bedeckt München 23°
vgwortpixel

"Dann wäre München innovativ":Mit Kreissäge und Stemmeisen

Gerd Grüneisl, Mitgründer von Mini-München, erklärt, warum das Sommer-Camp auch nach 40 Jahren immer noch junge Menschen fasziniert und oft fürs Leben prägt

Was Gerd Grüneisl hört und was er sieht, das sind oft sehr verschiedene Dinge. Der 74-Jährige sitzt an einem heißen Juli-Vormittag auf einer Bierbank, blickt auf einige Hundert der Tausenden von Utensilien, die noch verladen werden müssen, zieht eine blaue Gitanes aus der Packung und steckt sie sich zwischen die Lippen. Der Kunstpädagoge spricht mit der Stimme eines Braunbären, der graubraune Schnurrbart wippt, der weiße Haarkranz wackelt. "Die Mutter sagte zu mir: Der ist schüchtern." Grüneisl mag genau solche Geschichten, wenn er von den vergangenen 40 Jahren in Mini-München erzählt. Es sind Geschichten, die erklären, warum diese Idee bis heute lebt, und warum ein längst pensionierter Mann mit der Gelassenheit einer Litfaßsäule noch immer gerne zwischen Tausenden Stellwänden, Läden und Ämtern steht und 2500 Kinder täglich mit betreut. Man könnte da ja wahnsinnig werden, und warum das nicht passiert, kann Grüneisl auch erklären.

"Die Mutter war dann ein paar Stunden später völlig irritiert", sagt Grüneisl. Sie warnte also den Veranstalter vor, das ist ein paar Jahre her, und schickte den Jungen los. Bei Mini-München gibt es alles, was es im Maxi-München auch gibt, von der Polizei bis zum Bürgermeister. Zunächst einmal ging der Junge dann an den Schalter, so geht es immer los. Am Schalter sitzen andere Kinder, zwischen sieben und 15 Jahren darf man sein, um mitzumachen. Die Kinder am Schalter haben sich diesen Job ausgesucht und beraten die Neuankömmlinge, welche Aufgabe sie übernehmen könnten. In der Küche? Architekturbüro? Der schüchterne Junge ließ sich beraten, "und ein paar Stunden später stand er auf der Bühne des Theaters". Grüneisl lächelt, aber nur ganz leicht. Wenn es um den richtigen Umgang mit und die richtige Umgebung für Kinder geht, spricht er durch, lässt sich nicht unterbrechen. Lässt er sich ohnehin nur sehr schwer, das ist wohl die jahrzehntelange Sozialisation zwischen lauter lauten bis vorlauten Kids.

Gerd Grüneisl hat schon die irrsten Verwandlungen erlebt, wenn etwa ein sonst schüchterner Junge plötzlich auf der Theaterbühne steht.

(Foto: Robert Haas)

Grüneisl sagt es nicht, aber es wird klar: Mini-München ist in seinen Augen ein wichtiger, wenn nicht gar essenzieller Bestandteil der Kindesentwicklung. Gerade heute, wo die jungen Menschen nur noch in "künstlichen Lebenswelten" aufwachsen würden. Die Welt hier in der Lerchenau, wo der Verein "Kultur & Spielraum" sein Lager hat, besteht aus Dutzenden Gängen, es riecht nach Holz, Farbe, Papier. Im Untergeschoss sortieren die Mitarbeiter gerade Boxen für die Verwaltung ein, in der Werkstatt oben werden Leinwände für die Kunstakademie vorbereitet.

