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Dauerausstellung:Kunst für den Körper

Pinakothek Danner Rotunde

Anton Frühauf. Brosche 1960er. Die Neue Sammlung, Dauerleihgabe der Danner-Stiftung, München.

(Foto: Die Neue Sammlung (Alexander Laurenzo))

Mit der Neueinrichtung der Danner-Rotunde, Schmuckraum der Neuen Sammlung, und dem ersten Bestandskatalog erhält der Autoren-Schmuck in der Pinakothek der Moderne endlich den Stellenwert, den er schon lange verdient

Von Ira Mazzoni

Es geht hinab, über Treppen und Rampen immer tiefer bis man - erstmalig von der Neon-Schrift der Designerin Yian Liu geleitet - auf dem Grund in der Mitte des Museums angekommen ist. Dort, wo es keine Orientierung nach außen mehr gibt, wo es ganz still wird, dort ist in der Pinakothek der Moderne seit 2004 die Schmuckkunst zu Hause. Die Danner-Rotunde ist ein Ausstellungsraum, der nie auf der Agenda der Museumsplaner stand. Bei einer gemeinsamen Baustellen-Begehung entdeckten Florian Hufnagl, Leiter der Neuen Sammlung, und Otto Künzli, Professor für Schmuck und Gerät an der Akademie der bildenden Künste, diesen eigentümlichen Raum an der Basis des Vierspartenmuseums. Die beiden Pioniere bestimmten, dass dies der geeignete Ort sei, die als Dauerleihgabe versprochene Schmucksammlung der Danner-Stiftung aufzunehmen, die zugleich das Fundament für die neue Museumssparte Autorenschmuck bildete.

Die Gründer dieser in der Weltstadt des Schmucks überfälligen Institution etablierten mit der Eröffnung der Danner-Rotunde 2004 einen Fünf-Jahres-Rhythmus, um die wachsende Sammlung an zeitgenössischem künstlerischem Schmuck jeweils neu kuratiert in all ihren Facetten präsentieren zu können. Jetzt ist es wieder soweit - passend zum 100. Gründungsjubiläum der Danner-Stiftung: Nach Hermann Jünger, Karl Fritsch und Otto Künzli, wurde für die vierte Präsentation erstmals ein Team beauftragt: Die in Tokio an dem Hiko Mizuno College lehrende Schmuckkünstlerin Mikiko Minewaki und Hans Strofer, der als Leiter der Schmuckklasse 2017 vom Royal College in London an die Burg Giebichenstein in Halle wechselte. Beide Gastkuratoren holten noch den Münchner Schmuckkünstler Alexander Blank ins Team, der zunächst nur beim Aufbau der Ausstellung assistieren sollte.

Wie funktioniert so ein Zusammenspiel von Künstlern und Kuratoren über Tausende Flugmeilen hinweg? Gab es beim west-östlichen, generationenübergreifenden Dialog Diskrepanzen in den Vorlieben? Bei einem ersten Treffen, haben sich Mikiko Minewaki und Hans Stofer stundenlang durch die 14 Archivschränke der Sammlungen gearbeitet. Dann beschlossen sie, jeder solle seine "Funde" fotografieren. Zurück in Tokio und London tauschten sie ihre Bilddateien. Zu beider Verblüffung gab es eine neunzigprozentige Übereinstimmung. Beim zweiten Treffen in München wurde die Schnittmenge ausgelegt und Alexander Blank kam hinzu.

Tiefe, Dunkel, Stille und viel Zeit - so wie Mikiko Minewaki und Hans Strofer in die Schatzkammer der Neuen Sammlung eingetaucht sind und auf die näherkommenden Echos ihres Kunstradars reagiert haben, so kann nun das Publikum in die Danner-Rotunde eintauchen und mit jeweils eigenem Echolot neue Entdeckungen unter 243 starken Stücken machen. Darunter gibt es Objekte, die noch nie ausgestellt waren. So die Abformung eines transkaukasischen Votivblechs aus dem siebten und achten Jahrhundert, das Florian Hufnagl als Urbild eines geschmückten Menschen seinerzeit ins Zentrum der Rotunde stellen wollte. Nun liegt es auf silbrig schimmerndem Textilgrund in einer Tischvitrine an der Seite einer 50 Zentimeter langen Brosche aus gelb lackiertem, an den Enden abknickendem Eisendraht, die der Niederländer Herman Hermsen vor 37 Jahren entworfen hat: eine von vielen überraschenden Paarungen und Gruppierungen der Kuratoren, die das Hinsehen anregen. Erstmals werden auch Entwürfe, Skizzenbücher, Modelle aus der Neuen Sammlung ausgestellt. Ganz zauberhaft die beiden Broschen-Modelle, die Hermann Jünger, Begründer der neueren Münchner Schmuckkunsttradition, zu einem Stillleben in einer Schwarzen Schachtel montierte, die einst Fotopapier enthielt. Erstmals sind auch Werksentwürfe namhafter Unternehmen und alltägliche Objekte dabei, die als Schmuck gelten. So wird ein weiter Diskurs über die Funktion von Schmuck und die Haltung ihm gegenüber in verschiedenen Gesellschaften eröffnet. Insgesamt ist die Schau eine große Liebeserklärung an die Ausdrucksvielfalt einer Kunst, die wie keine andere unmittelbar mit uns selbst zu tun hat.

