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Konzert:Horch, was kommt von draußen rein

Die Knabenkapelle spielt Ständchen vor Seniorenheimen in Dachau. Damit muntert sie nicht nur die Bewohner auf

Die Italiener wissen ihre Lebensfreude gegen alle Anfechtungen zu verteidigen. Als die Corona-Pandemie in ihrem Land am schlimmsten wütete, etablierten sie das allabendliche Balkonkonzert: Es war Trost und Genuss in einem, sogar Opernsänger schmetterten ihre Arien über die Dächer der Stadt. In Deutschland wurde dass Konzept vereinzelt nachgeahmt, zumeist von Familien, deren Nachwuchs gerade an der Blockflöte die musikalischen Grundlagen einübte, was man, ungeachtet der Weltlage, weiterhin besser im Kinderzimmer tun sollte.

Schon einen großen Schritt weiter in der musikalischen Entwicklung und damit deutlich näher am italienischen Vorbild ist die Knabenkapelle Dachau. So machte sie, über die ganze Stadt verteilt, von zu Hause aus "Musik aus dem Fenster" als Zeichen der Solidarität. Es erklang, wie könnte es anders sein, der vierte Satz aus Beethovens 9. Sinfonie, bekannt als Europa-Hymne mit der "Ode an die Freude", und weil so ein Balkon oder eine Terrasse wenig Öffentlichkeit hat, kann man den Auftritt auch auf der Homepage des traditionsreichen Blasensembles nachhören.

In den vergangenen Wochen hat die Knabenkappelle sogar schon wieder Freiluftkonzerte auf öffentlichem Grund gegeben, zuletzt am Sonntag vor dem Friedrich-Meinzolt-Haus, wo das sehr betagte Publikum der Pflegeeinrichtung aus dem Fenster schaute und andächtig lauschte. Seit Wochen sind die alten Leute dort zum Schutz vor dem Virus isoliert, sie dürfen nicht raus, können mit ihre Angehörigen allenfalls telefonieren. "Meine Mutter ist auch dort untergebracht", sagt Tilo Ederer, Vorstand der Knabenkapelle. "Ich habe sie schon seit fünf Wochen nicht mehr gesehen."

Knabenkapelle spielt vor Seniorenheimen

Unter Wahrung des korrekten Corona-Abstandes spielt die Dachauer Knabenkapelle ein Ständchen vor dem Friedrich-Meinzolt-Seniorenhaus.

(Foto: KK Dachau)

Man kann sich vorstellen, wie einsam sich die alte Leute dort in ihren Zimmern fühlen. Und dann stehen da auf einmal die Musiker, wenn auch nur eine Handvoll, denn sie müssen ja Abstand halten, und spielen in der Tracht der Knabenkapelle munter auf. Das gibt jedes Mal ein großes Hallo. "Die Bewohner haben aus dem Haus gewinkt und geklatscht", erzählt Tilo Ederer. "Das geht den Leuten ans Herz, und auch unseren Musikern hat es richtig Spaß gemacht." Auch den Musikerinnen, muss man ergänzen, denn anders als der Name suggeriert, setzt sich das traditionsreiche Dachauer Blasensemble keineswegs nur aus halbwüchsigen Knaben zusammen.

Über die Osterfeiertage hat die Knabenkapelle gleich mehrere Ständchen für Senioreneinrichtungen in der Stadt gegeben. Das Liederprogramm ist auf Vorlieben und Gewohnheiten des Publikums zugeschnitten. Altbekannte Volks- und Kinderlieder wie "Alle Vöglein sind schon da" gehören ebenso dazu wie eingängige Jazz-Standards, etwa Dave Brubecks "Take Five". "Magic in the Air" kennen Fußballfans noch aus dem Fernsehen von der Weltmeisterschaft 2018, als Frankreich den Titel holte; die Knabenkapelle hat das Stück von ihren französischen Freunden aus Léognan gelernt. Gespielt werden aber auch Märsche. "Damit die Leute ein bisschen mit den Takt mitgehen können und schunkeln", erklärt Tilo Ederer.

An dem Konzert haben nicht nur die Senioren ihre Freude, auch Leute auf der Straße bleiben stehen, hören zu, applaudieren. Ein analoges echtes Konzert mit leibhaftig anwesenden Musikern - wo gibt es das heute schon? Selbst für die Musiker ist es etwas Besonderes. Schon seit Wochen ist keiner mehr von ihnen aufgetreten, gemeinsame Proben gibt es wegen der Kontaktverbote ebenso lange nicht mehr. Offiziell darf man ja derzeit nur noch raus, um einkaufen oder spazieren zu gehen oder zum Sport. Ob man den Auftritt als Training, als instrumentengestützte Blasathletik, deklarieren kann, ist fraglich. Die Knabenkapelle hat deshalb eigens eine Einzelgenehmigungen für jedes ihrer - Achtung! - "Standkonzerte" eingeholt. Zuständig im Landratsamt ist die Abteilung für öffentliche Ordnung und Sicherheit, wo man aber keinerlei Bedenken gegen die Auftritte hat, schließlich finden sie ja nicht in, sondern vor dem Gebäude statt, unter Wahrung aller Hygiene- und Abstandsregeln.

Zukunftsmusik

Großveranstaltungen sind bekanntlich bis 31. August verboten. Doch was als "Großveranstaltung" zählt, ist bislang nicht näher definiert. Die Knabenkapelle hätte am 17. Mai ihr Jahreskonzert, der Vorstand hat bereits mehrere Varianten durchgespielt: Man könnte im 300 Gäste fassenden Saal des Thoma-Hauses maximal 100 Besucher zulassen. Oder die Kapelle tingelt von Stadtteil zu Stadtteil. Ob, wann und unter welchen Bedingungen Konzerte nach dem 3. Mai erlaubt werden können, weiß aber auch das Landratsamt derzeit nicht. Die entsprechenden Eckpunkte werde der Freistaat wohl erst Ende des Monats festsetzen, abhängig von der Entwicklung der Corona-Infektionen, sagt Landratsamtssprecher Wolfgang Reichelt. gsl

Dass Musiker das Publikum aufsuchen, ist nicht neu, das gibt es in Deutschland schon lange, und man könnte es sogar geradewegs für eine deutsche Erfindung halten, denn das "Ständchen" ist ein klassisches Sujet der deutschen Romantik. In Carl Spitzwegs Bildern taucht das Motiv häufig auf, auch bei Franz Schubert - im "Ständchen" ("Leise flehen meine Lieder") oder dem "Abendständchen an Lina" ("Sei sanft wie ihre Seele"). Die Knabenkapelle hat solche Ständchen schon vor Corona dargebracht, bei Geburtstagen, Hochzeiten und Jubiläen. Zwei Mal im Jahr spielte das Jugendorchester auch früher schon, um die Senioren aufzumuntern.

Die Gruppe ist jedes Mal bunt zusammengewürfelt, einen Dirigenten gibt es nicht. "Bei den Auftritten geben alle ihr Bestes", sagt Tilo Ederer. Jeder Konzertblock beschränkt sich auf zehn bis 15 Minuten. Dann geht es weiter auf die andere Seite des Hauses, wo bereits die Bewohner des gegenüberliegenden Flügels an ihren Fenstern warten. Und sie wissen: Die Knabenkapelle spielt wieder. Der nächste Auftritt findet an diesem Sonntag, 26. April, um 15 Uhr vor und hinter dem Friedrich-Meinzolt-Haus statt. Vorbeikommen und zuhören darf jeder - in sicherem Abstand, versteht sich.

© SZ vom 25.04.2020

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