Halbzeitbilanz Florian Hartmann: einfach beliebt

Oberbürgermeister Florian Hartmann und der Panoramablick, für den Dachau berühmt ist.

(Foto: Toni Heigl)

Der neue Oberbürgermeister ist an seinem Amt gewachsen. Das kommt gut an bei den Dachauern.

Von Viktoria Großmann, Dachau

Vor ein paar Wochen ist der Oberbürgermeister in der öffentlichen Bauausschusssitzung mal ein bisschen deutlicher geworden. Er erinnerte die Stadträte an ihren Amtseid. Sie seien verpflichtet, sich an die Gesetze zu halten. "Wir können nicht ständig Dinge beschließen, die gesetzeswidrig sind", sagte Florian Hartmann. Mehrmals hatte eine Mehrheit, angeführt von der CSU, Bauvorhaben genehmigt, die nach Baurecht nicht zulässig waren. Seine Kritik löste heftige Gegenwehr aus. Es sah so aus, als hätten sich die Fraktionen im Rathaus endgültig überworfen. Als sei der Graben zwischen der SPD, der Partei des Oberbürgermeisters, die im Alten Sitzungssaal rechts sitzt und der CSU auf der linken Seite unüberwindbar geworden.

"Solche rechtswidrigen Entscheidungen stören mein Gerechtigkeitsempfinden", sagt Hartmann. Dieser Wille zur Gerechtigkeit habe in drei Jahren Amtszeit als Oberbürgermeister der Stadt Dachau noch zugenommen. Auch Hartmanns Idealismus scheint nicht gelitten zu haben. Nicht unter dem täglichen Kampf mit Verwaltungsvorschriften, nicht unter der Erkenntnis, dass alles viel länger dauert, als erwartet und auch nicht darunter, keine verlässliche Mehrheit im Stadtrat zu haben. Statt Ernüchterung zeigt der 30-Jährige Tatendrang.

Hartmann bittet zum Gespräch an den Besprechungstisch in seinem Büro. Die Fensterfront hinter ihm bietet den von der Schlossterrasse bekannten Ausblick der bei Föhnwind bis in die Alpen reicht. Aus einem Seitenfenster kann man die Konrad-Adenauer-Straße hinunterschauen bis zum MD-Gelände. Im Büro stehen Werke Dachauer Künstler. Hartmann hat sich eingerichtet, er gehört hierher. Und er lässt absolut nicht erkennen, dass er den Job wieder hergeben möchte. Er war erst seit zwei Jahren berufstätig gewesen, als Ingenieur in einem Planungsbüro für Energie- und Umwelttechnik, als er mit 27 Jahren kündigte, um Oberbürgermeister zu werden. Den früheren Job vermisst er nicht, sagt er, auch wenn er nun doppelt soviel arbeitet.

Strukturiertes Vorgehen

Die Ingenieursstelle im Planungsbüro sieht er rückblickend als recht gute Vorbereitung für seine jetzige Aufgabe an. Man werde mit einem Problem konfrontiert, entwickle eine Lösung und stelle einen Plan auf, um diese Schritt für Schritt umzusetzen. Er habe gelernt, strukturiert vorzugehen. Wenn etwas erledigt ist, kommt ein Häkchen dahinter. "Ich setze mir ein Ziel und richte mein Handeln danach aus." Das helfe, sich nicht zu verzetteln.

Einige Vorhaben sind schon abgehakt: Die Stadtbusse fahren bis zehn Uhr abends, es gibt ein Mittel, Bauherren besser an Infrastrukturkosten zu beteiligen, das Problem innere Münchner Straße wurde ebenso angegangen wie MD, die ehemalige griechische Schule Mitterndorf, Fahrradparkhaus, Bahnhof-Westseite, nicht zuletzt der Neubau des Hallenbads. Zu allem wurden oder werden umfänglich die Bürger befragt, wie versprochen. Was aber Florian Hartmanns im Amt gewachsenes Selbstbewusstsein und die Sicherheit, die er im Umgang mit der oft sturen, nicht immer fairen Front der Gegner an den Tag legt, mindestens genauso gut erklärt wie seine Arbeitserfolge, ist dies: Hartmann ist beliebt.

Es ist vielleicht das, was seine Gegner am meisten ärgert. Wie so vieles an Hartmanns Amtszeit, war nicht einmal das abzusehen. Als die SPD erst im November 2013, nicht einmal ein halbes Jahr vor den Kommunalwahlen Ende März 2014 die Kandidatur Hartmanns verkündete, war die Partei zerstritten und gespalten. Ein Teil trat dann einzeln zur Wahl an. Die Nominierung eines 27-Jährigen, auch wenn er bereits seit sechs Jahren Stadtrat war, konnte bestenfalls mutig genannt werden. Man konnte sie auch als ebenso verzweifelt wie aussichtslos ansehen. Dass eine sich auf peinliche Weise in der Öffentlichkeit selbst zerlegende Partei gegen eine im Rathaus und in der Stadtgesellschaft fest verankerte CSU würde gewinnen und am Ende den Oberbürgermeister stellen können, das hatten die Sozialdemokraten selbst nicht geglaubt. Es zeigte, dass die CSU nicht unangreifbar ist und auch, dass Dachau größer ist und mehr Menschen zur Stadt gehören, als jene, die auf dem Altstadtberg miteinander ihre Pläne schmieden. Jeder, der neu in ein Amt gewählt wird, erhält ja nicht nur Stimmen für seine eigene Person. Sondern auch die Stimmen derer, die den anderen nicht mehr wollen.