"Schmuck kann tödlich sein" - "Schmuck macht süchtig" - "Schmuck kann Sie ruinieren" - mit solchen schwarz umrandeten Klebebuttons nach Art der seit 2003 verordneten Warnhinweise auf Zigarettenschachteln machte Florian Weichsberger 2004 in der ganzen Stadt auf die Eröffnung der Danner-Rotunde aufmerksam. Sie befinden sich jetzt in einer der Schrift gewidmeten Vitrine, zusammen mit dem von der Galerie Spektrum gestifteten T-Shirt von Peter Skubic mit der Aufschrift "Hier fehlt Schmuck" und der zierlichen, neonroten Nadel von Manfred Bischoff mit dem einen entscheidenden Wörtchen "Nein", die zu der Schenkung von Peter Skubic an die Neue Sammlung gehört. Manchmal sind die Schmuckstücke einer Vitrine zu Logos formiert: Unter die dreieckige Schachtel mit chinesischem Goldflitter-Papierschmuck für das Totenfest der "Hungrigen Geister" haben die Kuratoren Otto Künzlis schwarz gummierten Armreif "Gold macht blind" gesetzt. Ohrringe von Harry Bertola, ein Halsschmuck aus einem Gummikabel von Johanna Dahm und ein knallroter Kunststoffanhänger von Václav Cigler ordnen sich zu einem lachenden Gesicht. Ein solches Arrangement sorgt zwischendurch für Erheiterung. Rund um Meret Oppenheims Röntgenbild, das die Künstlerin mit ihren Kreolen, Ketten und Ringen zeigt, haben die Kuratoren eine Gruppe rein schwarzer Schmuckstücke zu einem Schattenspiel geordnet, darunter das hitzegeformte, elegant gewellte Acryl Collier von Ralf Burkhard, das um die Schulter gelegt. wird. Gelegentlich scheinen Gruppierungen zu gewollt, etwa die Kombination von Mirei Takeuchis zauberhafter Kette simulierter Insektenflügel und ein dazu wie ein Anhänger präsentierter, massiver Stahlreif von Friedrich Becker, der nach dem Krieg über den Maschinenbau zur Goldschmiedekunst kam. Die ein oder andere Gruppierung liest sich auch wie eine Persiflage, wirkt irgendwie despektierlich inmitten all der Bewunderungshymnen.

Beim Rundgang in der Danner-Rotunde, deren Wände wohltuendes Rouge angelegt haben, wird der Besucher allen Fragen des Lebens und der Vielfalt der Welt begegnen und Erstaunliches entdecken: etwa den aus rosa Metzgereipapier zusammengenähten, fiedrigen Kopfschmuck der Schweizer Designerin Verena Sieber-Fuchs in Nachbarschaft von einem breiten Silbercollier eines Miao-Meisters aus Südchina. Den aus geschmolzenem Ostseesalz geformten monolithischen Armreif von Jan Erik Skevik hätte man vielleicht sogar übersehen, läge er nicht in der Nähe von Bernhard Schobingers aggressivem orangeroten Halsschmuck "Hirnsäge".

Wer aus der Tiefe der Danner-Rotunde mit glänzenden Augen wieder ins Tageslicht des Foyers auftaucht, der ist gut beraten, den soeben erschienenen Sammlungskatalog von Petra Hölscher zu erwerben. Die überfällige, von der Ernst von Siemens-Stiftung geförderte, Publikation erzählt von dem langen Weg des Autorenschmucks in die Pinakothek der Moderne, von dem erfolgreichen Zusammengehen der 1920 gegründeten "Danner'schen Kunstgewerbestiftung" und der 1925 aus dem Werkbund heraus gegründeten "Neuen Sammlung", lässt die Gründer, Kuratoren und Schmuckkünstler zu Wort kommen und bietet in alphabetischer Reihenfolge der mittlerweile 103 in den Sammlungen vertretenen internationalen Schmuckkünstler exzellente Abbildungen ihrer Werke. Ein biografisches Lexikon macht das Buch zu einem unentbehrlichen Nachschlagwerk. Das violett gebundene, 576 Seiten starke Standardwerk kann auch als Vermächtnis von Florian Hufnagl gelesen werden, der am letzten Tag des vergangenen Jahres verstarb: Ohne seinen Mut, seine Begeisterungsfähigkeit, seinen Spürsinn, sein Networking, seine Beharrlichkeit und sein stupendes Qualitätsbewusstsein hätte der Autorenschmuck kaum Einzug in die Pinakothek der Moderne gehalten, hätte die Sammlung nicht diese internationale Strahlkraft, die sie heute besitzt. Während Florian Hufnagel 1995 wähnte, ein neues Sammlungsgebiet zu etablieren, kann Petra Hölscher heute mit einem sensationellen Archivfund belegen, dass die Neue Sammlung in ihrer ersten Ausstellung 1926 ganz selbstverständlich neben Keramik- Metall-, und Glasobjekten auch Schmuckstücke zeigte. Der Schmuck aus Münchner wie Wiener Werkstätten gehörte selbstverständlich mit zum Sammlungsauftrag des Designmuseums dazu. Doch die Sammlung und das Wissen darüber ging im Krieg verloren. Die Qualität der heutigen, relativ jungen Sammlung und der durch den Katalog vermittelte Überblick verpflichten dazu, Lücken zu schließen und auf dem erreichten Niveau weiterzumachen.

Radar beeps. Neupräsentation der Danner-Rotunde - Schmuckraum der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne, kuratiert von Mikiko Minewaki, Hans Stofer und Alexander Blank, von Samstag, 14. März an. Katalog: Petra Hölscher (Autorin) / Die Neue Sammlung - The Design Museum, Danner Stiftung (Hg.), Schmuck. 520 Seiten, 1200 Abb. Hardcover, Deutsch / Englisch, 58,00 Euro

© SZ vom 14.03.2020
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