Karlsfelder See Natur, Mensch, Lebensraum

35 Künstler stellten bei der 13. Freiluftausstellung "Seh am See" im Karlsfelder Erholungsgelände aus. Besonders berührend war eine Installation von Marian Wiesner mit dem Titel "Nest" im Wäldchen auf der Halbinsel.

Von Bärbel Schäfer

Vier Tage ohne Geld, ohne Essen und warmen Schlafsack unter freiem Himmel. Ein Nest aus Stroh als existenzielle Erfahrung. Marian Wiesner und der Regisseur Jonas Heldt haben aus diesem Experiment den berührendsten und intensivsten Beitrag der diesjährigen "Seh am See" gemacht. Die naturnahe Aktion versteckte sich vor den auffallenden und spielerischen Arbeiten der 35 Aussteller. Als der Vorsitzende Dieter Kleiber-Wurm am Samstagvormittag die 13. Freiluftausstellung eröffnete, hatte es für einige Minuten aufgehört zu regnen und die Sonne kam heraus. "Traditionswetter" kommentierte der Maler Manfred Schmölz gelassen. Die Künstler und Organisatoren sind es gewohnt, dass das Wetter zur "Seh am See" meistens schlecht ist.

Bürgermeister Stefan Kolbe erwähnte die Unterstützung von 400 Euro aus der Bürgerstiftung und Landrat Stefan Löwl lobte, dass die Kunst diesmal nicht in Galerien und Ateliers bleibt, sondern in den öffentlichen Raum zu den Menschen komme. Leider nur für zwei Tage. Über die wegen Pilzbefalls und Gefährdung der Badegäste gefällten Bäume wollte er nichts sagen, das überlasse er lieber den Fachleuten, so Löwl. Einige Künstler hatten die kürzlich vorgenommene Abholzung aufgegriffen - ein dankbares Thema, um in der Kunst Kritik zu äußern. Anders Lotte Helbig. Sie wickelte Verpackungsmaterial von Quarkbechern als bunten Verband um die Baumstümpfe. "Es wird ja nachgepflanzt. Ein ewiger Kreislauf", sagte Kunstkreismitglied Helbig. Ironisch gemeint ist Dieter Kleiber-Wurms Beitrag zum Hochwasserschutz mit einer schmalen Luftpolstermanschette um den Baumstamm und Eva Riedls röhrenartiges "Biber-Biss-Verhüterli" über den Ästen. Immer wieder wunderbar sind die Arbeiten im Wasser.

Carin Szosteckis sanft in den Wellen schaukelnder Teppich aus schillernden CDs trägt den Titel "Wassermusik", Klaus Kühnleins "Seebild 2.5 d" aus Holzleisten, flach schwimmend und doch dreidimensional, Frieder Lebers über den Rand der Satellitenschüssel blickende Frauenfigur und Friedo Niepmanns Holzkäfig mitten im See. Thema ist der gefangene Künstler, auf die eigene Gedankenwelt beschränkt. Der Gitterkäfig des Olchinger Aktionskünstlers war Kulisse einer Performance mit dem Titel "Ora et labora" - bete und arbeite. Das "Duo Namenlos" (ein Spieler im Anzug, der andere in roten Strapsen, Strümpfen, mit Sonnenschirm und Hühnerhut auf dem Kopf) schritt summend ins Wasser, setzte sich in den Käfig, betete wie im Beichtstuhl, schrie und stöhnte. Dann erschossen die Strapse den Anzug. Der Anzug fiel vornüber ins Wasser und die Strapse trampelten gackernd auf ihm herum. Man denkt an den zweifelnden Künstler, ständig mit sich ringend, aufgerieben zwischen Ernsthaftigkeit und Schalk. Für die Vorstellung gab es viel Applaus.

Liz Schinzlers und Gabriela Braunecks Installation "Summertime" steht dagegen im Einklang mit sich und der Welt. "Sprüche wie "Nix zu meckern" und "Leben ist jetzt" hängen wie tibetanische Gebetsfahnen am Baum. Den allgegenwärtigen Verbots-Schilderwald thematisieren hingegen Ottilie Patzelt und Aysim Woltmann mit einer Installation aus Verkehrsschildern. Ruhevoll sitzt Klaus-Peter Kühnes "Margot", eine ausgesägte Frauensilhouette aus Metall, im Gras, während Martin Stiefel und Gertraud Gspahns die Besucher zur Aktion auffordern. Allerdings muss man zu zweit sein. Einer betätigt eine Luftpumpe, der andere schaut, was auf der anderen Seite des Gebüschs passiert. Gerard Corniolys "Garten der Gefühle" hält dem Besucher den Spiegel vor. Einfach nur verrückt ist Ernst Lüttringhaus großes kinetisches Objekt aus Rädern, Schwimmreifen und allerlei metallenen Fundstücken. Zwischen den manchmal absurden und schreiend bunten Kunstwerken am Nordostufer des Sees versteckt sich Marian Wiesners Naturinstallation in dem kleinen Wäldchen am Rand der Halbinsel. Ein Schildchen mit dem Wort "Nest" führt den Besucher dorthin. Im Inneren des Wäldchens befindet sich, fast unsichtbar, unter einem Dach aus Zweigen ein Nest aus Gras und Stroh.