Flüchtlinge in Schmarnzell Ein Dorf, 43 Einwohner, 24 Flüchtlinge

Ortsrand ist ein großes Wort für ein 15-Häuser-Dorf. Fremd ist hier schon jemand aus dem fünf Kilometer entfernten Altomünster.

(Foto: Toni Heigl)

Mehr als ein Drittel der Menschen in Schmarnzell sind Flüchtlinge. Besuch in einem bayerischen Ort, der die größte Veränderung seit Jahrzehnten erlebt.

Reportage von Johannes Korsche

Schmarnzell ist ein Dorf mit 15 Häusern, 90 Kühen und 43 Einwohnern. An klaren Tagen kann man die Alpen sehen. Schmarnzell ist ein Ort wie aus dem Tourismusprospekt: weiß-blau. Bis vor kurzem war der größte Kontrast in Schmarnzell das Grün der Maisfelder und das Gelb der Weizenfelder. Seit knapp zwei Wochen ist Schmarnzell um einen Gegensatz reicher: den von weiß und schwarz.

Neben den Bauern und den üppigen Feldern gehören nun auch junge, afrikanische Männer, die mit dem Fahrrad die Postkartenidylle erkunden, zum Ort. 24 Asylbewerber leben seit wenigen Tagen in einem leer stehenden Bundeswehrgebäude. Das ist gerechnet auf diese kleine Ortschaft eine höhere Quote als im Libanon, wo jeder fünfte Einwohner ein syrischer Flüchtling ist. Schmarnzell, Teil der Gemeinde Altomünster im Norden des Landkreises Dachau, ist ein Beispiel dafür, dass die Folgen weltweiter Kriege, wirtschaftlicher Fehlentwicklungen, instabiler politischer Systeme und falscher Entwicklungshilfe Europa, Deutschland, Bayern - letztlich jeden erreichen. 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Das verändert Gesellschaften.

Schmarnzells größte Veränderung in den vergangenen Jahrzehnten war die schleichende Entwicklung von einem Bauerndorf zu einem Arbeiterdorf. Nun wird sich der Ort noch ein gutes Stück mehr verändern, auch wenn die Schmarnzeller das noch nicht so ganz wahrhaben wollen.

Als Vorboten der Veränderung kamen Landrat Stefan Löwl (CSU) und Bürgermeister Anton Kerle (CSU) in den Ort. Mit einem Informationsabend wollten sie Fragen und auch Ängsten der Schmarnzeller Bevölkerung begegnen. Angst etwa um die "jungen Mädels im Dunkeln", wie ein Schmarnzeller erzählt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Aber das Dorf hat sich entschieden, den Angekommenen nicht ängstlich, sondern "mit Empathie" zu begegnen, sagt Elisabeth Riedlberger.

In der ehemaligen Bundeswehrkaserne leben 24 Männer aus Senegal. Aussicht auf ein Bleiberecht haben sie kaum: Das afrikanische Land gilt als sicher.

(Foto: Toni Heigl)

Die Riedlbergers sind Alteingesessene. Maria Riedlberger, Elisabeths Mutter, hat ihr ganzes Leben in Schmarnzell verbracht. Die 65-Jährige übernahm einst den Bauernhof ihrer Eltern, bewirtschaftet ihn aber heute nicht mehr. Davon abgesehen hat sich in all den Jahren in ihren Augen im Dorf "nichts geändert". Es seien ein paar Häuser mehr geworden, "aber die haben keine Fremden gebaut, das waren alles Hiergeborene." Fremd, das wäre in Schmarnzell schon eine Familie aus dem fünf Kilometer südlich gelegenen Altomünster.

Viel fällt Riedlberger zu ihrem Dorf nicht ein, sie ist es nicht gewohnt, es jemandem zu beschreiben. Warum auch? "Es gibt hier ja nichts, keinen Supermarkt, keinen Metzger, keinen Bäcker, nicht mal einen Fußballverein." Während sie spricht, fährt ein Asylbewerber auf einem Fahrrad die Straße entlang. Er blickt zu Riedlberger, lacht und winkt. Sie grüßt zurück, und macht eine nachdenkliche Pause. Dann weiß sie, was ihr Dorf ausmacht: "Ruhe." Vögel singen, der Wind rauscht durch die Blätter und wer angestrengt lauscht, hört das Knattern eines Traktors in der Ferne. Und die Schmarnzeller? "Sind schon ein bisschen zurückhaltend."

Ein Flüchtling bearbeitet eine Figur.

