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Tassilo:Mäzenin für Afrikas moderne Kunst

Kristin Diehl präsentiert in ihrer Kunsthalle "ConARTz" in Niederroth erstklassige zeitgenössische Kunst von afrikanischen Künstlern. Besonders liegt ihr die Förderung junger Bildhauer aus Simbabwe am Herzen.

(Foto: Toni Heigl)

Die Bildhauerei in Simbabwe hat eine lange und reiche Tradition. Wirtschaftliche Not und der Kommerzialisierungsdruck des Markts lassen zeitgenössischen Künstlern aber oft kaum Freiraum, sich frei zu entfalten. Den gibt ihnen Kristin Diehl - mit Wettbewerbspreisen und Ausstellungen in ihrer Galerie in Niederroth.

Von Renate Zauscher, Dachau

Kristin Diehl ist eine bemerkenswerte Frau: eine Frau, die klare Ziele vor Augen hat und sich mit Mut Begeisterung und Leidenschaft für das Erreichen dieser Ziele einsetzt. Während der vergangenen drei Jahrzehnte galt dieser Einsatz und diese Leidenschaft neben der Berufsarbeit als Lehrerin vor allem einem Projekt: Diehl will afrikanischen Künstlern aus Simbabwe, dem ehemaligen Rhodesien, in Europa eine Bühne bieten und damit auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen kreativer, eigenständiger Künstler in ihrer Heimat verbessern.

Nach Ausstellungen in Städten wie Münster, Saarbrücken oder München mit Arbeiten zahlreicher Bildhauer aus Simbabwe eröffnete Diehl 2012 die Galerie "ConARTz - Contemporary Art of Zimbabwe" in Niederroth bei Dachau, wo sie jeweils im Sommer Arbeiten renommierter oder auch erst am Beginn einer Karriere stehender junger Künstler einige Wochen lang zeigt.

Galerie Conartz

Die Skulptur "Knight" von Itai Nyama.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In Simbabwe hatte sich seit etwa der Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine höchst kreative Kunstszene im Bereich der Bildhauerei entwickelt. Plastiken simbabwischer Künstler begeisterten Museen und Sammler in Europa und Übersee. Der Erfolg barg aber auch die große Gefahr, dass künstlerisches Potenzial durch eine immer stärkere Marktorientierung von Produzenten wie Galerien verloren ging.

Mit den Arbeiten der ersten Künstlergeneration kam Kristin Diehl eher zufällig in Kontakt: Die Schule in Münster, wo Diehl Kunsterziehung und Mathematik unterrichtete, suchte 1988 nach einer Partnerschule in Afrika; die Wahl fiel auf Simbabwe, eines der ärmsten Länder der Welt. Um sich ein Bild an Ort und Stelle zu machen, zog Diehl als Rucksacktouristin los und stolperte unterwegs, ganz wörtlich, über entlang der Straßen ausgestellte Bildwerke. Sie sei "überwältigt" gewesen von der Kreativität dieses Volkes, "dem das Dreidimensionale in die Wiege gelegt ist", erzählt Diehl.

