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Kultur in Karlsfeld:Malerei hinter Glas

Kunst-Spaziergang

Beim Kunst-Spaziergang durch die Neue Mitte Karlsfeld können die Besucher beim Schaufensterbummel auch zahlreiche Arbeiten örtlicher Künstler bewundern.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Der Karlsfelder Kunstkreis hat zusammen mit der Gemeinde eine Ausstellung für seine Mitglieder organisiert. Doch diesmal werden die Werke nicht in der kleinen Galerie-Kunstwerkstatt gezeigt, sondern in Schaufenstern von Geschäften und Banken

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Konzerte, Ausstellungen oder "Seh am See" - all das fehlt dieses Jahr in Karlsfeld. Musiker, Maler, Bildhauer und andere Kulturschaffende sitzen seit Monaten zu Hause oder in ihren Ateliers. Blaskapelle und Bigband des Musikvereins haben inzwischen einen Weg gefunden, wieder in der Öffentlichkeit aufzutreten. Sie spielen seit Anfang Juli abwechselnd im "Paulaner Seegarten" am Karlsfelder See. "Eine tolle Atmosphäre", schwärmt Vizebürgermeister Stefan Handl. Viele andere Künstler wünschten sich ebenfalls eine Möglichkeit, um ihr Können zu präsentieren. "Sie lechzen nach Auftrittsmöglichkeiten", weiß Handl. Lange habe man überlegt, jetzt hat der Karlsfelder Kunstkreis zusammen mit der Gemeinde eine Ausstellung für seine Mitglieder organisiert - ohne dass die Betrachter eine erhöhte Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus fürchten müssen. Der erste Karlsfelder Kunstspaziergang bringt die Kunst zum Betrachter - und zwar ganz analog.

Die Künstler suchten in ihren Archiven nach Werken. Zeit für Neues blieb nicht

Gemälde und Skulpturen sind hinter Schaufensterscheiben oder Eingangstüren von Geschäften, der Sparkasse, dem Bürgertreff und der Bücherei ausgestellt - für jeden sichtbar. "Es war eine sehr spontane Idee", erzählt Klaus-Peter Kühne, der Vorsitzende des Kunstkreises. Zwölf Künstler waren sofort begeistert von dieser neuen Präsentationsform. Sie begannen, in ihren Archiven nach Werken zu suchen, die sie zeigen könnten. Zeit, Neues zu erschaffen, hatten sie nicht. Auch die Gewerbetreibenden zogen sofort mit und "stellten ihre Schaufenster zur Verfügung", erzählt Vizebürgermeister Handl.

"Auf der Straße tun wir uns leicht mit den geforderten Abständen", sagt Kühne. In der Galerie-Kunstwerkstatt am Drosselanger ist es dagegen schwierig, der Raum ist relativ klein. Noch dazu ist er im Sommer durch die enorme Hitze, die sich dort staut, unattraktiv. Innerhalb von sechs Wochen gelang es den Karlsfelder Künstlern, ihre Werke im Ortszentrum aufzuhängen und aufzustellen. Insgesamt sind 55 Exponate zu sehen. "Natürlich sind auch alle käuflich", betont Kühne bei der Eröffnung der Ausstellung. Wer also Brot und Schinken kauft, kann nun auch gleich ein Kunstwerk erstehen, das einen beim Gang in den Supermarkt oder die Apotheke in den Bann gezogen hat.

