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"Debate Club" in München:Eine Debatten-Runde heißt "Nahkampf"

Besser gelingt das seinem Teampartner Maximilian Heisler vom "Bündnis Bezahlbares Wohnen". Vor allem hat er einen guten Trick parat: Allgemeinen Schicksalen gibt er ein Gesicht und einen Namen. Zum Beispiel ist es dann die "95-jährige Nachbarin, Frau Müller, die jetzt bald ausziehen muss, weil das Haus energetisch ertüchtigt wird, sie sich aber dann die Miete nicht mehr leisten kann - was machen wir denn mit ihr?" Die Frage richtet sich, in einer Debatten-Runde, die "Nahkampf" heißt, an Benjamin Vollrath, der sie schließlich so frostig wie nur möglich beantwortet: Es gebe ja nun mal "kein Grundrecht" auf billige, schöne Altbauwohnungen im Zentrum. Überhaupt spricht Vollrath von vielen Dingen, die eigentlich Gift sind: von der drohenden Enteignung der Vermieter, von Hausbesitzern, die eben nicht zuständig seien für Sozialfälle, vom Wandel, der eben dynamisch sei - und vom Stillstand, der tödlich sei für Städte. Gift ist das insofern, da sich die meisten Menschen in dauerbeschleunigten Zeiten etwas tödlichen Stillstand herbeisehnen, um den Turbowandel überleben zu können.

Aber Vollrath ist deutlich. Sogar explizit. Konsequent. Und er spricht klar und deutlich. Auch wenn später eine Frau aus dem Publikum sagen wird, dass er nerve, "dieser Anwalt", so scheint er dies auf überzeugende Weise getan zu haben. Er hat das "Ja, aber" vermieden, Differenziertheit ist manchmal die eigentliche Falle. Leider. Vollrath tappt nicht hinein.

Außerdem ist das Yes!-Team besser als Mannschaft. Der Immobilienentwickler Ralph P. Müller erhält immer wieder Sympathiebekundungen aus dem Publikum, wenn er letztlich den Staat verantwortlich macht, weil die Politik in Städten wie München zu wenig Bauland ausweise. Das kommt gut an, geht es doch gegen "die da oben". Und Guratzsch, der gebürtige Dresdner, vermittelt überzeugend seine Begeisterung für 40 000 Menschen, die seit der Wende wieder in die Stadt Leipzig gezogen seien.

Seit wann sind Debatten fair?

Eine Voraussetzung für diese "Renaissance der Stadt" sei die Sanierung gewesen. Die DDR-übliche Enteignung von Grundbesitz und die kollektive Verwaltung hätten dagegen triste Gespensterstädte entstehen lassen. Das sitzt. Zusammen mit Vollraths dynamischem Plädoyer für die Dynamik von Veränderung kann ein eher jugendlich-dynamisches Publikum letztlich gewonnen werden. Die andere Seite wirkt dagegen statisch, unbeweglich, nicht nach vorne gerichtet, sondern den Status quo verteidigend. Das ist keine faire Beurteilung, natürlich nicht, aber seit wann sind Debatten fair?

Da stellt sich natürlich die Frage, ob die komplexeren Probleme unserer Zeit überhaupt debattentauglich sind. Läuft unsere Demokratie im Kern auf eine Stimmungsdemokratie hinaus? Während man sich noch benommen von der mitreißenden, vorbildlichen und paradoxerweise genauso fragwürdigen Debatte zur Rosenheimer Straße zurückkämpft aus dem Mediaworks-Zentrum, liest man ein paar Firmenschilder in dem aufgehübschten Komplex der alten Konen-Textilfabrik. Man liest "Brainwaves", "Airmotion", "Smartbrand Communication" - und denkt: Wer euch wohl mal verdrängen wird? Vielleicht werden es ja Startups aus Bhutan sein.

© SZ vom 31.01.2015/lime
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