Verdruss wegen Verspätungen Der "Bahnhofspate" knöpft sich Söder vor

Allein 50 Störungen auf der Linie S2 in der vergangenen Woche sind für Josef Mittl aus Petershausen eine extreme Bilanz.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Josef Mittl schickt dem Ministerpräsidenten sein "Pendlertagebuch" und fordert, den Nahverkehr zur Chefsache zu machen.

Von Petra Schafflik, Petershausen

Als Pendler, der täglich mit dem Zug von Petershausen zum Arbeitsplatz in die Münchner Innenstadt fährt, ist Josef Mittl einigen Verdruss gewöhnt. "Aber vorige Woche war schon extrem", klagt Mittl, der sich ehrenamtlich als "Bahnhofspate" und Mitglied des Fahrgastverbands Pro Bahn für die Interessen der Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr einsetzt. 122 Minuten Verspätung in fünf Tagen, täglich mindestens eine zeitraubende Störung, mehr als zwei verlorene Stunden auf dem Weg zum Büro, "frustrierendes Warten oder gehetztes Rennen". Und all das ausgerechnet in der Woche, in der Ministerpräsident Markus Söder gemeinsam mit Verkehrsminister Hans Reichart (beide CSU) eine kurze, aber öffentlichkeitswirksame S-Bahnfahrt im Berufsverkehr unternommen hat. Für Mittl Anlass genug, die Daten seines "Pendlertagebuchs" in einem persönlichen Brief an Söder zu übermitteln. Seine Forderung: Um die alltäglichen Probleme zu beheben, müsse der Ministerpräsident den öffentlichen Nahverkehr zur Chefsache machen.

Es sei schon am Montag gut losgegangen, berichtet Mittl, der in Petershausen auch für die Freien Wähler im Gemeinderat sitzt. Der Regionalzug 59175, der normalerweise 26 Minuten braucht für die Strecke von Petershausen zum Münchner Hauptbahnhof, erreichte sein Ziel eine halbe Stunde zu spät. Doch nicht nur das. Mittl hat noch mehr erlebt: Technische Störung, Verzögerung im Betriebsablauf oder Verspätung ohne bekannten Grund. "Jeden Tag ein Zwischenfall", sagt er. Die Verspätungen am Mittwoch und Donnerstagmorgen fallen mit sechs und zehn Minuten fast harmlos aus.

50 Störungen in einer Woche auf der S2

Am Freitag durfte Mittl auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit gemeinsam mit den Mitreisenden im Regionalzug eine Dreiviertelstunde auf Höhe Hebertshausen zuschauen, wie S-Bahnen in beiden Richtungen vorbeirauschten, nur der Zug, in dem er saß, stand still. "Alles keine Einzelfälle", weiß Mittl. Der Streckenagent, ein E-Mail-Service der Bahn, der Nutzern per App Probleme meldet, "verzeichnete auf der Linie S2 allein 50 Störungen in dieser einen Woche. Das ist die Realität."

Seit einem halben Jahr beobachtet Mittl, dass Zwischenfälle und Verspätungen zum Alltag werden. "Eine Tendenz, die es zu hinterfragen gilt", sagt er. Einen funktionierender Nahverkehr hält er für entscheidend angesichts des Siedlungsdrucks in der Metropolregion. Beispiel Petershausen: Dort entwickelt der Gemeinderat gerade ein neues Wohngebiet für etwa 800 Einwohner in fußläufiger Entfernung vom Bahnhof. "Wenn davon 400 Pendler sind, wo sollen die noch alle einsteigen? Spätestens in Röhrmoos sind die Züge dann dicht."

Der Bahnhofspate hofft auf "grüne Signale"

Kritisch sieht Mittl, dass Söder beim Zukunftsforum Automobil sagte, das Automobil sei "die industriepolitische Halsschlagader von Deutschland und Bayern". Im Hinblick auf den ÖPNV-Gipfel, den Söder für März angekündigt hat, fordert der Petershausener "Bahnhofspate", "die Bahnkunden nicht zu vergessen". Denn, davon ist Mittl überzeugt, "die Bahn ist die verkehrspolitische Halsschlagader unserer Region". Diese zu stärken und zu ertüchtigen, damit der Nahverkehr wieder stabiler läuft, sollte das Ziel sein.

"Der ÖPNV muss wieder Sicherheit und Verlässlichkeit bieten." Von Söder, dessen S-Bahnfahrt Mittl als "Zeichen der Solidarität mit den vielen genervten Pendlern" wertet, erhofft sich der Freie Wähler deshalb beim Nahverkehrsgipfel "grüne Signale" und tatkräftige Unterstützung für den Nahverkehr.