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Kommunalwahl in Dachau:Wachstum sinnvoll lenken

Themenabend Wachstum

Lena Wirthmüller fordert, dem Sozialwohnungsbau von sofort an absolute Priorität einzuräumen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Bündnis für Dachau will Naturräume stärker schützen, Verkehr reduzieren und bezahlbaren Wohnraum schaffen

Das Schlagwort des Abends aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, das hatte sich das Bündnis für Dachau beim Themenabend "Wachstum. Wachstum! Wachstum?" im Ludwig-Thoma-Haus zum erklärten Ziel gesetzt. Mit Peter Heller, Lena Wirthmüller, Michael Eisenmann, Bernhard Sturm und Mike Berwanger legten fünf der bei der Kommunalwahl antretenden Bündnis-Kandidaten ihre Standpunkte dar.

"Wirtschaftliches Wachstum lässt sich nicht isoliert betrachten", stellte Bündnis-Sprecher Mike Berwanger bereits bei der Begrüßung fest. Ein "mehr" sei in jeglicher Hinsicht auch mit mehr Problemen verbunden. Stadtrat Bernhard Sturm befürchtet beispielsweise, dass der für den Landkreis Dachau prognostizierte Bevölkerungsanstieg von 15,5 Prozent in den nächsten zwei Jahrzehnten mit der Generierung von mehr Wohnfläche und einem starken Verkehrszuwachs einhergehen wird. Nach seiner überschlägigen Berechnung ziehe der Bau von 500 neuen Wohnungen mehr als 600 zusätzliche Autos nach sich. Politische Entscheidungen sollten aber unbedingt Verkehrsvermeidung und Verkehrsreduzierung in den Vordergrund stellen.

Des weiteren sei jedes neue Verkehrsprojekt mit Flächenverbrauch und Flächenversiegelung verbunden. Sturm, der seit 2014 im Umwelt- und Verkehrsausschuss der Stadt Dachau sitzt, bezeichnet Ausgleichsflächen diesbezüglich als "Beruhigungspille". Sie "entsiegelten" schließlich keine Flächen, sondern verbrauchten selbst wiederum Platz.

"Boden gibt es nur einmal," konstatiert auch Peter Heller und weist darauf hin, dass in Bayern täglich eine Fläche in der Größenordnung von zehn Fußballfeldern versiegelt werde. Doch Freiraum sei aus einer ganzen Reihe von Gründen unverzichtbar, sagt der Naturschützer und zählt unter anderem Aspekte wie Luftqualität, Artenschutz und Erholungswert auf. "Mehr Wachstum geht ökologisch letztendlich zu Lasten der Bevölkerung," fasst er seinen Standpunkt zusammen.

Aller Wachstumskritik zum Trotz möchte das Bündnis für Dachau ein gewisses Wachstum jedoch durchaus fördern, beispielsweise hinsichtlich des Sozialwohnungsbaus. Laut Lena Wirthmüller, die als Verfasserin zweier Armutsberichte die Lage kennt, müssten die momentan vorhandenen 2000 Sozialwohnungen auf 4000 verdoppelt werden um den Bedarf zu decken. Die Wartelisten seien selbst in der Stadt Dachau, in der die meisten Wohnungen zur Verfügung ständen, nach wie vor zu lang, klagt sie. Das sei auch auf den im Landkreis relativ großen Mindestlohnsektor in Verbindung mit hohen Mieten von etwa zehn bis elf Euro pro Quadratmeter, kalt, zurückzuführen.

Der einzige Ausweg besteht aus Wirthmüllers Sicht darin, von sofort an "nur noch bezahlbaren Wohnraum zu schaffen." Bernhard Sturm ergänzt, dass Wachstum den Menschen zugute kommen müsse, die es brauchen. Genossenschaftlichen Wohnbau und Mehrgenerationenhäuser seien ein Weg und sollten aus seiner Sicht von den Kommunen, beispielsweise durch bevorzugte Vergabe von Grundstücken und Baugenehmigungen, aktiv gefördert werden.

Auch der Sektor der erneuerbaren Energien sollte aus Sicht des Bündnisses stärker gefördert werden. Stadtrat Michael Eisenmann beklagt die durch die bisherige Politik unterstützte Fehlentwicklung des großflächigen Maisanbaus zur Biogaserzeugung. Er rechnet vor, dass die etwa 5000 Hektar Maisfelder hinsichtlich der erzeugten Energie durch nur zehn Windräder oder 100 Hektar Fotovoltaikanlagen ersetzt werden könnten. Das sei umweltschonender und flächensparender. Zudem könnten Flächen durch eine Kombination von Fotovoltaikanlagen mit Blühwiesen oder extensiver Landwirtschaft doppelt genutzt werden. "Es ist auch wirtschaftlich wichtig, die Energieerzeugung auf regionale Ebene zu verlagern, denn das ist günstiger als ein Import", argumentiert er.

In allen Bereichen möchte das Bündnis für Dachau Wachstum eingrenzen und in sinnvolle Bahnen lenken. Dabei sollten die Planungshorizonte so angepasst werden, dass sie nicht vom Status quo ausgingen, sondern vielmehr die voraussichtliche Lage in den nächsten Jahrzehnten berücksichtigten, gab Bernhard Sturm zu bedenken.

Zudem sollte Werten abseits des Gewinnstrebens, wie Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde ein höherer Stellenwert eingeräumt werden, fordert Mike Berwanger. "Die Politik ist dabei gefragt, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen."

© SZ vom 31.01.2020

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