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Regionalzug:Beredte Klage über Verspätungen

Josef Mittl aus Petershausen ist eigentlich ein begeisterter Nutzer der Bahn und sogar ehrenamtlicher Bahnhofspate. Doch er muss feststellen: "Im Detail funktioniert das System Bahn überhaupt nicht."

Als notorischer Bahn-Kritiker kann Josef Mittl wirklich nicht gelten, im Gegenteil. Der Petershausener legt nicht nur selbst täglich den Weg zu seinem Münchner Arbeitsplatz mit der Bahn zurück. Mittl ist auch Mitglied beim Fahrgastverband Pro Bahn, kümmert sich als sogenannter Bahnhofspate ehrenamtlich in seiner Heimatgemeinde um die Belange der Bahnkunden und versucht als Projektleiter "Mobilität und Verkehr" beim örtlichen Klimaschutz-Leitbild sogar Pendler vom Umstieg auf Bus und Bahn zu überzeugen. Gerade weil Mittl ein "leidenschaftlicher Bahnfahrer" ist, wie er selbst sagt, hat er sich jetzt in einem kritischen Brief an Bahn-Vorstand Rüdiger Grube gewandt.

Die Deutsche Bahn rät allen Passagieren auf der Strecke von München nach Ingolstadt und Nürnberg, sich vor Antritt der Reise im Internet oder an den Bahnhöfen über Fahrplanänderungen zu informieren.

(Foto: DAH)

Während nämlich das Logistikunternehmen in Pressemeldungen gerade einen "Passagierrekord auf der Schiene" feiert, "funktioniert das System Bahn im Detail überhaupt nicht", erklärt Mittl. Konkret: Fast jeden zweiten Tag komme der Regionalzug München - Ingolstadt, den er als Berufspendler für den Arbeitsweg nutzt, fünf bis zehn Minuten zu spät in Petershausen an. "Eine Verspätungsquote von 50 Prozent, damit kann man nicht zufrieden sein." Wenige Minuten Verspätung können doch so schlimm nicht sein, möchte man meinen. Doch der Bus 728 Richtung Kollbach ist dann regelmäßig schon abgefahren. Die Busfahrer könnten nicht beliebig lange warten. "Auch die haben ihren Fahrplan einzuhalten." Die Folgen sind unzumutbar, findet Mittl: "Täglich noch ein Fußweg von 40 Minuten nach Hause, das kann man selbst jetzt im Sommer nicht mehr sportlich nehmen." Und manche seiner Mitreisenden haben noch längere Strecken zu absolvieren.

Also werden per Handy hektisch Abholdienste organisiert, sobald sich wieder einmal eine Verspätung ankündigt. Entspanntes Reisen sehe anders aus, findet Mittl. Und statt Neukunden zu gewinnen, verprelle die Bahn noch ihre treuen Stamm-Pendler. Mittls Sorge geht weiter. Weil Tag für Tag ungewiss sei, ob der Bus noch erreicht werde, stiegen viele Pendler für die Anfahrt zum Bahnhof komplett aufs Auto um. Im letzten Bus, den bislang bis zu 15 Fahrgäste genutzt hätten, "bin ich jetzt schon ganz alleine gesessen". Bald könnte die Buslinie wegen geringer Auslastung gestrichen werden, fürchtet Mittl. "Weil die Bahn es nicht schafft, ihren Fahrplan einzuhalten." Mittl ärgern die Verspätungen, aber auch die schlechte Kommunikation der Bahn. Sicher ist, dass nicht immer der Baustellenbetrieb ausschlaggebend ist. Doch die konkreten Ursachen für die permanenten Verspätungen "kennen auch die Zugbegleiter nicht", so Mittl. Und seine schriftliche Anfrage bei der regional zuständigen DB Regio Bayern habe zwar wochenlang einen regen E-Mail-Verkehr erzeugt, aber nicht für Aufklärung gesorgt.

Für Mittl Anlass genug, sich jetzt direkt an den Bahn-Vorstand zu wenden.

Werbeaussagen der Bahn sollten auch belastbar sei, findet Mittl. "Denn wir brauchen eine starke und zuverlässige Bahn, auch um die Energiewende zu realisieren."

Wenn sich Reisende wie Josef Mittl schon seit Wochen über permanente Unpünktlichkeit ärgern, so mutet die Bahn ihnen seit Montag für einige Wochen auf der Regionalbahn-Strecke München-Ingolstadt noch massivere Verspätungen und sogar Zugausfälle zu. Diesmal allerdings mit Ansage (siehe Kasten). Mittl hat sich schon informiert und ist sauer: "Wegen der Bauarbeiten auf der Trasse wird jeder zweite Zug ausfallen, dann sollten die wenigen Züge wenigstens pünktlich fahren."

© SZ vom 02.08.2012
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