Als Grüneisl anfing, im Jahr 1979, beim ersten Mini-München, war München noch anders. Da erlebten Kinder auch noch mehr in der Stadt. "In Haidhausen, wo ich groß geworden bin, gab es den Dengler neben dem Schreiner, man hat als Kind alles gesehen und miterlebt." Heute gebe es kaum einen Handwerker mehr in der Innenstadt. "Wenn früher der Papa Schreiner war, hat er dem Sohn den Hobel einfach in die Hand gedrückt." Heute gibt es keine Schreiner mehr, die einem Kind den Hobel in die Hand drücken, viel zu gefährlich. "Es entstehen nur noch Wohnungen, aber kein Handwerkerhof mehr." In Mini-München gibt es eine Werkstatt, sogar mit echter Kreissäge und Bohrmaschinen, was manchen Eltern allerdings auch Angst macht.

Am Schalter geht es für alle Kinder los: Hier meldet man sich bei Mini-München an und im Arbeitsamt lässt man sich beraten, was man tun möchte.

(Foto: Catherina Hess)

Grüneisl läuft durch die Gänge, seine Umhängebrille wippt, auf den leisen Sohlen seiner weißen Turnschuhe geht er an den Mülleimern der Müllabfuhr vorbei. "In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal keine Halle gefunden", sagt er. Dass ihn das ärgert, kann man weder sehen noch hören. Aber es muss ihn wurmen. 1979, im Gründungsjahr von Mini-München, da bekam der Verein eine der Hallen gratis, heute gibt es weniger Hallen und die sind teuer und ausgebucht. Kein Platz für Kinder, insgesamt braucht die Aktion 12 000 Quadratmeter, früher im Zenith funktionierte das, halb drinnen, halb draußen. Diesmal hat der Verein 17 große Zelte organisiert, Mini-München steht im Olympiapark auf dem Gelände der früheren Event-Arena. "Wenn es richtig regnet, wird das schwierig."

900 Wände allein sind nötig, um die verschiedenen Spiel-Orte zu trennen. Zehn Lkw-Ladungen werden transportiert, Dutzende Helfer sind im Einsatz. Die Sachen müssen geschleppt und aufgebaut werden, das macht Grüneisl aber nur noch bedingt. Zwei Bandscheibenvorfälle hatte er, "aber erst nach 40 Jahren", und das sei "zwei Mal repariert" worden. Beiläufiger kann man das nicht erwähnen. Reparieren und erschaffen. Grüneisls Thema.

"Als ich Kind war, hatten wir zwangsläufig alles vor der Haustüre und haben einfach losgespielt", sagt er. Die "Spiellandschaften" waren die Ruinen Münchens nach dem Krieg. "Wir haben uns vom Opa eine Beißzange und einen Hammer ausgeliehen, dann ging es los." Steine, Balken, all das gab es zur Genüge in Haidhausen. "Wo ist ein Kind heute? Auf sterilen Spielplätzen." Schon vor dem ersten Mini-München, das seitdem alle zwei Jahre stattfindet, gab es Vorläufer. Die Pädagogen hatten Papphäuser bauen lassen, später welche aus Holz, und stellten fest, dass Kinder die zuvor gebauten Orte bespielten und bewohnten. Grüneisl, Architekt und dann als Kunsterzieher mit zwei anderen Gründer von Mini-München, fand, dass schon damals die Wirklichkeit des Klassenzimmers eine abgehobene war. "Wir haben gemerkt, als die Papphäuser standen, dass immer mehr Kinder kamen und fragten, ob sie mitmachen können." Das war ausschlaggebend. In Italien gab es schon Ansätze in die Richtung, den Kindern Material in die Hand zu geben und sie machen zu lassen, und als dann die Stadt einstieg und mitförderte, wurde aus dem Lehrer Grüneisl ein Freiluft-Kulturpädagoge. Warum? "Weil es schöner war. Ist."

Spielstadt "Mini-München" im Zenith, 2016

Zu "Mini München" gehört genauso eine Hochschule als auch eine Werkstatt mit echter Kreissäge und Bohrmaschinen.

