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Schreiambulanz:In der Ruhe liegt die Kraft

Die neue Einrichtung der Caritas Dachau hilft Eltern, deren Babys sich nicht selbst beruhigen können.

Jedes fünfte neugeborene Kind im Landkreis Dachau leidet darunter. Jede fünfte Familie im Landkreis weiß nicht mehr, wie sie ihrem Schreibaby helfen soll. Seit Februar bekommen Eltern und Kinder Hilfe bei der Caritas in Dachau. Dort hat der Landkreis mit 15000 Euro jährlich eine Ambulanz eingerichtet, die von der katholischen Wohlfahrtsorganisation betrieben wird. Die Staatsregierung hat 50solcher Einrichtungen in ganz Bayern genehmigt. Auch Dachau hat eine bekommen.

Schreiende Babys

Großes Geschrei um das Elterngeld: FDP-Generalsekretär Chrisitan Lindner zweifelt den Erfolg des Modells an, die Union hält eisern daran fest.

(Foto: dpa)

Silvia Kuffer leitet die Beratungsstelle der Caritas in Dachau und spricht von einem Segen für den ganzen Landkreis. Vergangenes Jahr schon hat der Kreistag dem Vorschlag von Kreisjugendamt und Caritas zugestimmt. Allerdings mussten Ulrich Wamprechtshammer als Leiter des Kreisjugendamts und Landrat Hansjörg Christmann (CSU) einige Kreisräte erst noch überzeugen, dass der Landkreis eine wohnortnahe Schreiambulanz benötigt. Zunächst schien es so, als würde sich im Kreistag die Ansicht durchsetzen, dass sich Eltern nach München an die dort seit Jahren tätigen Beratungsstellen wenden sollen. Wamprechtshammer will mit diesem Angebot auch verhindern, dass überlastete und erschöpfte Eltern ihre Kinder womöglich misshandeln. Rückblickend sagt er zur Entscheidung des Kreistags: "Sind wir froh, dass es so rausgegangen ist."

Er sieht den jährlichen Zuschuss von 15000Euro gut investiert. Denn bei einer Rundreise durch bestehende Ambulanzen in Bayern sei ihm aufgezeigt worden, wie schnell Eltern und Kindern in Not geholfen wird: "In den meisten Fällen reichen drei bis sechs Stunden, um die Ursachen der Schreiens zu erforschen und die Kinder von ihrer Qual zu erlösen." Vordergründig können solche Babys sich nicht selbst beruhigen. Wenn sie sich aufregen, beginnen sie zu schreien und sind nicht mehr in der Lage aufzuhören. Die Psychologie bezeichnet dieses Symptom als Regulationsstörung. Die tiefer liegenden Probleme sind allerdings vielschichtig. Sie reichen von falschen Reaktionen der Eltern bis zu großen innerfamiliären Belastungen wie eine risikoreiche Schwangerschaft über Geldsorgen bis hin zu Partnerkrisen. All das bekommt ein kleines Kind unbewusst mit.

Um den Eltern zu helfen, werden sie mit ihrem Baby gefilmt. Das Video analysieren sie danach gemeinsam mit den Beratungsstellen, die ihnen dann neue Verhaltensweisen empfehlen und mit ihnen auch einüben. Denn Schreikinder brauchen vor allem eines: Sicherheit. Dieses Training führe erfahrungsgemäß zu schnellen Erfolgen, sagt Silvia Kuffer. Wenn dann noch die Nachbarschaft tolerant und verständnisvoll an den Sorgen der Eltern teilnehme, verringere sich der Druck auf die Familie, sagt Silvia Kuffer. In ihrer Beratungsstelle erlebten sie und ihre Mitarbeiter immer wieder, wie die Nöte durch harsche Äußerungen von außen noch verstärkt würden (siehe Kasten).

Silvia Kuffer und eine ihrer Kolleginnen bilden sich bereits für diese neue Tätigkeit fort. Gleichzeitig haben sie die Ambulanz bei der Caritas schon eröffnet. Zurzeit bieten sie sechs Beratungsstunden in der Woche an. "Das ist ein Anfang", sagt Kuffer. Da die Schreiambulanz Teil der Jugend-und Elternberatung ist, welche die ganze Woche über telefonisch erreichbar ist, finden Eltern in aktueller Notlage zuverlässig Unterstützung (Telefon: 08131/2981500).