Mitten in Schwabhausen:Orientierungslos trotz Kompass

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In der derzeitigen Lage kursieren ja schon Militärbegriffe, warum dann nicht gleich Soldat spielen? Nur ein Gedankenspiel, wobei: Diesen Samstag marschieren tatsächlich Soldaten durch den Wald, trotz der Lage. Mit dabei: Landrat Stefan Löwl

Glosse von Jacqueline Lang

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen, heißt es. Welche einem persönlich dazu in der aktuellen Lage spontan - und natürlich rein hypothetisch - in den Sinn kämen? Angesicht der längst überbelegten Intensivbetten wäre möglicherweise eine landesweite Absage aller Großveranstaltungen eine gute Idee. Eventuell könnte man auch über eine wirklich groß angelegte Aufklärungskampagne nachdenken und dazu Menschen wie die unfassbar kluge und zugleich witzige Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim ins Boot holen. Und ja, vielleicht - Achtung, Triggerwarnung - müsste man doch noch einmal ernsthaft über diese Sache mit der Impfpflicht nachdenken. Was man alternativ natürlich auch machen kann, wo doch mit dem Begriff Triage immerhin schon Militärbegriffe im Umlauf sind? Sich nachts durch die Wälder im Dachauer Land pirschen und ein bisschen Soldat spielen.

Wohingegen die eigenen Vorschläge allerdings nichts weiter als eben genau das sind, findet an diesem Samstag tatsächlich ein Nachtmarsch des Reservistenverbands Dachau statt. 28 ehemalige Soldatinnen und Soldaten sind dann zwischen 18 und 23 Uhr rund um Oberroth im Gemeindegebiet Schwabhausen unterwegs, um einen sogenannten Orientierungsmarsch zu absolvieren. Auch Landrat Stefan Löwl (CSU) ist offenbar vor Ort, auch wenn er wohl nicht mitmarschieren wird. Polizei und Jagdverband seien jedenfalls über die Veranstaltung informiert, heißt es in einer Pressemitteilung des Landratsamts. Der Reservistenverband nutze diese jährliche Veranstaltung, um ihre Mitglieder zu trainieren und den Umgang mit Kompass und Karte ins Gedächtnis zu rufen. "Mit einem Navigationsgerät lässt sich die Aufgabe des Orientierungsmarsches nicht bewältigen." Anwohnerinnen und Anwohner aus der Gegend Oberroth, Machtenstein und Großberghofen bittet das Landratsamt für mögliche Störungen um Verständnis. "Möglicherweise sehen sie in Wäldern Lichter von Taschenlampen oder begegnen den Teilnehmer:innen zu später Stunde."

Mal abgesehen davon, dass man die ganze Aktion natürlich etwas albern finden kann, stellt sich doch angesichts des ausgerufenen Katastrophenfalls und abgesagter Großveranstaltungen die Frage, ob es wirklich gerade jetzt notwendig ist, seine Kenntnisse im Kartenlesen aufzufrischen. Denn klar, an Orientierung fehlt es diesem Land gerade ganz offensichtlich. Aber ob ein Kompass genügt, um den Weg aus diesem Irrsinn zu weisen, darf doch zumindest bezweifelt werden...

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