(Foto: Catherina Hess)

"Wenn es heute heißt, dass die Kinder interessenlos sind, stimmt das überhaupt nicht", sagt er. "Aber ein leerer Spielplatz ist halt nicht spannend." Auch das Smartphone sei kein Problem in Mini-München, "das ist erlaubt", aber die Kinder würden es einfach vergessen. Im Alltag seien sie aber eben vom realen Leben abgeschnitten, "werden in Sonderwelten gesteckt, weil das einfacher ist" für die Eltern.

Er bleibt im Lager vor einem Holzstumpf stehen, eines der Kunstwerke, die beim Holzbildhauer dann ausgestellt sind. "Kinder nehmen ihre Kunstwerke meistens mit, aber es braucht auch welche, damit sie eine Orientierung haben." Vor allem: Sie sollen sich selbst orientieren können, ohne Vorgaben. Wenn ein Werk zu sehen sei und vielleicht schon andere mit den Werkzeugen hantieren, mache ein Kind gleich mit. "Und dann dieses Erlebnis: Ich nehme Klöppel und Stemmeisen, und auf einmal entsteht etwas aus meinen Händen." Manche würden dann Tage mit dem Holz verbringen.

"Spannend für Kinder ist ja vor allem, etwas mit anderen Kindern zu machen." Nebenan steht das Schild für die Küche. "Da ist ein gelernter Koch dabei", sagt Grüneisl, was dazu führe, dass sich die Kinder in der Küche zum einen ernst genommen fühlen und zum anderen eine sachliche Kompetenz herrsche. So wie auch die des früheren Elektromeisters der Kammerspiele, der jahrelang mit den Kindern Geräte repariert hat. "Ich als Pädagoge habe ja nur eine fiktive Autorität, weil ich Strafen verteilen kann." Der Koch zeigt dem Kind, was es machen muss, damit es schmeckt, und schon ist Neugierde da. "Oh Gott, ich hab meinen Sohn noch nie in der Küche gesehen", sagte mal ein Elternteil. Ein anderer Junge erzählte Grüneisl, wie gerne er den Geruch in der Küche hat. "Aber daheim durfte er nicht kochen, die Familie hatte eine sündteure Superküche, da hätte er vielleicht etwas kaputt gemacht." Auch das sind sterile Umgebungen, die Grüneisl meint. Er spricht von einem sinnlichen Verlust. "Viele Kinder sagen beim Thema Malen erst einmal: Bloß nicht! Und dann malen sie leidenschaftlich auf großen Leinwänden." Was der 74-Jährige in Mini-München versucht, nennt er "diskretes Ästhetisieren der Berufe und Lebenswelten". Vor allem treffen Kinder im Alltag immer weniger aufeinander, sagt Grüneisl. "Wo kommen die denn im Alltag in Kontakt? Hier verhandeln sie, streiten, verbünden sich, taktieren. Manche sind später das geworden, was sie in Mini-München waren, Grundstücksmakler, Journalisten, Politiker."

Spielstadt "Mini-München" im Zenith, 2016

Dieses Kind will in die Comenius Hochschule in der Spielstadt "Mini München: Dafür gilt es, Formulare auszufüllen.

(Foto: Catherina Hess)

1986 traf Mini-München auf Maxi-München. Es ging um die Finanzierung des Projekts. Der kleine Bürgermeister und ein paar seiner Stadträte gingen zum großen Rathaus. Das Ergebnis: Es gab das benötigte Geld. "Eigentlich bräuchte München, um die jungen Menschen gut zu versorgen, fünf solche Mini-München-Projekte permanent das ganze Jahr über", sagt Grüneisl. "Dann wäre München innovativ und vorne mit dabei." Zeit, dass sich wieder eine junge Delegation zum Rathaus aufmacht.

Grüneisls Kinder haben auch mitgemacht bei Mini-München, er wird auch in diesem Sommer wieder Tausende Kinder betreuen. "Das Schönste sind begeisterte Kinder. Zu sehen, wie die auf einmal mit Lust aktiv werden, das ist unbezahlbar", sagt Grüneisl.