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Strategien gegen die Wohnungsnot:Zimmer frei

Im Landkreis stehen laut Statistik 1800 Wohnungen leer. Allein in Hebertshausen sollen es 73 sein. Die Gemeinde will nun mittels einer Studie herausfinden, wie sie die Eigentümer zu Vermietern machen kann

Die Gemeinde Hebertshausen möchte mehr Menschen zu Vermietern machen. Mehr als 70 Wohnungen sollen in der Gemeinde leer stehen. Nicht nur in Hebertshausen. Laut Daten des Mikrozensus von 2011 - aktuellere gibt es noch nicht - stehen im ganzen Landkreis 2,9 Prozent der Wohnungen leer. Das Landratsamt gab dazu Anfang 2016 eine Zahl von 1800 leer stehenden Wohnungen im Landkreis bekannt, 800 davon sollen in Dachau sein. Doch während sich die meisten Bürgermeister diese Zahlen schlicht nicht erklären können oder auf das Recht von Privatleuten verweisen, ihre Einliegerwohnungen leer stehen zu lassen, will man in Hebertshausen auf die Vermieter zugehen. Auf 73 unbewohnte Objekte ist Bürgermeister Richard Reischl (CSU) gemeinsam mit seinen Mitarbeitern gekommen, als sie nur einmal in Gedanken Haus für Haus durchgegangen sind.

Pilotprojekt in Hebertshausen

Auch zu den Gründen, warum Eigentümer ihren Besitz ungenutzt lassen, statt gewinnbringend zu vermieten, gibt es ein paar Vermutungen. Doch belastbare Daten, aus denen sich Handlungsempfehlungen für die Gemeinde ableiten lassen, fehlen. Um dem Phänomen Leerstand konkreter auf den Grund zu gehen, will die 5700-Einwohner-Gemeinde ein Pilotprojekt starten und gemeinsam mit der Caritas Dachau eine Studie in Auftrag geben. Betreuen wird das Vorhaben die Leiterin Soziale Dienste der Caritas, Lena Wirthmüller, die 2013 bereits den ersten Armutsbericht für den Landkreis erstellt hat. In Hebertshausen werden im Rahmen einer Abschlussarbeit im Frühjahr alle 1700 privaten Immobilieneigentümer befragt. Als Ergebnis erhoffen sich die Initiatoren konkrete Antworten auf eine einzige Frage: Was können Politik und Wohlfahrtsverbände tun, um Leerstände für den Wohnungsmarkt zu aktivieren?

"Denkbar wäre, dass die Kommune als Mieter auftritt als Absicherung für den Vermieter", sagt Bürgermeister Richard Reischl.

(Foto: Toni Heigl)

Schon vor der Studie weiß Bürgermeister Reischl, dass unbewohnte Immobilien in Hebertshausen ein reales Phänomen sind. Gleichzeitig stehen immer wieder verzweifelte Bürger im Rathaus, die trotz intensiver Bemühungen keine Unterkunft finden. Alleinerziehende Mütter, die nach einer Trennung oder Scheidung den Kindern das vertraute Umfeld im Heimatdorf erhalten wollen. Familienväter, die nach einer Eigenbedarfskündigung fürchten, bald mit ihren Lieben auf der Straße zu stehen. Den elf Hebertshausenern mit Wohnberechtigungsschein kann Reischl derzeit nicht helfen, weil die zwölf Sozialwohnungen der Gemeinde belegt sind. Auf der anderen Seite stehen Bürger, die Wohnung oder Haus in ihrem Eigentum leer stehen lassen. Aus Gesprächen mit den Besitzern weiß Reischl, dass manche sich vor Mietnomaden fürchten, andere in höherem Alter mit dem Papierkram einer Vermietung überfordert sind. Nicht selten gibt es bauliche Gründe, beispielsweise weil die leer stehende Unterkunft nur durch die Privatwohnung des Eigentümers zu erreichen wäre.

Mietführerschein für Migranten

Diese fragmentarischen Erkenntnisse sollen nun auf eine solide Basis gestellt werden. Mit einer Studie, bei der Gemeinde und Caritas zusammenarbeiten. Auch die Wohlfahrtsverbände sind an mehr Wissen interessiert. Das Thema Wohnungsnot treibt die Pädagogen in den Beratungsstellen um, weil viele der Ratsuchenden auch unter schlechten Wohnbedingungen leiden. Vielleicht könnten soziale Institutionen einen Beitrag leisten, um Eigentümern wieder Mut zur Vermietung zu machen, überlegt Lena Wirthmüller. "Vielleicht braucht es eine wöchentliche Umbau-Beratung im Caritas-Zentrum, einen Infoabend zum Mietrecht oder einen Mietführerschein für Migranten." Auch Bürgermeister Reischl kann sich vorstellen, dass die Gemeinde konkret aktiv wird. "Denkbar wäre, dass die Kommune als Mieter auftritt, als Absicherung für den Vermieter."

Lena Wirthmüller von der Caritas wird die Studie leiten. Sie könnte sich eine Umbau-Beratung vorstellen.

(Foto: Privat)

Die Studie soll auch Erkenntnisse liefern, ob und wie das Potenzial großer Häuser besser genutzt werden könnte. Gemeint sind als Familienheim errichtete Gebäude, die nur mehr von einem älteren Bürger bewohnt werden und deren Bewirtschaftung für die Bewohner oft zur Last wird. Hier könnten neue Wohnformen eine Chance bieten. Generationsübergreifende Wohngemeinschaften etwa, wo sich Senioren junge Leute ins Haus holen, um gegen eine verbilligte Miete zusätzlich auch Hilfe in Haus und Garten zu erhalten. "Wichtig wäre zu wissen, welche Informationen die Bürger über solche Modelle benötigen", erklärt Wirthmüller. Bürgermeister Reischl ist es wichtig zu betonen, dass die Gemeinde helfen und unterstützen will, aber niemanden unter Druck setzen möchte. Das heißt konkret: Wer seine Wohnung leer stehen lassen will, kann das problemlos tun. Aber künftig ausgestattet mit umfangreichem Wissen, welche finanziellen Vorteile und auch zwischenmenschliche Begegnungen ihm mit so einem Leerstand entgehen.