Kristin Diehl ist ein praktisch veranlagter Mensch und als solcher beschloss sie wenig später, möglichst viele dieser Arbeiten aufzukaufen und mit den Verkaufserlösen die Partnerschule Rio Tinto in Mubayira finanziell zu unterstützen. Jahr für Jahr besuchte Diehl die Schule, teilweise zusammen mit ihren deutschen Schülern und Schülerinnen. Darüber hinaus organisierte sie im Lauf der Jahre mehr als einhundert Patenschaften für begabte bedürftige Kinder in Simbabwe. Mittlerweile konnte die Partnerschule dank der Skulpturenverkäufe in den von Diehl ab 1992 organisierten Ausstellungen zu einer Bildungseinrichtung mit Highschool-Abschluss ausgebaut werden. Gleichzeitig aber war Kristin Diehl wichtig, vor allem solche Künstler zu unterstützen, die der Versuchung des Marktes nicht unterlagen und sich künstlerisch, im Austausch mit anderen, weiterentwickeln wollten. Genau sie wollte Diehl durch Aufkäufe und Ausstellungen fördern. 2002 lobte sie erstmals den nach ihr benannten Sculpture Prize aus, einen Wettbewerb, der es den Preisträgern über eine Reihe von Jahren hinweg ermöglichte, wenigsten vorübergehend ohne finanziellen Druck künstlerisch zu arbeiten. Darüber hinaus konnte Diehl jungen Künstlern die Teilnahme an Ausstellungen oder ein Stipendium etwa in der Villa Waldberta der Stadt München in Feldafing vermitteln. Mit der Eröffnung einer eigenen Galerie in Niederroth 2012 und der Beteiligung an einer Ausstellung 2019 in Altomünster hat Kristin Diehl, die mit ihrem Mann teils in München, teils in Italien lebt, zugleich neue, wichtige Akzente in der Kunstszene des Landkreises gesetzt. Während der Öffnungsmonate der Galerie kann man sich regelmäßig über die Entwicklung der wichtigsten Persönlichkeiten der Bildhauerszene in Simbabwe informieren und an praktischen Beispielen erleben, wie sich künstlerische Konzepte und Ausdrucksformen über die Zeit verändert haben. Vor allem aber kann man in Niederroth immer wieder mit den Künstlern selbst ins Gespräch kommen, die hier vor Ort arbeiten oder Workshops anbieten. Wann dies in der bisherigen Form allerdings wieder der Fall sein wird, hängt vom Fortgang der Corona-Pandemie ab: Bereist 2020 musste Diehl zwei Flüge für die Geladenen stornieren.

Die Ausstellung in Niederroth soll jedoch, wenn irgend möglich, heuer dennoch stattfinden, und zwar vom 27. Juni bis zum 19. Juli. Zeigen will Diehl diesmal vor allem Werke von Itai Nyama, einem der innovativsten Vertreter der simbabwischen Bildhauerszene, außerdem figurative und konstruktivistische Skulpturen von anderen renommierten Künstlern wie Albert Wachi, Eddie Masaya, Kudzanai Dambaza oder Tutani Mgabazi. "Optimistisch wie ich bin nehme ich an, dass man im Sommer wieder öffnen und Besucher im Freien und in der großen Halle empfangen kann", sagt Diehl. Für das Weiterbestehen der Kunsthalle, vor allem aber für die Künstler selbst wäre es wichtig, dass Verkäufe getätigt werden können. Die Folgen der Pandemie nämlich stellen für die Künstler in Simbabwe laut Diehl eine Katastrophe dar: "Niemand kommt mehr, alles ist runtergefahren, viele leiden buchstäblich Hunger." Lediglich wer über langjährige Kontakte ins Ausland verfüge, könne die ein oder andere Arbeit online verkaufen.

Skulptur "Aftermath"

„Aftermath“ des Künstlers Gideon Gomo.

(Foto: Kirstin Diehl)

Kristin Diehl verdient so gut wie nichts an ihrer Ausstellungstätigkeit. Mehr als zwanzig Jahre lang flossen alle Erlöse aus Ausstellungen in das mittlerweile von einem Freund weitergeführte Schulprojekt, und seit der Eröffnung der Galerie in Niederroth werden damit die Reisekosten der Künstler und die Miete für das landwirtschaftliche Gebäude bezahlt, in dem die nur schwer transportierbaren Skulpturen das Jahr über im Depot bleiben können.

2005 wurde Diehl für ihre engagierte Arbeit das Bundesverdienstkreuz verliehen. Mittlerweile ist sie auf der Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin. Es müsste jemand sein, der die gleiche Leidenschaft für Kunst und auch die gleiche Freude an menschlichen Begegnungen mitbringt, die Diehl über all die Jahre die Kraft für ihre vielfältigen Aufgaben verliehen haben.

© SZ vom 06.05.2021
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