"Es war sehr schnell klar, wer welchen Ort bespielen will", sagt Kühne. Er selbst hat das Edeka-Schaufenster zur Wögerwiese für seinen "Regengarten" gewählt. Und es passt perfekt an diesen Ort. Auf dem Gemälde ist mit kräftigen Farben ein Innenraum dargestellt, der durch Wassertropfen verwischt ist. Kühne hat neben Blau vor allem Gelb- und Orangetöne verwendet. Die dunkel schimmernde Scheibe und die orangefarbene Wand drumherum wirken, als wären sie genau der Rahmen, für den das Bild geschaffen wurde - wenn am Nachmittag die Sonne das Gemälde ausleuchtet, kommt es noch einmal besonders gut zur Geltung. Auch Klaus Herbrich hat seinen Ausstellungsort einbezogen. Einer seiner marmornen Köpfe steht im Schaufenster der Audi BKK, einer Betriebskrankenkasse in der Neuen Mitte. Hier folgt das Denken Gesetzen und Verordnungen, also klaren Strukturen. Und so hat der Künstler einen abstrakten Kopf gewählt, der flach ist wie eine Scheibe. Nur durch eine an einer Seite angedeutete Nase ist er überhaupt als Kopf erkennbar. Im Zentrum der Scheibe befindet sich ein Rechteck mit gitterartiger Struktur, ganz gleichmäßig und geradlinig. "Das gibt die klaren Gedanken wieder, das vernetzte Denken", erklärt Herbrich dem kleinen Grüppchen, das sich bei der Vernissage des Kunstspaziergangs um sein Werk versammelt. "Auf der anderen Seite" - zum Inneren des Ladenraums hin und damit für den Betrachter draußen nicht sichtbar - "sind die verwirrten Gedanken." Man muss also hineingehen, um sie zu sehen.

Die Sparkasse zeigte sich besonders großzügig. Bis auf vier Fenster durfte der Kunstkreis alle neu gestalten. Abstrakt aber großformatig zeigt Rosa Quint dort ihre Visionen des "Golfo paradiso". Viel Blau, viel Wasser - und viel Potenzial, sich an die italienische Küste zu träumen, wo manche wegen der Corona-Krise dieses Jahr wohl eher nicht hinfahren. Stattdessen steht der Betrachter im lauten Straßenverkehr der Münchner Straße, wo es nachmittags bis zu 37 Grad heiß wird. Zart wirken die Lomographien von Tayama da Silva-Nielsen, die mit ihrer Kamera mit Mehrfachbelichtungen in Schwarz-weiß experimentiert. Ein Gesicht mit geschlossenen Augen verschwimmt mit dem Blätterwerk eines Baumes. Es wirkt wie aus einer anderen Welt - einer Traumwelt. Traum und Wirklichkeit verschmelzen. Auf einem anderen Bild erkennt man - vorausgesetzt man schaut genau hin - einen Fuß im mächtigen Stamm eines Jahrhunderte alten, knorrigen Baums.

Alexander Krohmer hat sich für seine Fotografien den Bürgertreff am Marktplatz ausgesucht. Sicher auch nicht ohne Grund, denn sein Thema sind Spiegelungen. "Das Gehirn blendet sie aus. Doch in der Fotografie wirken sie, als ob sie zum Objekt dazugehören", erklärt er. Der Karlsfelder hat Schaufensterspiegelungen in der 5th Avenue in New York aufgenommen. Man sieht Taxis, Menschen, Puppen. Realität und Schaufensterauslagen zu trennen, ist kaum mehr möglich. Eine wirklich interessante Perspektive. Zumal sich noch eine ganz andere Spiegelung ins Bild mogelt: die Hochhäuser gegenüber.

Liz Schinzler bringt mehrschichtige Collagen ins Spiel, unter anderem "ein Sommer daheim" - sehr passend zur momentanen Situation. Viele Papierfetzen von Zeitungsüberschriften sind eingearbeitet. Man liest in dem chaotisch wirkenden Werk "Seh am See", kann die Frage erkennen: Findet es noch statt?

Bis 6. September wird die Ausstellung noch zu sehen sein. "Jeder kann etwas finden für sich", sagt Kühne und stößt mit den anderen Künstlern mit einem Pappbecher Sekt auf die gelungene Präsentation an - Vernissage in Zeiten von Corona.

© SZ vom 14.08.2020

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