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Tassilo:Edin Cerovac ist für Tassilo-Preis nominiert

Drei Bands, eine Gitarrenschule und diverse kreative Konzertformate: Edin Cerovac ist nicht nur ein echter Tausendsassa, sondern auch eine treibende Kraft in der Dachauer Musiklandschaft. Wie einfallsreich er ist, hat er in der Pandemie wieder bewiesen. Der Künstler ist nun für den Tassilo-Preis der SZ nominiert

Von Jana Rick, Dachau

Edin Cerovac ist von Beruf Gitarrenlehrer. Und Zahntechniker. Aber auch Sänger. Und dreifacher Bandleader. Und Zirkusdirektor. Und Organisator. Alles gleichzeitig, mit vollem Einsatz und großer Begeisterung. Den Gitarristen in ihm erkennt man an seinen langen grauen Haaren, dem schwarzen Kapuzenpullover und an seiner lässigen, ruhigen Art. Wenn der 57-Jährige dann noch über Akkorde, Gitarrensaiten und Konzerte fachsimpelt, spricht eindeutig der Musiker in ihm.

Als Siebtklässler kam er zum ersten Mal in den Genuss der Gitarrenmusik, als er am Gruppenunterricht am Ignaz-Taschner-Gymnasium teilnehmen durfte. "Als einziges Kind einer Arbeiterfamilie, deswegen habe ich dann meinem Bruder all das beigebracht, was ich dort gelernt habe." Cerovac erinnert sich sogar noch an den Namen der Musiklehrerin. Bereits ein Jahr später stand der junge Gitarrist gemeinsam mit einem Freund in der Münchner Fußgängerzone und spielte zum ersten Mal vor fremdem Publikum. "Das kann man sich wie eine Expedition in eine andere Welt vorstellen. Man probiert sich aus, entdeckt Neues: Was gefällt den Menschen? Wie kann ich sie begeistern?" Mit diesen Worten erinnert sich der Gitarrist an die Straßenmusik. Und mit genau diesem Freund, mit dem er damals in der Fußgängerzone spielte, gründete Cerovac seine erste Band, die er heute noch leitet: die 8-Ball Band. Eine bunt gemischte Combo bestehend aus sechs Musikern, Cerovac ist der einzige "aus der Stammbesetzung", so nennt er es lächelnd. Seine Band begeisterte bereits Menschen in Dachau, Bad Tölz, Landshut und Rosenheim mit rhythmischen Classic-Rock- und Blues-Hits. Vergangenes Jahr wollten die Bluesrocker ihr 30-Jähriges Jubiläum feiern, doch da kam ihnen die Corona- Pandemie in die Quere. Sie bremste die Musiker aus: keine Konzerte mehr, keine Aufträge, keine gemeinsamen Proben. Cerovac, der durch die Pandemie auch Gitarrenschüler verlor, wechselte seinen Kurs: Er entschied sich dazu, seinen ursprünglich erlernten Brotberuf wieder aufzunehmen - als Zahntechniker.

Was vielleicht widersprüchlich klingen mag, ist für den 57-Jährigen eine zufriedenstellende Abwechslung. Der Teilzeitjob in einer Zahnarztpraxis gibt ihm nicht nur finanzielle Sicherheit während der Corona-Krise, sondern erfüllt ein in ihm aufkommendes Bedürfnis, nämlich die Nähe zu Menschen. Seine Gitarrenschüler trifft er seit über einem Jahr nur noch virtuell, Bandproben waren nicht möglich, all diese Veränderungen machten Cerovac zu schaffen. "Das Soziale hat mir sehr gefehlt, im Gitarrenunterricht kann ich alles nur noch mündlich erklären, mal kurz auf die Finger deuten geht nicht mehr, und auch der Ratsch vor dem Unterricht fällt weg."

Fridays for Music

Protestkultur geht immer, auch während der Pandemie: die Musikdemo "Fridays for Music" auf dem Schrannenplatz in Dachau.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Also versuchte der Organisator dreier Bands, auch die Musiklandschaft wieder in Schwung zu bringen. Und jede kleinste Lücke zu nutzen, um das zu machen, was ihn im Innersten antreibt: das Musizieren. Nach dem Vorbild des Münchner Kulturlieferdienstes meldete er vergangenen Sommer eine Demo auf dem Dachauer Schrannenplatz an, denn Demos mit Musik sind erlaubt, Konzerte nicht. Auch wenn der Kniff schnell durchschaut wurde, konnten sich die Musiker durchsetzen, unter der Bedingung, auch die Hälfte der Zeit Reden zu halten. So blieben etwa 30 Minuten für Musik. Zehn Musiker spielten abwechselnd auf dem Platz, der nach langer Zeit endlich wieder musikalisch belebt wurde. Cerovac hofft, diesen Sommer weitere solcher Aktionen umsetzen zu können. "Man muss sehr flexibel sein, jetzt in der Krise. Aber Hauptsache, wir können Musik machen."

