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Tafel:Alt und arm

Etwa 1200 Personen sind bei der Dachauer Tafel registriert. Leiterin Edda Drittenpreis arbeitet an der Ausgabestelle selbst tatkräftig mit.

(Foto: Toni Heigl)

Selbst im relativ reichen Landkreis Dachau muss die Tafel immer mehr Senioren mit Lebensmitteln versorgen. Dabei schrecken viele aus falscher Scham davor zurück, die Hilfe des Roten Kreuzes anzunehmen

Immer mehr ältere Menschen aus dem Landkreis nehmen die Dienste der Dachauer Tafel in Anspruch, um sich kostenlos mit Lebensmitteln zu versorgen: für den Geschäftsführer des Kreisverbands des Roten Kreuzes, Paul Polyfka, ein klares Indiz für die wachsende Altersarmut im Landkreis. "Wir merken das auch im Arbeitsalltag durch Rückmeldungen und zwar aus allen Sozialbereichen", sagt er. Bei der Organisation der Dachauer Tafel will Polyfka bedürftige Senioren nun stärker in den Fokus nehmen und die Strukturen der Tafel daran anpassen, bis hin zu einem Lebensmittel-Bringdienst für Menschen, die sich nicht mehr selbst versorgen können. "Unter Umständen müssen wir uns dafür aus anderen Bereichen zurückziehen", sagt Polyfka.

Hat die Altersarmut im doch relativ reichen Landkreis tatsächlich so stark zugenommen? Noch spricht der BRK-Geschäftsführer nur von einem "Gesamteindruck", der sich nicht auf "harte Statistiken" stütze. Entsprechende Zahlen will das Rote Kreuz nach seinen Jubiläumsfeiern zum 15-Jährigen Bestehen der Dachauer Tafel am 15. Januar 2017 erheben. "Allerdings würde ich mich schon sehr wundern, wenn dabei etwas anderes herauskäme", sagt Polyfka. Dachaus Mieterverein und die Caritas beklagen schon seit geraumer Zeit, dass sich Rentner das Leben im Landkreis kaum noch leisten könnten.

Von den 711 Bürgern, die beim Landratsamt Grundsicherung beziehen, waren zum Stichtag im November 452 älter als 65 Jahre; das entspricht rund zwei Drittel der Bezieher. Die Zahl der betroffenen Senioren taucht in der Statistik in diesem Jahr zum ersten Mal auf. Vergleichswerte für die vorangegangenen Jahre liegen dem Amt daher nur für die Zahl der Gesamtbezieher vor: Sie erhöhte sich von 2014 auf 2015 von 592 auf 622. Damit liegt Dachau im Trend. In einem neuen Bericht konstatiert der Paritätische Verband einen Anstieg der Armut in Bayern. Vor allem bei Rentnern sei die Armutsquote rasant gestiegen. Erstmals liege sie über dem Durchschnitt.

Edda Drittenpreis, Leiterin der Dachauer Tafel, sagt, 2016 sei die Zahl der Senioren, die zu ihr kamen, keineswegs exorbitant gestiegen. "Ich würde mir sogar wünschen, dass deutlich mehr kämen", sagt sie. Drittenpreis weiß von vielen bedürftigen Senioren, die keinerlei Hilfe in Anspruch nehmen, obwohl sie darauf Anspruch haben. "Das ist die Scham", sagt Drittenpreis. "Oftmals wissen nicht mal die eigenen Nachbarn Bescheid." An diese Leute kommt Drittenpreis auch nicht heran, obwohl sie immer wieder Appelle an diesen Kreis richtet, sich Lebensmittel bei ihr abzuholen. BRK-Geschäftsführer Paul Polyfka kennt das Problem: "Das ist die Nachkriegsgeneration, die nie etwas für sich selbst gefordert hat und auch jetzt nicht nach Unterstützung ruft."

Andere Senioren können Brot, Milch und Käse nicht selber abholen, weil ihnen der Weg von ihrem Wohnort in die Brunngartenstraße nach Dachau zu weit ist. Manche schicken Angehörige vor, die bezugsberechtigt sind; manchmal helfen auch Organisationen wie die Nachbarschaftshilfe Altomünster und bringen die Waren zu den alten Menschen. Wenn alle Stricke reißen, liefert die Tafel die Lebensmittel auch schon mal direkt bis vor die Haustür; solche Einzelfälle gab es immer wieder.

2016 haben sie sich allerdings stark gehäuft. "Auch unsere Kunden werden älter", sagt Paul Polyfka. "Wir haben dafür immer wieder Ad-hoc-Lösungen gefunden." Aber nachdem sich die Einzelfälle häufen, überlegt er, ob die Dachauer Tafel diesen Bringdienst nicht als Teil seines regulären Angebots etablieren soll, mit Dienstplänen und fest eingeteilten Helfern. Weil die Pläne noch ganz frisch sind, sind auch noch viele Fragen offen: Wie viele Kunden kann die Tafel beliefern? Wie weit reicht der Radius? Und welche Aufgaben müsste das Rote Kreuz im Zuge dieser Neuausrichtung dann aufgeben?