SZ-Adventskalender:Leben bis zuletzt

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Mit der ambulanten Palliativversorgung in Dachau erhalten schwerstkranke Menschen zuhause Unterstützung. Möglich gemacht hat dieses Projekt der gemeinsame Einsatz von Ärzten, Pflegekräften und Lokalpolitikern.

Petra Schafflik

- Schwerstkranke Menschen, die ihre letzte Lebensphase in häuslicher Umgebung verbringen möchten, erhalten im Landkreis Unterstützung von einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV). Diesen besonderen Dienst haben Vertreter medizinischer und pflegerischer Institutionen aus dem Landkreis initiiert, nach intensiver Vorbereitung nahm ein Team um den leitenden Palliativmediziner Edgar Müller im Frühjahr seine Arbeit auf. Als "zusätzlichen, wichtigen Baustein, der das Versorgungsnetz entscheidend ergänzt", würdigte den neuen Dienst am Samstag bei der Auftaktveranstaltung der renommierte Palliativmediziner Thomas Binsack, der die Palliativstation im Münchner Klinikum der Barmherzigen Brüder leitet. Starten konnte die SAPV allerdings nur, weil Sponsoren, darunter auch der SZ-Adventskalender, die Anschubfinanzierung leisteten. Den Spendern zu danken war ein Anlass der Veranstaltung.

SZ-Adventskalender: Einsatz für Schwerstkranke (v. li.): Edgar Müller, Petra Huber, Sabine Kronauer, Brigitte Schwab, Birgit Hausotter, Ulrike Zeller und Elisabeth Schmoll.

Einsatz für Schwerstkranke (v. li.): Edgar Müller, Petra Huber, Sabine Kronauer, Brigitte Schwab, Birgit Hausotter, Ulrike Zeller und Elisabeth Schmoll.

(Foto: Toni Heigl)

Die medizinische Versorgung von todkranken Menschen hat sich stark verändert, erläuterte der Wahl-Dachauer Binsack in seinem Gastvortrag den 80 Vertretern aus Medizin, Pflege, Politik und Kirchengemeinden, die in den ASV-Saal gekommen waren. Noch 1991, als er selbst im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder die erste Palliativstation Bayerns initiiert hat, sei er "auf viel Unverständnis gestoßen". Inzwischen werde Palliativmedizin, die Sterbenden mit Wertschätzung begegnet, nicht nur unter Ärzten anerkannt, sondern erhalte auch öffentlich Aufmerksamkeit. "Dieses Thema ist weniger tabuisiert." Ein wichtiger Wandel, findet Binsack, denn in der Debatte um aktive Sterbehilfe könnten Palliativmedizin und Hospizidee "einen Ausweg aufzeigen".

Die menschliche Hinwendung zum Patienten stellte in seinem Grußwort auch Ministerialdirektor Michael Höhenberger vom Bayerischen Gesundheitsministerium als elementar heraus. "An High-Tech fehlt es nicht, vielmehr fehlt es an der menschlichen Zuwendung." Als "Meilenstein" bezeichnete Höhenberger daher die Gründung der SAPV in Dachau. Konzipiert werden konnte diese neue Versorgung nur durch ein Zusammenwirken aller im medizinischen Bereich Tätigen. "Die Gemeinsamkeit ist das Erfolgsrezept", betonte der CSU-Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath, der das Projekt aktiv begleitete.

Konkret leistet die spezialisierte ambulante Palliativversorgung mit speziell qualifizierten Ärzten und Pflegekräften für Schwerstkranken eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung in ihrem Zuhause. Die Mitarbeiter - aktuell drei Mediziner und vier Pflegekräfte - unterstützen und beraten auch die betreuenden Angehörigen. Weil die SAPV-Versorgung einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, werden Seelsorger, Sozialarbeiter, Psychologen und Therapeuten einbezogen. Die Kosten für diese spezialisierten Betreuung übernimmt die Krankenkasse. "Unser Ziel ist ein menschenwürdiges Leben, Lebensqualität und Selbstbestimmung bis zuletzt", sagte Leonore Hiebsch, die als Leiterin der Berufsfachschule für Sozialpflege in der Akademie Schönbrunn des Franziskuswerk die genossenschaftlich organisierte SAPV gemeinsam mit Edgar Müller leitet. "Belastende Klinkeinweisungen sollen möglichst vermieden werden", so Hiebsch, wobei im Zentrum immer der Wille des Patienten stehe. Die SAPV, auch das betonte Hiebsch, begreife sich als Teil eines Netzwerks, in dem die spezialisierte Betreuung zur hausärztlichen Versorgung hinzutrete. "Der Hausarzt bleibt der Lotse", bekräftigte auch Binsack.

Die Bedeutung des neuen Versorgungsangebots zeigt eine erste Zwischenbilanz sehr eindrücklich. Auf der Grundlage von statistischen Daten und Erfahrungswerten anderer Landkreise haben die Verantwortlichen im Versorgungsbereich Dachau, Ober- und Unterschleißheim mit 120 Patienten pro Jahr gerechnet. Doch bereits nach dem ersten Dreivierteljahr haben 126 Schwerstkranke die unterstützende SAPV-Versorgung angefordert. "Wir müssen bereits unser Personal aufstocken", sagte Hiebsch im Gespräch mit der Dachauer SZ.

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