Neue Diskussionskultur

Rückblickend hat der stellvertretende Bürgermeister Kai Kühnel (Bündnis für Dachau) einige gute Worte für Hartmanns Amtsvorgänger Peter Bürgel (CSU) übrig. Man habe "themenbezogen und vernünftig mit ihm reden" können. Wie auch mit den CSU-Stadträten Dominik Härtl und Christian Stangl, die beide die Fraktion verlassen haben. Heute sei das ganz anders. Über Hartmann hat Kühnel nur Lobendes zu sagen: "Ich fühle mich ernst genommen." Anliegen würden diskutiert und in Erwägung gezogen, nicht einfach beiseite gelegt, wie es früher vorgekommen sei. Kühnels Bündnis-Fraktion verfolgt den Kurs der CSU äußerst kritisch. Anders als Hartmann. "Ich bewundere ihn, wie ruhig er bleibt." Wie angespannt das Verhältnis ist, zeigt, dass sich die Dritte Bürgermeisterin Gertrud Schmidt-Podolsky (CSU) überhaupt nicht zu Hartmanns ersten drei Jahren als Oberbürgermeister äußern will.

Häufig muss Hartmann sich anhören, die Verwaltung arbeite nicht gut genug, namentlich im Bauamt gehe alles zu langsam voran. Hartmann zuckt die Schultern: "Dieselben Leute haben hier auch schon vor meiner Zeit gearbeitet." Umso schwieriger, plötzlich Chef zu sein von Mitarbeitern, die vielleicht so alt sind wie die eigenen Eltern. Freimütig bekennt Hartmann: "Von Mitarbeiterführung, davon, was es bedeutet, Chef zu sein, hatte ich keine Ahnung." Er habe das dann einfach "beim Tun" gelernt. "Man muss den Mitarbeitern zuhören. Ich schreibe wenig E-Mails, ich gehe oft in die Büros." Aus dem, was er hörte, zog er sofort Konsequenzen: Nach gerade zwei Jahren im Amt hatte Hartmann die Verwaltung komplett umgebaut. Sachgebiete sinnvoll zusammengefasst, neue Zuständigkeiten geschaffen. Wenn jetzt noch mehr Leute eingestellt würden, dann könnte vielleicht manches schneller bearbeitet werden, so wiederholt er immer wieder in den Ausschusssitzungen der Stadträte. Auch räumlich muss das Rathaus wachsen: Zum Erweiterungsbau gibt es bereits Beschlüsse.

Und was kommt in den nächsten drei Jahren? Ein Einheimischenmodell soll helfen, bezahlbaren Wohnraum für Familien zu schaffen, ein Radverkehrskonzept soll noch umgesetzt werden und für die gesamte Stadt soll ein neuer Flächennutzungsplan aufgestellt werden. Es geht darum, für die nächsten Jahrzehnte im Blick zu haben wie und wo die Stadt wachsen kann, wo noch Wohngebiete entstehen, wo Platz für Erholung bleiben muss. Es ist eines der wichtigsten und nötigsten Vorhaben der Stadt. Ihm arbeiten all die anderen Konzepte und Entwicklungspläne, jene für die Schulen, das schon existiert, und das für Gewerbe- und Sportflächen, die noch entstehen, zu.

Die Stadträte ziehen nicht immer mit

Ein bisschen technisch klingt das schon, Hartmann könnte ewig darüber reden. Dafür, dass er sich in Konzepten und Plänen verheddert, gibt es bisher keine Anzeichen. "Ich treffe lieber eine Entscheidung und gestehe nachher auch mal ein, dass es vielleicht die falsche war, als dass ich gar keine Entscheidung treffe." Doch die Stadträte ziehen nicht immer mit. Wie erst kürzlich, als er glaubte, eine Lösung für die Raumnot des ASV gefunden zu haben. Eine, die der Sportverein selbst favorisiert. Es kam anders. Erst wird noch eine Variante geprüft.

Immerhin auf den Weg gebracht ist nach Jahres des Stillstands die Aussiedlung des TSV 1865. Zufrieden ist Hartmann nicht, denn der große Wurf ist nicht gelungen. Aber dass nun Klarheit herrscht, ist ein Erfolg. Sein Erfolg. "Mir war wichtig, dass klar ist: Allen Grundstückseigentümer wird derselbe Preis angeboten." Hinterzimmergeschäfte und Deals soll es mit der Stadt nicht geben. Auch im Stadtrat taktiert Hartmann nicht. "Ich möchte keine Mehrheiten suchen. Es geht doch um die Sache." Das sagen Kommunalpolitiker gern, vor allem jene, die immer die Minderheitenmeinungen vertreten. Doch je stärker der Gegenwind, umso vehementer verlegt sich Hartmann auf Argumente, verdeutlicht, erläutert, legt Fakten dar. Scharfe Worte, spitze Bemerkungen, böse Nachrede gar, sind Hartmanns Sache nicht.

Was die einen als Offenheit und Prinzipientreue schätzen, mag anderen auch mal ungeschickt, gar arrogant erscheinen. In seinem Anspruch, jeden gleich zu behandeln, ignoriert Hartmann schon mal Autoritäten. Die Architekten des MD-Geländes Verena und Klaus Trojan hat er damit vor den Kopf gestoßen und vielleicht nicht nur sie. Doch MD ist wie der TSV ein Thema, das sich nicht von heute auf morgen und wohl auch nicht in sechs Jahren Amtszeit lösen lässt. Vielleicht eines der wenigen Themen, die Hartmann unterschätzt hat. Er selbst, das ist nach drei Jahren als Oberbürgermeister deutlich geworden, sollte auf keinen Fall unterschätzt werden.