Karlsfeld Protest gegen "Tabula rasa-Prinzip"

Das Landratsamt lässt am Karlsfelder See aus Sicherheitsgründen eine Reihe von Bäumen fällen. Sie sind offenbar von Bakterien befallen. Viele Bürger regen sich auf, der Bund Naturschutz hält die Aktion für übertrieben.

Von Julian Erbersdobler

Als am Pfingstmontag zwei große Äste am Westufer des Karlsfelder Sees auf den Boden krachten, kamen Badegäste und Erholungssuchende mit einem Schrecken davon. Die Sicherung des betroffenen Areals übernahmen Wasserwacht und Feuerwehr. Einen Tag darauf machten sich auch Mitarbeiter des Bauhofs ein Bild von der Lage. "Gleichzeitig haben wir unseren Experten der Unteren Naturschutzbehörde beauftragt, eine Untersuchung durchzuführen", sagt Robert Hartl, der für die Naherholungsgebiete zuständig ist. In einer Pressemitteilung des Landratsamts ist wenige Tage später von etwa 15 gefällten Bäumen zu lesen, die bakteriell befallen waren. Darunter hauptsächlich Silberweiden und Hybridpappeln. Doch bei der genannten Zahl bleibt es nicht. Tatsächlich wurden "an 35 Stellen rund um den Karlsfelder See Bäume gefällt". Das bestätigt der Pressesprecher des Landratsamts, Wolfgang Reichelt.

Warum hat sich die Zahl erhöht? Reichelt hat dafür zwei Erklärungen. Zum einen hat sich der zuständige Experte der Unteren Naturschutzbehörde vor Ort dafür entschieden, weitere befallene Bäume zu fällen. Dies habe die Zahl der gefällten Bäume aber nicht wesentlich erhöht. Vielmehr unterlief dem Landratsamt eine kleine Kommunikationspanne, die Reichelt so darstellt: "Ein Baum für den Experten ist nicht gleich ein Baum für den Laien." In anderen Worten: "Wenn man an einer Stelle drei Bäume in die Höhe wachsen sieht, dann ist das aus Sicht eines Fachmanns nur ein Baum, wenn alle drei Stämme einer Wurzel entspringen", erklärt Reichelt. Viel wichtiger als die genaue Zahl der Bäume sei allerdings, dass der Schutz der Badegäste und Erholungssuchenden gewährleistet werde, sagt der Pressesprecher.

Roderich Zauscher kann die gesamte Fällaktion nicht nachvollziehen. Das Telefon des Kreisvorsitzenden des Bund Naturschutz steht nach eigenen Angaben seit den Fällungen nicht mehr still. "Bei uns rufen viele Menschen an, weil sie nicht verstehen, warum so viele Bäume gefällt werden mussten. "Nach meinen Informationen waren nur drei Bäume gekennzeichnet, die gefällt werden sollten." Weiterer Kritikpunkt: In einem der gefällten Bäume sei eine Spechthöhle gewesen, die ebenfalls zerstört worden sei. "Das ist ein Verstoß gegen das Naturschutzgesetz, wenn keine akute Gefahr bestand", sagt Zauscher. Die großräumige Baumfällaktion bezeichnet er deshalb als "naturfeindlichen Vandalismus."

Der stellvertretende Vorsitzende der BN-Ortsgruppe, Bernhard Wagner, sieht das ähnlich. "Die gesunden Bäume, die nur astmäßig ein bisschen verjüngt werden müssen, hätte man zurechtschneiden können", sagt er. "Die große Fällaktion ist meiner Ansicht nach völlig übertrieben." Dass verkehrsgefährdende Bäume gefällt werden müssten, sehe er ein. Den Ablauf der Aktion nach dem "Tabula-rasa-Prinzip" möchte er aber so nicht durchgehen lassen.

Robert Hartl vom Landratsamt kann die Aufregung seitens des Bund Naturschutz nicht verstehen. "Wenn mitten in der Badesaison Gefahr für Leib und Leben im Verzug ist, müssen wir sofort handeln." Außerdem: "Es waren nicht nur drei Bäume markiert, sondern alle, die letztlich auch gefällt worden sind." Kritik am Zeitpunkt der Fällungen während des Badebetriebs weist Hartl ebenfalls zurück. Es hätte noch die Möglichkeit gegeben, das Areal großräumig zu sperren und die Bäume nach der Badesaison zu fällen. "Da wäre das Geschrei aber groß gewesen", sagt er.

In einem Punkt sind sich Landratsamt und Bund Naturschutz aber einig. Beide Seiten sprechen sich klar für Ersatzpflanzungen aus. Die konkrete Planung erfolge allerdings erst nach Abschluss der Sanierungsarbeiten am Karlsfelder See, heißt es aus dem Landratsamt.