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Zeichen der Solidarität:Appell an die Menschenfreundlichkeit

Ernst Grube, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, bedauert den Ausfall der Gedenkfeiern in Dachau. Noch mehr schmerzt den 87-Jährigen aber weltweit zunehmende rechte Hetze und Rassismus

Von Johanna Hintermeier, Dachau

Die Lagergemeinschaft Dachau e.V. hat anlässlich des 75. Befreiungstages des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau mehr gesellschaftliche Solidarität gefordert. In einer Pressemitteilung verurteilt die Gemeinschaft die rechten Stimmungen im Land, das Leid von Flüchtlingen weltweit und spricht sich für Hilfe für die isolierten Risikogruppen des Coronavirus aus. "Wir wollten uns an die Zivilbevölkerung wenden und uns anlässlich der Befreiungsfeier mitteilen, weil wir das nun nicht vis-à-vis tun können", schreibt der Vorsitzende der Lagergemeinschaft, Ernst Grube. An Politik und Gesellschaft appelliert die Lagergemeinschaft, in der Corona-Krise "den Überlebenden des Holocaust und der nationalsozialistischen Verfolgung in besonderer Weise beizustehen". Als hochbetagte Menschen gehörten die Überlebenden zur Risikogruppe des Covid-19-Virus und seien deshalb besonders bedroht. Die Überlebenden des Holocausts betonen, dass in der sozialen Isolation eigene traumatische Erfahrungen wieder drängend aufträten. Es sei ein Akt der Wertschätzung, die Nöte der Betroffenen zu lindern, so die Lagergemeinschaft.

Der Verein von überlebenden Häftlingen bedauert überdies den Ausfall der Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen KZ Dachaus. Im Dachauer KZ und den Außenlagern wie in Kaufering wurden von 1933 bis 1945 mehr als 200 000 Menschen inhaftiert, etwa 41 500 davon ermordet. Am 19. April 1945 wurden das Lager und die Überlebenden von amerikanischen Truppen befreit. Die Gedenkstätte hatte heuer mehr als 2000 internationale Gäste eingeladen, darunter siebzig Überlebende und zwanzig Befreier. Es entfalle nun ein wichtiges Treffen unter Zeitzeugen, so Grube. "Das schmerzt sehr und kein Video der Welt kann das ersetzen." Schließlich sei nicht klar, wie viele der Zeitzeugen im nächsten Jahr überhaupt noch leben würden, fürchtet Grube, der selbst 87 Jahre alt ist.

Mit den internationalen Gästen wären in diesem Jahr auch 70 Überlebende und 20 Befreier des ehemaligen Dachauer Konzentrationslagers zu der Gedenkfeier gekommen. Wegen der Corona-Pandemie musste die lange geplante Veranstaltung abgesagt werden.

(Foto: Toni Heigl)

Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung und Stimmung in Deutschland sieht die Lagergemeinschaft 75 Jahre nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes bedroht durch rechtsextreme Bewegungen und Stimmung weltweit. Grube: "Dieselben ethnischen Gruppen von Sinti und Roma, Homosexuellen bis zu Juden sind heute wieder oder immer noch Ressentiments und Hetze ausgesetzt." Grube warnt vor rassistischen und antisemitischen Vorurteilen in Deutschland. Diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit müsse mit einer "Menschenfreundlichkeit und Solidarität" beantwortet werden.

Mehr Wertschätzung und einen menschlicheren Umgang wünscht sich der ehemalige Häftling des Konzentrationslagers Theresienstadt auch für die Flüchtlinge in europäischen und libyschen Auffanglagern. "Wir und die Europäische Union können nicht die Augen davor verschließen, wie so viele Menschen weltweit leiden und wir sie leiden lassen - das ist hartherzig." Deutschland müsse "materielle Hilfe und glaubwürdige Solidarität" für diese Menschen zur Verfügung stellen und im Zweifel auch ohne europäische Nachbarn den Asylanspruch weiter als Menschenrecht behandeln.

Befreiungsfeier

Ernst Grube ist einer der wenigen Überlebenden, die noch in der Lagergemeinschaft aktiv sind.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Grube erinnert daran, dass in den 1950er Jahren auch Flüchtlinge aus dem Osten auf dem Gelände der heutigen Gedenkstätte in Dachau untergebracht waren. Das Problem damals wie heute sei "ein Wegschauen und Vorurteile der Gesellschaft diesen Menschen gegenüber". Man brauche immer laute Stimmen, die auf das Leid der anderen hinwiesen, sagt Grube. Die Lagergemeinschaft bringt ihr Forderung so auf die Formel: "Für ein solidarisches Miteinander statt hasserfülltes Spalten." Der Verein hebt hierbei das hervorstechende berufliche und ehrenamtliche Engagement vieler Menschen in der Corona-Pandemie hervor. Grube: "Davon brauchen wir immer mehr."

Die Lagergemeinschaft e.V. blickt selbst auf 74 Jahre Einsatz und Anteilnahme für das Gedenken an die nationalsozialistischen Verbrechen zurück. Sie wurde 1946 von ehemaligen Häftlingen, unter anderem von dem langjährigen Präsidenten Max Mannheimer, gegründet. Maßgeblich leistete die Lagergemeinschaft ihren Beitrag zur Schaffung der heutigen Gedenkstätte. Grube: "Die Stimmung in der Zivilbevölkerung war in den 1950er Jahren eine andere, viele Vorurteile aus Zeiten des Nazi-Regimes waren noch in den Köpfen." Ein besonderes Anliegen ist dem Verein auch die internationale Völkerverständigung zur Sicherung des Friedens und die Einhaltung der Verbreitung nationalsozialistischer Ideologien. Laut Grube sind mittlerweile im Verein nur noch wenige Zeitzeugen selbst aktiv, sondern deren Kinder. "Eine unserer Lehren der letzten Jahrzehnte ist: Wir können nichts als selbstverständlich gegeben sehen, was wir bereits erreicht haben."

© SZ vom 28.04.2020
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