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Nahverkehr:"Seilbahnen können den öffentlichen Verkehr attraktiver machen"

Seilbahn Koblenz

Eine Seilbahngondel fährt am Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm am Deutschen Eck in Koblenz vorbei.

(Foto: dpa)

Dachau kann sein Verkehrsproblem nur dann lösen, wenn der Mensch in den Mittelpunkt aller Planung rückt, sagt Mobilitätsforscher Sven Kesselring.

Das Verkehrsproblem im Großraum München ist nicht neu, doch wird es sich auch künftig nicht lösen lassen, wenn nicht ein grundsätzliches Umdenken in Politik und Gesellschaft einsetzt. Konkret: Dachau darf dem Automobil nicht mehr so viel Platz einräumen.

Das war das Ergebnis einer Diskussion, die vom Bündnis für Dachau am Donnerstag mit drei Experten veranstaltet wurde. Verkehrslärm, Schadstoffbelastung, Umweltschäden - das Problem brennt gerade auch den Dachauer auf den Nägeln. Deshalb war der Erchana-Saal im Thoma-Haus in der Altstadt gut gefüllt, auch Kommunalpolitiker anderer Stadtratsfraktionen waren gekommen. An diesem Abend wurde auch über eine Seilbahn für Dachau gesprochen, einen alten Bündnis-Vorschlag.

Mobilität neu denken

Seilbahn-Experte Günter Troy.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Mobilitätsforscher Sven Kesselring von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen betonte, wie nötig ein Umdenken sei. Man müsse außerhalb des automobilen Systems denken und den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Schließlich sei Verkehr letztendlich dazu da, um soziales Leben in der Stadt zu organisieren. Städte räumten Autos aber weltweit viel zu viel Platz ein, der Mensch und das eigentliche Leben verschwinde dadurch. Das Problem dabei: Das Auto habe sich über Jahrzehnte als praktischstes Verkehrsmittel etabliert, kaum einer möchte darauf verzichten.

Das bekräftigte auch ein Besucher: "Das Auto bedeutet für mich Freiheit. Ich kann nicht plötzlich sagen, dass ich kein Auto habe und mich trotzdem wohlfühlen." Laut Kesselring ist eine Verhaltensänderung aber nötig und auch möglich: "Das Auto ist mit Henry Ford ja nicht einfach vom Himmel gefallen und alle haben darauf gewartet - anfangs mussten die Leute erst davon überzeugt werden." Doch müssten die Bürger eine Alternative zum Auto haben. Häufig versande diese Diskussion aber in dem stark ideologisierten Widerstreit "Autos gegen Radfahrer", wie Rauno Andreas Fuchs, Mobilitätsberater beim Münchner Unternehmen Green City Experience, feststellte. In diesem Fall riet Kesselring zum Experiment, wie es bereits in Kopenhagen stattfindet. Statt etwa Straßen dauerhaft für den Verkehr zu sperren, könnte man in einer Testphase ein Drittel der Fahrbahn als öffentliche Fläche freigeben. "Bisher hat sich dann immer gezeigt, dass die Menschen das nicht mehr rückgängig machen wollen", sagte Kesselring.

Fuchs sieht die Lösung des Verkehrsproblems vor allem in einem integrierten Gesamtkonzept zwischen sämtlichen Städten und Regionen. Im verdichteten Raum sei der Fuß- und Radverkehr zwar das Mittel der Wahl, im ländlichen Raum spiele der öffentliche Verkehr aber eine zentrale Rolle. Dabei scheitere es derzeit jedoch noch an den Tangentialverbindungen. Günter Troy, Vertriebsleiter der Vorarlberger Firma "Doppelmayr Seilbahnen GmbH" brachte die Seilbahn ins Spiel: "Urbane Seilbahnen können als Lückenschluss auf kürzeren Strecken den öffentlichen Verkehr attraktiver machen", erklärte er. Seiner Meinung zufolge ist es nicht sinnvoll, Seilbahnen für Strecken, die wesentlich länger als zehn Kilometer lang sind, zu bauen. Auf kürzere Distanz gebe es aber klare Vorteile für die Mobilität in der Höhe. "Seilbahnen sind unabhängig, entlasten die bestehende Infrastruktur, sind sehr sicher, zuverlässig und verbrauchen nur eine geringe Fläche", fasste Troy zusammen. Außerdem sei die Menge an Energie, die pro Person und Beförderung benötigt werde, extrem gering. Bei einer bereits bestehenden Anlage in Koblenz, die hauptsächlich touristisch genutzt wird, verbrauche eine Beförderung etwa so viel Energie, wie für zehn Minuten Haarföhnen nötig seien.

Die Dachauer wollten wissen, wie etwa die Idee einer Seilbahn in ihrer Stadt umzusetzen ist und wie flexibel derartige Projekte sind. Der Forscher Sven Kesselring machte deutlich, dass im ersten Schritt eingefahrene Denkgewohnheiten aufgebrochen werden müssen. Derzeit werde meist ein entsprechender Bedarf prognostiziert und darauf basierend gehandelt - also etwa eine Umgehungsstraße gebaut, wie das auch in Dachau der Fall ist. Kesselring: "Es gibt aber nicht mehr eine klare Lösung für ein Problem, sondern ein vernetztes System mit verschiedenen Optionen."

Mobilität neu denken

Mobilitätsforscher Sven Kesselring.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Noch davor aber muss eine klare Zieldefinition formuliert werden. "Wir müssen wissen, wo die Reise hingehen soll. Wollen wir ein Mobilitätssystem, das nur auf das Automobil angewiesen ist?", so Kesselring. "Oder steht der Mensch im Mittelpunkt?"

© SZ vom 06.04.2019
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