Im Winter musste sich Cerovac mit den digitalen Möglichkeiten zufriedengeben. Da leitete er im Rahmen der Acoustic Guitar Lounge eine Art Video-Challenge für Gitarristen und Sänger in die Wege. Die von ihm gegründete Plattform hatte auch schon vor der Corona-Krise den Zweck, Musikern eine offene Bühne zu bieten, seit letztem Jahr hauptsächlich auf Facebook und Youtube. Im Dezember organisierte Cerovac dort einen Adventskalender, mit 24 Weihnachtsliedern; seit Januar motiviert er die Mitglieder der Gruppe dazu, jeden Monat ein Musikvideo zu einem anderen Thema zu drehen. Im April war das Thema beispielsweise "Deutsche Schlager", der Mai steht unter dem Motto "Sommer". Auf diese Weise bekommt Cerovac täglich Videos geschickt, die er dann auf der Facebook-Seite postet: Die Videos zeigen Musiker aller Altersklassen, mit Gitarre und Mikrofon im Wohnzimmer auf der eigenen Couch. Sie singen "Über sieben Brücken musst du gehen" von Karat oder "Amoi seg ma uns wieder" von Andreas Gabalier. Die Idee kommt gut an, das Bedürfnis an Teilnahme, Teilhabe und Austausch scheint groß zu sein, gerade jetzt in der Pandemie. Die Zahl der Follower der Acoustic Guitar Lounge hat sich im Laufe eines Jahres fast verdoppelt, erzählt Cerovac, wobei Stolz und Freude in seiner Stimme mitschwingen. Sich selbst beschreibt er als "Ideengeber, Ideensucher". Und als "Strippenzieher im Hintergrund, der einfach nur alles anstößt". Er freut sich, dass alle so "hungrig" nach Musik sind, das treibe ihn zusätzlich an. Denn es ist nicht nur die Musik, für die er brennt. Er möchte die Leidenschaft, die ihn antreibt, auch in anderen wecken: "In den Menschen schlummert so viel! Nur viele erkennen es nicht, obwohl man nur mit ein bisschen Kreativität die Blockade lösen müsste. Und es reizt mich dann, den Schlüssel zu finden. Dann blühen sie auf."

Fragt man den 57-Jährigen, wie er das alles unter einen Hut bekommt, Initiator von drei Musikformationen zu sein, zweieinhalb Tage die Woche in einer Praxis zu arbeiten, Gitarrenschüler zu unterrichten, die Facebook-Seite der Acoustic Guitar Lounge zu moderieren und gleichzeitig noch Zeit für sich selbst und seine Frau zu haben, so lacht er: "Das frage ich mich manchmal selbst." Gemeinsam mit seiner Band Hot Club Dachau arbeitet er gerade an einer CD, bastelt Flyer für die 8-Ball-Band, organisiert monatliche Treffen der Bandmitglieder, bleibt in Kontakt mit den Veranstaltern, sucht die Musikstücke raus. Doch er macht all das gerne, es macht ihm Spaß, die Dinge in die Hand zu nehmen. "Manchmal fühle ich mich wie ein Chorleiter oder Dirigent", meint er schmunzelnd und verbessert sich dann schnell: "Nein, eigentlich bin ich eine Mischung aus Trainer und Zirkusdirektor." Denn manchmal gehe es durchaus auch chaotisch zu, dabei versuche er immer, das Beste aus allen herauszuholen. Und das Bild des Zirkusdirektors habe er auch deswegen im Kopf, weil sich seine Band bei Konzerten gerne kreisförmig zwischen das Publikum setze. "So bekommt das Publikum auch unsere Kommunikation mit, man hat nicht diese frontale Trennung wie normalerweise bei Bühnenkonzerten."

Edin Cerovac

Der Musiker Edin Cerovac.

(Foto: Vila Arte/oh)

Cerovac sprüht vor Ideen. Deswegen sieht er die Corona-Zeit auch gar nicht nur als Krise, in der er ums Überleben kämpfen musste: "Natürlich vermisse ich das Publikum und das Schwitzen nach einem Konzert. Aber ich habe im letzten Jahr viele neue Dinge entdeckt, gerade im Bereich der Videotechnik". So entstand zum Beispiel ein Video von ihm, in dem er dreimal zu sehen ist und gleichzeitig zwei Stimmen mit der Gitarre spielt, singt und mit den Fingern dazu schnipst. Er begleitet sich sozusagen musikalisch selbst. Und nachdem er noch viele weitere Ideen hat, möchte er gerade die Video-Aktionen auch nach der Pandemie beibehalten.

Trotzdem hofft er auf den Sommer, der ihm und der 8-Ball-Band die Möglichkeit gibt, wieder gemeinsam zu proben. Auch können die Musiker dann wieder Open-Air-Konzerte geben. Für Juni planen sie bereits das berühmte "Midsommer Festival" in Markt Indersdorf. Cerovac sieht auch eine Möglichkeit darin, alle Musiker vor einem solchen Auftritt gegen Corona zu testen. Er wird schon eine Lösung finden, wie immer. Eigentlich wollte er ja auswandern. Nach Kroatien, um dort auf einer Insel Gitarre zu unterrichten. "Gitarreninsel" hätte er den Urlaubsort genannt. Daraus ist aufgrund der dortigen Rahmenbedingungen dann letztendlich doch nichts geworden. Aber der Name ist geblieben, ebenso das Konzept, draußen vor dem Hof unter freiem Himmel Gitarre zu unterrichten und natürlich Cerovac selbst. Der Gitarrenlehrer, Sänger, Zahnmechaniker, Koordinator, Dirigent. Eigentlich ist er vor allem eines: Eine treibende Kraft, ein Motor der Dachauer Musiklandschaft.

© SZ vom 08.05.2021
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