KZ-Gedenkstätte Dachau:Appell an die Politiker der EU

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Versöhnungskirche: Flüchtlinge an der Grenze zu Belarus erfrieren

Die Dachauer Versöhnungskirche appelliert an "alle in Europa politisch Verantwortlichen", das Flüchtlingsdrama an der Grenze von Polen zu Belarus zu beenden. "Man lässt keinen Menschen erfrieren. Punkt", heißt es dazu in einer Pressemitteilung. Der Appell wurde am Sonntag nach dem Gottesdienst in der evangelischen Kirche auf dem früheren Gelände des Konzentrationslagers Dachau von Besuchern unterzeichnet. Kirchenrat Björn Mensing zitiert aus einem Schreiben des Historikers Jan Kwiatkowski aus Poznań, der 2013/2014 in Dachau war. Er erinnerte an den 83. Jahrestag der sogenannten "Polenaktion", bei der das NS-Regime Ende Oktober 1938 etwa 17 000 Jüdinnen und Juden aus Deutschland nach Polen abschob. Sie hatten die polnische Staatsangehörigkeit, lebten jedoch häufig schon seit vielen Jahren in Deutschland und hatten sich eine Existenz aufgebaut. Manche von ihnen waren hier geboren. Die polnischen Stellen ließen einen Teil der Ausgewiesenen nicht einreisen. Über Tage mussten viele im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen ausharren. Es gab Todesfälle und Suizide. Aber schon bald setzte eine Welle der Hilfsbereitschaft ein. Jan Kwiatkowski schreibt: "Damals hielten die polnischen Behörden die Vertriebenen an der Grenze auf, aber nach ein paar Tagen im Niemandsland fanden sie in einigen Gebäuden in der Stadt Zbąszyń Unterkunft. Nicht wenige wurden von den polnischen Bewohnern der Stadt in ihren Häusern beherbergt. Auch die Wohltätigkeitsorganisationen hatten Zugang und konnten helfen."

Weiter heißt es: "Heute leiden Menschen aus asiatischen und afrikanischen Krisenregionen im Grenzgebiet zwischen Belarus und Polen bittere Not." Jan Kwiatkowski ist in großer Sorge: "Die Situation ist jetzt viel schwieriger. Die Migranten werden im Niemandsland festgehalten. Ohne ein Dach über dem Kopf. In der Grenzregion herrscht der Ausnahmezustand und somit ist der Zugang der Wohltätigkeitsorganisationen und der Medien eingeschränkt." Die Kirchen und viele Menschen aus der polnischen Zivilgesellschaft setzten sich für eine humanitäre Unterstützung der Flüchtlinge ein und warnten vor einer Katastrophe. Nachdem es bereits mehrere Todesfälle gegeben hat, droht nun bei der kalten Witterung mit Nachtfrost vielen der geschwächten Frauen, Männer und Kinder in den Grenzwäldern der Tod.

Die Versöhnungskirche ist seit ihren Anfängen eng mit Polen verbunden. Schon bei der Einweihung 1967 wirkte Pfarrer Woldemar Gastpary aus Warschau mit, der von Dezember 1940 bis April 1945 als NS-Gegner im KZ Dachau inhaftiert war. Bis heute gibt es einen polnischen Vertreter im internationalen Kuratorium der Kirche. Polnische Jahresfreiwillige der "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste" unterstützen immer wieder das Team. Die Versöhnungskirche wurde auf Initiative von überlebenden Dachau-Häftlingen zum Gedenken an die NS-Verfolgten errichtet, von denen sich viele vergeblich um ein sicheres Zufluchtsland bemüht hatten, wie Pfarrer Mensing schreibt.

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