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Kultur in Dachau:"Es war ein kämpferisches Jahr"

Inge Jakobsen, Karin Schuff und Maria Wallenstål-Schoenberg pflegen unterschiedliche künstlerische Stile, doch sie bedienen sich einer gemeinsamen Bildsprache. In der Ausstellung "Polaritäten II", die im September in der KVD-Galerie zu sehen war, erzeugte das spannende Wechselwirkungen.

(Foto: Toni Heigl)

Um seine Bilder zu verkaufen, braucht ein Maler Publikum. Nur wo findet er das, wenn Ausstellungen nicht stattfinden dürfen? Johannes Karl, Vorsitzender der Künstlervereinigung Dachau (KVD), über eine Zeit, in der man sich was Neues einfallen lassen muss.

Interview von Gregor Schiegl

Ein schwieriges Jahr geht zu Ende und das nächste dürfte kaum einfacher werden. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben den Kulturbetrieb hart getroffen. Nicht nur Konzerte sind ausgefallen, auch Ausstellungen mussten vorzeitig schließen, und die für das gesellschaftliche Leben Dachaus so wichtigen Vernissagen sind fast alle ausgefallen. Die Künstlervereinigung Dachau (KVD) startet trotzdem mit einem vollen Programm ins neue Jahr. KVD-Vorsitzender Johannes Karl will auch digitale Formate, die neu entwickelt wurden, im Jahr 2021 weiterführen.

SZ: 2019 hat die Künstlervereinigung Dachau ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Was für ein Jahr war nun dieses 2020 für die Künstler der KVD?

Johannes Karl: Es war sicher ein Jahr der Überraschungen mit einigen Auf und Abs. Und es war auch wieder ein sehr arbeitsreiches Jahr. Das lag allerdings vor allem an den vielen Bestimmungen rund um den Lockdown, die sich auch immer wieder geändert haben. Man könnte sagen, es war ein kämpferisches Jahr. Man musste sich was einfallen lassen, um sich sichtbar zu machen, um sich zu zeigen und etwas zu verkaufen. Das ist ja auch so ein Punkt, der in der Corona-Krise herausgekommen ist: dass Kultur auch zu den wichtigen Dingen im Leben gehört.

Einige Ausstellungen mussten ausfallen oder verkürzt werden, Vernissagen waren wegen der vorgeschrieben Kontaktreduzierung oft nicht möglich. Hat die KVD heuer nur weniger Getränke ausschenken müssen oder hatte das weiterreichende Konsequenzen?

Als Künstler arbeitet man intensiv auf die nächste Ausstellung hin, und die Vernissage ist der Punkt, an dem die Anspannung abfällt: Man bekommt gleich ein großes Feedback von den Besuchern und nicht selten auch einen Schwung an Interessenten, die etwas kaufen wollen. Aber es ist ja auch eine Ehre, wenn sich alle wegen eines Künstlers versammeln. Man hat schon gemerkt, dass die Möglichkeit der Begegnung und der Vernetzung untereinander heuer fehlte. Was wir im Verlauf der Zeit auch festgestellt haben ist, dass die Künstler nicht mehr alle gleichzeitig zum Eröffnungstermin eingeladen haben, sondern nacheinander. Uns haben viele berichtet, dass das schon auch Vorteile hat, weil man mit den einzelnen Leuten besser ins Gespräch einsteigen kann, anders als auf der Vernissage, wo Partyatmosphäre herrscht und man ja gar nicht so die Zeit hat, mit jedem zu sprechen.

Die Jahresausstellung ist der klassische Schlusspunkt im KVD-Jahr. Diesmal fand sie explizit als Verkaufsausstellung statt - nur so war es erlaubt - und nach zwei Wochen musste die Ausstellung wegen des Lockdowns schon wieder geschlossen werden. Wie ist die Bilanz dieser "halben" Ausstellung?

