schülern Angst machen. Da mischt sich Brunner ein, und bekommt zu hören, dass ihn das einen Dreck angehe.

So geht das wohl mehrere Minuten, Brunner habe nicht beleidigt oder provoziert, sagt ein Schüler. Sch. und L. herrschen ihn an, er solle nicht so dumm gucken. Brunner entgegnet, er schaue hin, wo er wolle. Der 50-jährige Manager aus Niederbayern ist wohl auf dem Rückweg vom Müllerschen Volksbad, will wieder in seine Zweitwohnung in Solln. Irgendwann droht er, die Polizei zu rufen, die anderen lachen, er steht auf, geht zum Türbereich und wählt die 110. Laut, so dass alle Umstehenden es hören, bittet er Beamte nach Solln. Er bietet den verängstigten Schülern an, sie könnten weiter als bis zu ihrer Station Siemenswerke fahren. Mit ihm bis Solln, zum Schutz. Sch. und L. bleiben auch sitzen bis Solln, hören noch Musik.

16.10 Uhr. Die folgenden Sekunden entscheiden über das Leben von Dominik Brunner. Mehrere Zeugen erklären, dass er nach dem Aussteigen Jacke und Tasche in einem Wartehäuschen weglegt und dann eine Kampfhaltung einnimmt. Er ist es wohl auch, der den ersten Schlag setzt, ins Gesicht von Markus Sch. Zeugen sagen, dass die beiden mutmaßlichen Täter schon aggressiv aus dem Zug ausgestiegen seien, dass sie wieder und wieder vom Schlagen geredet hätten, und dass sie in aggressiver Pose auf Brunner zugegangen seien. Der Lokführer scheint der einzige zu sein, der die beiden jungen Männer als ruhig wahrgenommen hat. Als Sch. getroffen wird, ist erst einmal für einige Sekunden Ruhe. Die Jugendlichen beraten sich, was sie nun tun sollen, so wertet es die Staatsanwaltschaft. Brunner muss nun, so laut, dass es auch der Lokführer hörte, gesagt haben, dass man gleich alles mit der Polizei klären werde. Jedenfalls hält der Zugführer den Ärger für ausgestanden und fährt los. Mit in der Bahn viele potentielle Zeugen - und potentielle Helfer.

Mit den Füßen auf seinen Kopf, mit voller Wucht

Die Auseinandersetzung eskaliert. Die beiden jungen Männer schlagen und treten wie von Sinnen auf Brunner ein, drängen ihn in die Ecke zwischen Wartehäuschen und Geländer. Er wehrt sich noch, kann sich anfangs, wohl aufgrund seines früheren Boxtrainings und der besuchten Selbstverteidigungskurse, noch halten, bald aber sackt er zu Boden. Sein Kopf prallt gegen eine Eisenstange. Als er am Boden liegt, den Kopf unterm Geländer, sollen die Täter mehrfach mit den Füßen von oben auf seinen Kopf getreten haben, mit voller Wucht.

Brunners Gesicht ist da offenbar schon blutüberströmt: Sch. habe zu Beginn einen Schlüsselbund in die Faust genommen und mit einer herausstehenden Schlüsselspitze zugeschlagen, so der Vorwurf. L. soll ein Feuerzeug als Waffe benutzt haben. Die Versuche eines Schülers, die tobenden Angreifer wegzuziehen, scheitern. Zahllose üble Schimpftiraden der Angreifer sind belegt. Es gibt aber auch Aussagen, wonach L., der Jüngere und Schmächtigere der beiden, seinen älteren und größeren Freund irgendwann zurückzuziehen versucht habe, gerufen habe, es reiche jetzt. Sch. aber habe erst einmal weiter gemacht.

Nach etwa einer Minute, kurz vor Eintreffen der Polizei, lassen sie von ihrem Opfer ab. Die Schüler, Brunners Schützlinge, beugen sich über den Mann, einer reicht ihm noch seine Brille, andere Helfer kommen, der Verletzte stöhnt noch etwas, will sich aufrichten, verliert dann das Bewusstsein. Um 18.20 Uhr stirbt Dominik Brunner im Klinikum Großhadern. Die Ermittler stellen 22 einzelne schwere und schwerste Verletzungen an seinem Körper fest. Die Staatsanwaltschaft wirft Sch. und L. Mord vor, Mord aus niedrigen Beweggründen. Sie hätten sich rächen wollen an Brunner für dessen Einschreiten zugunsten der Schüler.

Sebastian L. und Markus Sch. sind über die Gleise in ein Gebüsch geflüchtet, sitzen dort und warten, länger als eine Stunde. Sie sitzen in der Falle. Sie schreiben mehrere SMS an Freunde und telefonieren. Sie schreiben von Bullen, die nur drei Meter entfernt seien, und von Haft. Dass alles Scheiße sei und sie wohl so schnell nicht mehr nach Hause kommen würden. Und schöne Grüße an die Freunde. Obwohl sie offenbar sprechen, bemerkt sie erst um 17.30 Uhr eine Beamtin der Bundespolizei. Mit gezogener Waffe nimmt sie die beiden fest.

Der psychiatrische Gutachter Franz Joseph Freisleder sagt, beide seien in der Lage gewesen, ihr Unrecht einzusehen, ihre Steuerungsfähigkeit sei nicht aufgehoben gewesen. Die beiden jungen Männer schweigen zur Tat weitgehend. Kein Geständnis. Ja, sie seien auf Streit aus gewesen, sagt Sch., nach dem ersten Schlag von Brunner habe er einen Filmriss, habe sich nur wehren wollen. Jetzt gehe es ihm schlecht, weil Brunner tot ist. Die beiden Kumpel sprechen von Rauferei und Gerangel, geben Faustschläge und Fußtritte zu, aber als ihr Opfer am Boden lag, hätten sie es nicht mehr getreten. Zeugen berichten anderes.

Markus Sch. hat Briefe geschrieben aus dem Knast, auch an seinen Bruder. Der sitzt in Neuburg-Herrenwörth, Jugendgefängnis, und er solle doch schöne Grüße ausrichten an Christoph. An jenen Christoph von der Donnersbergerbrücke, der dort geschlägert haben soll, der jetzt auch in Herrenwörth sitzt. Interpretiert man die Briefe von Sebastian L. richtig, ist er ein junger Mensch, der fassungslos vor seiner Tat steht. Er hat nicht die Worte, das gut zu formulieren, er schreibt Scheiße, immer wieder, und man solle doch auch seiner Oma ausrichten, wie leid ihm das alles tue. Seine Oma ist die einzige aus seiner Familie, die ihm geblieben ist. Die Mutter liegt im Pflegeheim, der Vater ist tot.

© SZ vom 09.02.2010/sonn/dmo
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