Roman einer Dachauerin:Warum ein Heimatroman wie ein Dachauer Stadtteil heißt

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Roman einer Dachauerin: Ihren Heimatroman hat die Dachauer Autorin Michaela Maria Müller "Mitterndorf" genannt.

Ihren Heimatroman hat die Dachauer Autorin Michaela Maria Müller "Mitterndorf" genannt.

(Foto: Quintus Verlag)

Der Lesekreis der Stadtbücherei bespricht "Mitterndorf" der Dachauer Autorin Michaela Maria Müller, ein Buch mit zahlreichen Bezügen zum Ort.

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Die Heimat aus einem anderen Blickwinkel sehen: Das macht die Lektüre von Regionalliteratur so spannend, seien es Krimis, Autobiografien oder Romane. Am vergangenen Freitag stand in der LesBar, dem Lesecafé der Stadtbücherei-Hauptstelle, "Mitterndorf" von Michaela Maria Müller im Mittelpunkt eines literarischen Gesprächsabends. Autorin Müller ist gebürtige Dachauerin, heute ist sie freie Journalistin und Buchautorin - war bei dem Gesprächsabend jedoch nicht vor Ort. Müller hat ihre Jugend auf einem Bauernhof verbracht, "zwischen einhundert Milchkühen, Himbeerstauden und Rhabarberstengeln" wie sie auf ihrer Website schreibt. Und darum geht es auch in "Mitterdorf".

Es ist eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, die im nur halb fiktiven Mitterndorf seit Generationen ansässig oder neu hinzugezogen ist: Die gerade einmal 17-jährige Theresa, von allen Resa genannt, lebt mit ihrem Vater Georg auf dem Fischerhof, einem der wenigen verbliebenen landwirtschaftlichen Betriebe. Nachbarn sind der Huberfranz, ein ziemlich gscherter Zeitgenosse, der regelmäßig dem Alkohol zugewandte Oskar sowie sein neue Mitbewohner Lothar, der aus der damals noch real existierenden DDR nebst seiner uckermärkischen Kuh Valja auf abenteuerlichen Wegen in Mitterndorf gestrandet ist. Dann wären da noch der vor sich hin pubertierende Soner und seine liebenswerte türkische Familie mit Vater Mutlu an der Spitze.

Überall finden sich Anklänge an den Dachauer Stadtteil Mitterndorf

Klingt wie das Personal für einen erquickliche Feierabend-Lektüre, sind aber die Protagonisten des Romans "Mitterndorf" von Michaela Maria Müller. Anklänge an den Dachauer Stadtteil Mitterndorf und die große Kreisstadt finden sich im Buch überall, sofern man sich in der örtlichen Geografie und Historie ein wenig auskennt. Stadtgeschichtliche Kenntnisse sind auch deshalb von Nutzen, weil der Roman Mitte der Achtzigerjahre spielt und beispielsweise die MD Papierfabrik noch existierte. Dort, wo heute ein neuer Stadtteil entstehen soll, wurde seinerzeit qualitativ hochwertiges Papier hergestellt und in die ganze Welt exportiert.

Ist "Mitterndorf" also einer der derzeit angesagten Regionalromane? Die Antwort ist: Jein. Einerseits schildert Müller in nüchterner Sprache das Leben ihrer Protagonisten in ihrem engen Lebensrahmen zwischen Kuhstall und Jahresversammlung der Holzbauern. Andererseits beschreibt sie gekonnt und kenntnisreich den unaufhaltsamen Verfall traditioneller Strukturen. Die Bauern müssen sich nach dem bösen Motto "wachsen oder weichen" ausrichten, um noch eine Zukunftsperspektive zu haben, die ersten Discounter siedeln sich an. Die türkischen Arbeiter in ihren Werkswohnungen werden konsequent ausgegrenzt. DDR-Flüchtling Lothar wird misstrauisch beäugt. Und dann ist da noch der große Knall. Davon später mehr.

Resa will raus aus dem Mief

Zunächst einmal will Resa raus, raus aus dem Mief, den ewigen abgetragenen Arbeitsklamotten, raus aus dem immer gleichen Tagesablauf. Ihr Vater Georg weigert sich beharrlich, seiner Tochter mehr über den Tod seiner Frau und ihrer Mutter zu erzählen. Er ist ein einsilbiger Einzelgänger, der stur an seinen Gewohnheiten festhält und sich mit Akribie und Hingabe dem Holzbuch widmet, das penibel Auskunft über den Zustand des Waldes gibt. Der Huberfranz will die Viehhaltung aufgeben und träumt von neuem Reichtum durch Gemüse- und Kartoffelanbau. Lothar will mit Kuh Valja eine Viehzucht aufmachen, stößt auf heftigen Widerstand und wenig Hilfsbereitschaft im Dorf, zieht aber sein Ding durch. Oskar ist eine bemitleidenswerte Gestalt, mit der es ein schreckliches Ende nimmt. Licht ins Dunkel dieser Zwangs- und Zweckgemeinschaft bringt der junge Soner. Er ignoriert die Ablehnung der Dorfbewohner, ist freundlich, hilfsbereit, unbekümmert und hat mehr als ein Auge auf Resa geworfen. Was Resa nicht unbedingt missfällt. Dann kracht es: auf der Hozbauernversammlung und am 26. April 1986 um 1.23 Uhr im Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks im fernen Tschernobyl.

Damit bekommt "Mitterndorf" eine Aktualität, die Autorin Müller wohl nicht einmal in ihren schlimmsten Träumen hätte voraussehen können. Das Dorf erstarrt in Angst, einem Zustand, den wir aktuell angesichts des Kriegs in der Ukraine und dessen unabsehbaren Auswirkungen nur zu gut kennen. Der Geigerzähler wird zum ständigen Begleiter. Die Furcht vor einer verstrahlten Zukunft steigt. Hier nimmt dieser Entwicklungsroman der anderen Art eine Wendung. Das Dorf ist endgültig im Weltgeschehen angekommen - oder auch umgekehrt. Resa wächst über sich hinaus, wird zur treibenden Kraft gegen die unsichtbare Bedrohung und wagt den Schritt in die Freiheit.

Auf Dachau-Klischees verzichtet die Autorin

Dem Romangeschehen tut es gut, dass Müller auf jede Romantisiererei und jedes Dachau-Klischee verzichtet hat. Keine Künstlerstadt-Reminiszenzen, kein Trachtengedöns, keine Volksfest-Bierverherrlichung stören den fast sachlichen Erzählfluss, der so viel Raum für die eigene Vorstellungskraft und damit fürs Kopfkino lässt. So ist es die Konzentration auf das Wesentliche, auf die Romancharaktere, die "Mitterndorf" so lesenswert machen. Regt doch die Müllersche Sprache Verstand und Fantasie gleichermaßen an.

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