Es ist total schade, dass uns das passiert ist, aber es ist ja auch nachvollziehbar. Wir haben festgestellt, dass ein großes Interesse da ist: Die ersten zwei Wochen hatten wir überdurchschnittlich viele Besucher; gerade unter der Woche haben viele mal reingeguckt und sich die Ausstellung angeschaut. Mit den Einblicken in die Ateliers und in die Künstlerarbeitsprozesse, die Wolfgang Feik mit seinen Fotografien den Besuchern gewährt hat, hatte das einen schönen Rahmen, der auch zu dem Jahr passt. Es haben auch mehr Leute Kunst gekauft Anfang Dezember. Da scheint es auch so einen Unterstützungsgedanken zu geben. Wobei ich mir wünschen, dass das kein Strohfeuer ist, sondern dass es ein Umdenken gibt: Wer Kunst kauft, bekommt ja nicht nur etwas, mit dem er seine Wohnung verschönern kann, er unterstützt eben auch genau die Künstler, die mit viel Engagement unsere Stadt bunter und damit lebenswerter machen.

Für Musiker, Kabarettisten und Tontechniker war dieses Jahr absolut katastrophal. Wie sind die bildenden Künstler durch das Jahr 2020 gekommen?

Als Künstler ist man noch in einer vergleichsweise guten Lage, weil man ja weiter arbeiten kann: Man kann seine Bilder malen oder als Bildhauer an seinen Skulpturen arbeiten. Es gab auch die Möglichkeit, seine Arbeiten der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu verkaufen, wenn auch in einem veränderten Rahmen; insofern geht es uns wahrscheinlich besser als Musikern oder Veranstaltungsleuten. Bei manchen hat sich das Jahr sogar eher positiv entwickelt, weil sie neue Aufträge dazugewonnen haben. Bei einem Großteil ist auch etwas weggefallen, aber das war selten total einschneidend. Was man aber schon merkt, ist, dass alle kämpfen müssen.

Haben die Künstler staatliche Hilfen in Anspruch genommen?

Das ist ganz heterogen. Und was ich aus meinem Bekanntenkreis gehört habe, gab es auch eine große Unsicherheit: Darf ich das beantragen - und was kriege ich da? Und an anderer Stelle: Sollte ich es tun, weil ich es dürfte, obwohl ich es gar nicht unbedingt bräuchte? Sicherlich hat ein Großteil der Künstler diese Hilfen in Anspruch genommen. Wir haben als Galerie ja auch eine kleine Förderung bekommen über das Projekt "Neustart Kultur", durch das wir uns ein bisschen digitaler aufstellen konnten. In diesem Rahmen konnten wir auch die kurzen Vernissage-Filme produzieren, die man auf unserer Website www.kavaude.de im Ausstellungsbereich sehen kann und auch auf Instagram, wo wir fleißig Bilder posten.

Der Vorsitzende der KVD, Johannes Karl.

(Foto: Toni Heigl)

Bleibt diese verstärke Präsenz im Digitalen Teil der Öffentlichkeitsstrategie?

Auf Instagram bleiben wir auf alle Fälle. Da geben wir kleine Einblicke in die Ausstellungen, manchmal zeigen wir auch Fotos, wenn wir etwas zu einer Ausstellung vorrecherchieren, um die Leute auf dem Laufenden zu halten. In unseren Filmen kann man den Künstlern kurz über die Schultern schauen und sehen, wie sie arbeiten. Aber klar, das ist auch ein enormer Aufwand. Wir drehen, schneiden alles selber. Jetzt überlegen wir, wie wir nächstes Jahr weitermachen, weil das Feedback, das wir zu den Filmen bekommen haben, eigentlich schon sehr positiv ist. Und auf Instagram scheint es auch nicht schlecht zu laufen, da haben wir jetzt 885 Follower.

Wie stellen Sie sich auf das Jahr 2021 ein, die Pandemie ist ja noch nicht vorbei?

Wir haben in diesem Jahr unser Programm wieder mit acht Ausstellungen vollgepackt, so wie wir es jedes Jahr machen. Die erste sollte eigentlich in irgendeiner Form im Januar eröffnen. Ich bin sehr gespannt, wie die Regelungen dann aussehen, ob wir es dürfen oder nicht. Wir hoffen natürlich für alle Künstler, dass sie ihre Arbeiten zeigen können.

Vernissagen wird aber es so schnell nicht wieder geben, oder?

Damit werden wir wohl erst mal eine Weilen leben müssen. Im Sommer haben wir ja wieder eine große Ausstellung im Schloss geplant, wo die Vernissage ja immer ein großes Ereignis ist mit 200 bis 300 Gästen. Wenn das wegfiele, wäre das natürlich sehr schade.

© SZ vom 31.12.2020
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