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Denning:Radikale Rodung

Kahlschlag an der Hecke

Schweres Gerät bei der Arbeit: Mit Bagger beseitigt der städtische Gartenbau große Teile der Hecke.

(Foto: Privat)

Aus Rückschnitt wird Kahlschlag - ein Missverständnis ist schuld daran, dass eine komplette Hecke zerstört wird

Von Nicole Graner, Denning

"Das Kind ist schon in den Brunnen gefallen." Diesen Satz hört man häufig an einem kalten Tag, an dem sich fast 30 Menschen vor dem Eingang des Kleingartenvereins Nordost 59 versammelt haben. Entlang des Zauns der Anlage zieht sich von der Denninger Straße aus ein braunes Band: frisch aufgewühlte Erde, zerfurcht und matschig. Ein bisschen weiter ragen kurze Stümpfe aus dem Boden - die Reste von auf Stock geschnittenen Forsythien-, Flieder-, Holunder- und Jasminsträuchern. Erboste Anwohner, die nicht begreifen können, was aus der einstigen, 300 bis 400 Meter langen Hecke und dem öffentlichen Grünstreifen geworden ist, Mitarbeiter des städtischen Gartenbaus, die ebenfalls nach Antworten suchen, der Gärtner, der die Abholzung vorgenommen hat, der Kleingartenverein und Mitglieder des Bogenhauser Bezirksausschusses stehen vor dem braunen Streifen. Manch einer schüttelt fassungslos den Kopf. Und Angela Burkhardt-Keller vom Bund Naturschutz in Bayern - auch sie ist zum Ortstermin gekommen - fasst das Bild mit einem Satz zusammen: "Ökologisch gesehen ist das der Supergau."

Aber was ist genau geschehen? Und wer hat die radikale Rodung und den Rückschnitt veranlasst? So genau lässt sich das bei dem Ortstermin nicht rekonstruieren. Fest steht: Am Faschingsdienstag machte sich der Gärtner aus der Gartenbauabteilung des Baureferats, Dieter Baumgartner, mit großem Gerät ans Werk. Er kappte die Hecke, die, wie er sagt, in den vergangenen zehn Jahren wohl immer auf Zaunhöhe gehalten worden sei, und sich damit nicht habe entfalten können. "Mit einer Wildsträucherhecke, die gut sieben Meter werden kann, hat das hier nichts mehr zu tun gehabt", sagt Baumgartner und erklärt das nächste Problem: die Brombeeren. Sie konnten ungehindert wuchern - sogar, wie Christine Huber vom Kleingartenverein Nordost 59 sagt, bis in den Weg zur Grünanlage Tucheler Heide hinein.

Kurz zusammengefasst: Hecke und vor allem Brombeeren wuchern. Der Kleingartenverein, der die Hecke bislang zurechtschnitt - wenn auch nach Aussagen des Gärtners nicht richtig - bittet Mitglieder des Bezirksausschusses (BA) Bogenhausen im Herbst 2020 um Hilfe bezüglich der Brombeeren. Zwei Mitglieder des Gremiums schauen sich die Lage an Ort und Stelle an und informieren den Gartenbau. Die Behörde handelt - in der Annahme, der BA sei damit einverstanden. Doch in einer Sitzung des Bezirksausschusses kam der Wunsch der Kleingärtner gar nicht zur Sprache. Über das Anliegen Hecke sei, so Petra Cockrell (Grüne) vom Unterausschuss Umwelt, Grünplanung und Klimaschutz, "nie gesprochen worden", man sei über die Rodung nicht informiert gewesen. Die Wut der Bürger ist groß - so groß, dass zwei ältere Herren die Diskussionsformen sprengen, immer wieder laut Gespräche unterbrechen und Aggression ins Spiel bringen. Andere Anwohner äußern sich dagegen sachlich, zeigen sich einfach bitter enttäuscht, dass so etwas geschehen konnte. "Hier waren Büsche und Sträucher, es sollte auch noch mehr für die Insekten getan werden - und dann macht die Stadt uns das in einer Nacht- und Nebel-Aktion kaputt", sagt ein Nachbar. Auch Anwohner Roland Stolz ist traurig, dass alle Sträucher weg sind und fragt sich, wieso der Bezirksausschuss über das Vorgehen nicht Bescheid wusste.

Der Gartenverein macht den Anwohnern noch einmal klar, dass es mit der Stadt eine Vereinbarung durch den Kleingartenverband München gebe. Die Gemeinschaftsflächen in Kleingarten-Anlagen - dazu gehöre in diesem Fall auch der Grünstreifen - könnten durch die Stadt gepflegt werden, wenn es der Gartenverein nicht mehr schaffe, sie zu pflegen. Dafür zahle man auch einen Betrag, sagt Christine Huber. "Unsere Mitglieder werden immer älter und konnten das einfach nicht mehr übernehmen." Die Brombeeren seien außerdem so über den Weg gewuchert, dass sogar Fahrradfahrer gestürzt seien. Anwohner verneinen das: Das sei nie passiert.

Doch wie soll das Kind nun wieder aus dem Brunnen geholt werden? Was gibt es für Lösungen? Angela Burkhardt-Keller vom Bund Naturschutz plädiert für eine Neupflanzung in Abschnitten. Zunächst könne man die auf Stock geschnittenen Sträucher belassen und sehen, ob und wie sie austreiben. Auf dem bereits durchgefrästen Stück könne man wieder Feldgehölz ansetzen - mit einer klaren Anleitung zur Pflege. Vor allem Sträucher, die Insekten dringend brauchen könnten. Die Brombeeren, die Samen hätten, kämen ihrer Ansicht nach allerdings immer wieder. Es sei denn, es gäbe wieder eine artenreiche und richtig gepflegte Hecke.

Der Vorschlag ebnet nun das weitere Vorgehen. Der BA wird sich mit dem Thema intensiv weiter beschäftigen, wie auch der Gartenbau der Stadt. Auf jeden Fall wolle man es jetzt für alle richtig machen, sagt der BA-Vorsitzende Florian Ring (CSU). Geduld braucht es aber in jedem Fall: Denn es wird dauern, bis der Grünstreifen wieder grün ist.

© SZ vom 12.03.2021
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