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Nach der Papstreise:Laien kündigen Rom Gehorsam auf

Der Bundessprecher von "Wir sind Kirche" Christian Weisner aus Dachau hat den Papst quer durch Deutschland begleitet. Näher sind sich Laien und Kirchenleitung dadurch nicht gekommen. Im Gegenteil.

Ernüchterung, das ist das Wort, mit dem Christian Weisner, Dachauer Mitglied des Bundesteams der Reform-Initiative "Wir sind Kirche" seine Stimmung am Tag nach dem Papstbesuch beschreibt.

Nicht nur die Initiative, sondern allgemein viele Gläubige fühlten sich mit ihren Fragen, mit ihrem Bemühen um eine zeitgemäße Kirche nicht wahrgenommen. Man habe wenig erwartet, aber noch weniger bekommen. "Der Papst ist ein Intellektueller, man spürt, dass er nie ein Pfarrer gewesen ist", so Weisner. Gerade diese "Weltenferne" sei es, die den Menschen zu schaffen mache. Der Papst habe ein "sehr pessimistisches Bild von Welt", bedauerte Weisner.

Doch kann man es einem Papst verdenken, dass er die Menschen zu mehr Glaubensfestigkeit aufruft? Der Papst hatte in Freiburg gesagt, nicht strukturelle Veränderungen, sondern die Kraft des Geistes werde der Kirche helfen. "Der Papst verwechselt Kirchenferne mit Gottesferne", so Weisner. Der Glaube, so der Katholik, habe aber seinen Ort in der Kirche und dort fühlten sich viele Menschen nicht mehr "beheimatet". Frauen, Homosexuelle aber auch viele Geschiedene fühlten sich von der Katholischen Kirche nicht angenommen oder ausgeschlossen, hat Weisner beobachtet. "Ein blinder und naiver Gehorsamsglaube", sagt Weisner, könne nicht die Lösung sein.

Dem Papst fehle die Nähe zu den Menschen, er nehme ihre Situation nicht wahr. Weisner findet das besonders tragisch, weil der frühere Kardinal Ratzinger schließlich selbst ein Deutscher ist. - Der nun in Freiburg erklärte, die Kirche sei bereits "bestens organisiert", womit er den Reformbemühungen innerhalb der deutschen katholischen Kirche eine Absage erteilte. Die Initiative "Wir sind Kirche" hatte daraufhin mitgeteilt, jeder Christ müsse von nun an "dem eigenen Gewissen folgen", auf die Kirchenleitung sei nicht zu hoffen. "Wir wollen keine Sonderstellung", sagt Weisner nun. Eine deutsche Nationalkirche, eine Abspaltung von Rom werde es nicht geben. Er fühlt sich jedoch in seiner Aufgabe bestärkt. "Wir sind Kirche" hat sich der Erneuerung der römisch-katholischen Kirche auf Basis des zweiten vatikanischen Konzils in den 1960er Jahren verschrieben. Weisner gehörte 1995 zu den Gründern der bundesdeutschen Sparte der Internationalen Bewegung, zu der sich unter anderem die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU), der heutige Vizepräsident des Bundestages Wolfgang Thierse (SPD) und die Ordensschwester und Frauenrechtlerin Lea Ackermann bekennen.

In Erfurt mag der Papst am Samstag die Protestanten und die Ökumene enttäuscht haben, in dem er sich nicht, wie erhofft, zur Frage des gemeinsamen Abendmahls äußerte und verlauten ließ, es sei die orthodoxe Kirche, die der katholischen am nächsten stünde. In Dachau feierte man unterdessen auf gemeinsame Einladung der katholischen, evangelischen und griechisch-orthodoxen Gemeinde und des Türkisch-Islamischen Vereins ein Begegnungsfest. Zum ersten Mal beteten Geistliche der vier Konfessionen nacheinander am selben Ort. Björn Mensing, Pfarrer der Evangelischen Versöhnungskirche zeigte sich begeistert vom Erfolg des Festes und lobte die ökumenische und interreligiöse Zusammenarbeit und sah diese von den Äußerungen des Papstes gänzlich unbelangt.

Christian Weisner zieht seine eigene positive Bilanz: seit der Ankunft des Papstes haben viel mehr gläubige Internetnutzer den Newsletter der Reformbewegung bestellt.