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SZ-Adventskalender:Nach Weihnachten obdachlos

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Adventliche Stimmung mag bei Kathi L. dieses Jahr nicht aufkommen. Sie muss ihre Wohnung räumen und mit ihren beiden Kindern in eine Notunterkunft ziehen. Geld für Geschenke und ein letztes schönes Fest in der Wohnung hat sie nicht

Auf dem Tisch leuchtet ruhig eine Kerze, verbreitet ihr warmes Licht in dem heimeligen Wohnzimmer. Ein gepflegtes, gemütliches Umfeld, in dem sie sich mit ihren beiden Kindern wohlfühlen kann, ist Kathi L. (alle Namen geändert) wichtig. Viel hat sie deshalb auch eigenhändig renoviert und verschönert in den vielen Jahren, in denen sie schon hier lebt. Doch die behagliche Atmosphäre trügt. Denn die kleine Familie wird ihre Wohnung wohl verlieren. Auf der Kommode liegt im gelben Umschlag der Brief des Gerichtsvollziehers, der Räumungstermin steht. Und ein neues Domizil ist nicht in Aussicht. "Seit vielen Monaten habe ich wirklich alles probiert. Das ist völlig aussichtslos", sagt die alleinerziehende Mutter. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird die kleine Familie in eine kommunale Notunterkunft ziehen müssen. Eine Aussicht, die ihr die Tränen in die Augen treibt. "Das ist der Horror, das werden die Kinder nicht verkraften."

Wie sie in dieser aussichtslosen Lage gelandet ist, darüber muss Kathi L. den Kopf schütteln. Schon nach ihrer Scheidung hatte sie finanziell zu kämpfen, konnte sich aber mit Disziplin und Sparsamkeit wieder "hochrappeln". Dann aber hat sie für eine neue Liebe ihre Rücklagen aufgebraucht. "Seine Schulden habe ich bezahlt, weil ich einfach ein zu großes Herz habe." Ihr fragiles Haushaltsbudget geriet aus den Fugen, als ihr Lohn in einem neuen Unternehmen erst zur Monatsmitte bezahlt wurde. Vergeblich hatte sie beim Vermieter um einen kleinen Aufschub gebeten. Als dann die Miete zweimal nicht fristgerecht überwiesen wurde, lag die Kündigung in ihrem Briefkasten. "Davor und seitdem habe ich immer regelmäßig bezahlt." Genutzt hat es nichts. Auch vor Gericht konnte sie nur einen Terminaufschub erreichen Nun ist auch diese Frist abgelaufen.

Mit immer größerer Verzweiflung hat Kathi L. nach einer neuen Wohnung gesucht. Auf der Warteliste für eine Sozialwohnung steht sie längst. "Doch die Wartezeit sind einige Jahre." Im Bekanntenkreis und bei Arbeitskollegen hat sie nachgefragt, Annoncen aufgegeben, täglich alle einschlägigen Internetportale durchforstet. Dutzende Male hat sie potenzielle Vermieter angerufen, Mails geschrieben, dicke Packen mit Unterlagen eingereicht. "Entweder ich erhalte gar keine Antwort oder die Wohnung ist schon vergeben. Ich komme gar nicht bis zu einer Besichtigung." Große Ansprüche hat sie nicht, "nur ein Dach über dem Kopf, meine eigenen vier Wände." Als Single könnte sie notfalls bei Freunden Unterschlupf finden, aber wer nimmt eine dreiköpfige Familie auf unbestimmte Zeit? In ihrer Verzweiflung hat Kathi L. ihre Wohnungssuche auch in sozialen Netzwerken publik gemacht. Doch die Reaktionen dort haen sie geradezu verstört. "Da kamen einige sehr eindeutige Angebote. Aber ich muss doch nicht meinen Körper verkaufen für eine Wohnung!"

Das, was Kathi L. gerade durchmacht, ist kein Einzelschicksal. Weil in der Region bezahlbare Wohnungen fehlen, lassen sich jedes Jahr mehr Bürger für eine Sozialwohnung vormerken, die Wartelisten werden ständig länger. "Und immer mehr Betroffene sind in der höchsten Dringlichkeitsstufe", sagt Markus Haberl, bei der Stadt Dachau als Amtsleiter auch für den Bereich Wohnen zuständig. Auch beim Landratsamt gingen immer mehr Anträge auf einen Wohnberechtigungsschein ein, so die Behörde. Sie kommen aus allen Landkreisgemeinden. Die Folge: Die Wartezeiten auf eine Sozialwohnung steigen stetig - allein in Dachau warten aktuell 472 Singles, Paare oder Familien. Doch im Durchschnitt werden nur 50 dieser preiswerten Wohnungen pro Jahr frei. Wer einmal eine bezahlbare Bleibe gefunden hat, wird sie kaum wieder aufgeben. Sozialwohnungen würden fast nur noch frei, wenn Bewohner ins Altenheim umziehen oder sterben, erklärt Stadtbauchef Henrik Röttgermann. Die Fluktuation habe sich in den vergangenen Jahren fast halbiert. "Die Wartezeit beträgt deshalb je nach Wohnungsgröße bis zu mehrere Jahre", sagt Haberl. Denn die Räume müssen auch noch für die jeweilige Familie passen.

Parallel zum Ansturm auf Sozialwohnungen steigt auch die Zahl der Menschen, die in einer Notunterkunft untergebracht werden müssen. Allein in Dachau lebten Ende November 151 Menschen in einer Notunterkunft, darunter auch 22 Familien mit zusammen 49 Kindern. Die Stadt sei bemüht, gerade Familien in dezentralen Notwohnungen unterzubringen, betont Haberl. "Aber das gelingt nicht immer." Nur wenige schaffen rasch den Absprung aus der Obdachlosigkeit in eine eigene Wohnung. 2019 konnten nur 24 Betroffene ausziehen.

Bei Kathi L. ist die Angst jetzt ein ständiger Begleiter. "Ich lebe wie auf heißen Kohlen, die Zeit läuft mir davon." Im Job muss sie funktionieren, doch der Gedanke an die drohende Obdachlosigkeit lässt sich nicht verdrängen. Den Kindern, die beide noch zur Schule gehen, hat sie lange nichts gesagt. Gerne würde sie den beiden wenigstens noch ein schönes Weihnachtsfest bereiten. Denn es wird das letzte Weihnachten sein in der vertrauten Wohnung. Doch sie muss jeden Euro umdrehen. Für Geschenke, ein gutes Weihnachtsessen oder auch einen kleinen Ausflug, um für ein paar Stunden die Sorgen zu vergessen, fehlt das Geld.