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Jazz:Opulent und virtuos zugleich

"Philipp Groppers PHILM" begeistert die Jazzfreunde in der Kulturschranne. Doch dieses eineinviertelstündige Konzert, das als Start in die Herbstreihe vorgesehen war, wird nun wohl vorerst auch das letzte sein

Von Andreas Pernpeintner, Dachau

Was als Konzertreihe gedacht war, ist nun wohl nur ein kurzes Gastspiel. Kurz vor der erneuten Schließung des kulturellen Lebens und Angebots hat der Jazz e.V. sein Auftaktkonzert zur Herbstreihe präsentiert: Das Konzert mit dem Quartett "Philipp Groppers PHILM" in der Dachauer Kulturschranne war die erste Gelegenheit seit März, um im Dachauer Jazzclub Livemusik zu erleben - und zugleich die vorerst letzte. Die beiden für November geplanten Konzerte mussten abgesagt werden; ob es im Dezember einen Ersatztermin geben kann, ist nicht gewiss.

Free Jazz

Das Quartett ist so gut austariert, dass jede Einzelstimme im Zusammenspieleine immense Strahlkraft entfaltet. Immer wieder hat es sogar symphonische Aussagekraft.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der Jazz e.V. hat ein treues Stammpublikum, und so erlebt man hier trotz korrektem Hygieneabstand und Maskenpflicht die gegenwärtige Ausnahmesituation einer beinahe vertrauten Konzertatmosphäre. Geradezu wunderbar ist nun, so seltsam das klingt, wie sich die Hygieneregeln auf die musikalische Darbietung auswirken: Die vier Musiker geben ihr Konzert ohne Pause, und dadurch ist das eine Set, das sie spielen, länger als üblich. Der Clou ist, dass sie diese eineinviertel Stunden mit einer prozessualen Musik füllen, die ohne jegliche Zergliederung in Einzelstücke auskommt. Das an sich wäre zwar kein Novum beim Jazz e.V., dass es Philipp Gropper und seiner Band dabei aber gelingt, trotz der kleinen Quartettbesetzung einen Klangeindruck von geradezu symphonischer Aussagekraft zu erzeugen, ist bemerkenswert.

Free Jazz

Der Vorsitzende des Jazz e.V., Axel Blanz, begrüßt Phil Groppers PHILM.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Ein Baustein hierfür ist, dass Pianist Elias Stemeseder nicht nur das Klavier spielt, sondern zusätzlich zwei Synthesizer, die er klangarchitektonisch wohlüberlegt integriert. So entsteht auf Knopfdruck innerhalb der Kammermusik eine (elektronische) klangliche Breite von fast orchestraler Dimension.

Die Musik erhält aber vor allem auch durch ihre exquisite Dramaturgie ihre Opulenz. Gemeinsam durchschreiten die Musiker weitgespannte Dynamik- und Tempoentwicklungen. Verdichtung und Entspannung - stets getragen von einem klar fasslichen Puls, der selbst in den ruhigen impressionistischen Klangbildern nie zum Erliegen kommt. Das haben die Musiker derart klug ersonnen, dass sogar nach über einer Stunde, als sich die vier Instrumentalstimmen plötzlich in repetitiver Rhythmik überlagern, nochmals ein neues Ausdrucksmoment hervortritt. Diese Darbietung kennt trotz ihrer Dauer keine Redundanz, sie ist spannend bis zur letzten Sekunde.

Was an dieser jazzsymfonischen Kammermusiktondichtung nun improvisiert und was auskomponiert ist, darüber darf man spekulieren. Pianist Stemeseder hat Noten zur Orientierung auf dem Pult liegen. Schlagzeuger Oliver Steidle nicht. Dass Steidle den musikalischen Ablauf vollständig im Kopf hat und zusammen mit dem klangkollektivdienlichen Bassisten Robert Landfermann ein so lebendiges Fundament erschafft, gehört zu den beeindruckenden Erkenntnissen dieses Konzerterlebnisses. Man verzeiht dem Pianisten seine Orientierung an der musikalischen Schriftsprache nur zu gerne. Übernimmt er doch oftmals die musikalische Führung mit seinem hochvirtuosen Skalenspiel, den harten Clustern und den sanft angeschlagenen Farbakkorden, in denen das Klavier geradezu kristallin leuchtet, ohne dass je die Prägnanz verloren ginge. Aber Stemeseder ist nie zu dominant, denn kleine, feinsinnig koordinierte Elemente mit Steidle und mit dem Saxofonisten Philipp Gropper sind stets präsent. Und Groppers variantenreiches, intensives Saxofonspiel hat Energie. Dies lässt zugleich ein weiteres zentrales Merkmal dieser Darbietung erkennen: Jede Einzelstimme dieses Quartetts hat im Arrangement immense Strahlkraft, doch wird stets klar, wie exakt die einzelnen Freiheiten der Ausdrucksgestaltung zueinander austariert sind. Das Ergebnis ist wirklich hinreißend.

© SZ vom 02.11.2020
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