(Foto: Toni Heigl)

Lukas nicht. Lukas, 17 Monate alt, hat noch nie einen Menschen mit einer anderen Hautfarbe gesehen. Als die zunächst 23 Asylbewerber in Schmarnzell ankamen, wurde er von zweien auf den Arm genommen. "Das hat ihm gefallen", sagt seine Mutter Elisabeth Riedlberger. Drei Generationen - alle in einem Ort. Geht es nach der Großmutter, verbringt auch der Enkel sein Leben hier. Die Menschen, die jetzt in der Kaserne wohnen haben hingegen die Welt gesehen - unfreiwillig. Die nun 24 jungen Männer kommen alle aus Senegal. Auf der Suche nach einem menschenwürdigen Dasein haben sie den halben afrikanischen Kontinent durchquert, eine Fahrt über das Mittelmeer überlebt und sind noch einmal durch halb Europa geirrt. Alles, um in einem Ort Zuflucht zu finden, deren Namen ihnen nur schwer über die Lippen gehen dürfte.

Sie leben nun am Schmarnzeller Ortsrand, wobei Ortsrand in einem 15-Häuser-Dorf ein großer Begriff ist. Entlang der Zufahrt der Kaserne grasen zwei braungefleckte Kühe, auf der anderen Straßenseite wird Mais angebaut. Auf dem Gelände unter einem Baum sitzt eine Gruppe senegalesischer Flüchtlinge auf Plastikstühlen. Der Stacheldraht, der zu Bundeswehrzeiten zum Zaun gehörte, ist abmontiert. Besonders einladend sieht das Gelände trotzdem nicht aus.

Mobilität ist auf dem Land ziemlich wichtig - deshalb bekommen die Asylbewerber Fahrräder.

(Foto: )

So verschlossen die Kaserne von außen wirkt, so offen begrüßen die jungen Männer den Besuch. Abdoulaye ist 30 Jahre alt und wurde im Senegal geboren. Er ist seit Oktober in Deutschland und hat sich in den zurückliegenden Monaten selbstständig mit einem Wörterbuch erste Brocken Deutsch beigebracht. Zur Begrüßung streckt er die Hand aus: "Guten Tag, wie geht's?" Abdoulaye hat kaum Aussichten auf ein erfolgreiches Asylverfahren - Senegal gilt als sicheres Herkunftsland. In Bayern darf er deshalb auch nicht, wie andere Flüchtlinge, nach drei Monaten arbeiten.

Gemeinsam mit Mamadou, seinem Mitbewohner in der Unterkunft, führt er durch den frisch geputzten Gang, von dem aus die privaten Zwei-Bett-Zimmer der Flüchtlinge abgehen. Die Asylbewerber haben sich einen Putzplan gemacht. Das Zimmer von Abdoulaye und Mamadou ist genauso aufgeräumt wie der Gemeinschaftsbereich. Stolz zeigen sie ihr Zimmer: zwei Betten, zwei Spinde, ein Tisch und ein Kühlschrank. Durch das Fenster sehen sie braungefleckte Kühe, die unbeeindruckt von all den Veränderungen in Schmarnzell grasen - so wie in den vorangegangenen Jahrzehnten.

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Vorsichtig entstehen erste Kontakte zwischen der urbayerischen Dorfbevölkerung und den von weither Geflohenen. "Die Bewohner sind freundlich, helfen uns sehr und schenken uns das Nötigste", sagt Mamadou auf Englisch. Die Senegalesen erkunden das Dorf und die umliegende Landschaft. Ein Flüchtling besucht jeden Tag den Hof der Familie Helfer und schaut beim Melken der Kühe zu. Mit dem Bauern versteht er sich schon ganz gut. Der Helfer-Hof ist einer von zwei Bauernhöfen, die Schmarnzell noch geblieben sind, in den Fünfzigerjahren waren es acht. "Früher waren wir ein Bauerndorf, heute sind wir ein Arbeiterdorf", sagt Bauer Peter Rainer, es klingt wehmütig.

Der Asylhelferkreis des Marktes Altomünster mit seinen 7300 Einwohnern hat mittlerweile 64 Mitglieder - das sind mehr als im Helferkreis der großen Kreisstadt Dachau. Auch im Ortsteil Stumpfenbach leben nun Flüchtlinge, Wohncontainer für bis zu 75 Menschen wurden aufgestellt. Die Leiterin des Asylhelferkreises Brigitte Burger-Schröder will den "Jungs", wie sie die Asylbewerber liebevoll nennt, einen Ort der Sicherheit und des Willkommens bieten.

Noch mögen die Kontakte selten sein. Doch das Dorf wandelt sich. Es ist - nun ja - farbiger geworden, bunter. Bürgermeister Anton Kerle sagt zwar: "Das Dorfgefüge wird sich nicht verändern." Doch diese Entwicklung lässt sich möglicherweise nicht aufhalten. Möglicherweise wird sie den Schmarnzellern sogar gefallen. So wie Lukas.

Eine Einwohnerin beschreibt Schmarnzell in einem Wort: Ruhe.

(Foto: Toni Heigl)