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Im Gedenken an Leonard Cohen:Die gewaltige Welt der Literatur

Sieben Autoren und ihr Publikum treten in einen Dialog: Das Lesefestival "Dachau liest" findet bereits zum vierten Mal statt.

Von Magdalena Hinterbrandner, Dachau

Es geht um die kulturellen Dinge, die man nicht an jeder Ecke findet. Um das Besondere. Um die Menschen, die sich hinter den Buchstaben und Texten verbergen und durch das Zusammenspiel der Worte und Sätze eine Kultur aufbauen. Es geht um Bücher - eine eigene Welt, und zwar eine ziemlich starke. Nicht umsonst sagte Heinrich Heine über diese Welt der Texte und Erzählungen: "Von allen Welten, die der Mensch geschaffen hat, ist die der Bücher die gewaltigste."

Diese Welt gilt es zu bewahren und den Menschen ihre Faszination zu vermitteln. Begeisterung zu entfachen - für die Literatur großer Autoren vergangener Zeit genauso wie für gegenwärtige Werke. Was vielleicht einigen Lesern nicht wirklich bewusst ist: Hinter all den Erzählungen, Romanen oder Dramen steht auch ein Mensch, und immer auch eine persönliche Geschichte dazu. Ein Mensch, der sich etwas bei seiner Arbeit gedacht hat. Bücher sind nicht nur zur Unterhaltung geschrieben, sie können Einblick in jene geben, die sie geschrieben haben. Lesen kann man auf zwei Arten. Man kann lesen, einfach um der Unterhaltung willen. Und man kann lesen und verstehen. Bei vielen Klassikern wie Goethe, Schiller oder Lessing muss man die Werke interpretieren. Das tut man auch bei zeitgenössischen Literaten - aber man kann sie einfach fragen. "Man sitzt in unserem kleinen Lesesaal, und die Literaten lesen aus ihren Büchern, und jeder Zuhörer hat die Möglichkeit, den Autoren einfach Fragen zu stellen. Man muss sich nur trauen", sagt Steffen Mollnow, Chef der Stadtbücherei Dachau. Er organisiert dieses Jahr zum vierten Mal das Lesefestival "Dachau liest!". Der Idee dahinter ist, den Leuten die Möglichkeit zu geben, die Autoren "hinter den Büchern" persönlich kennen zu lernen.

Leonard Cohen in concert

Der Gentleman-Sänger Leonard Cohen bei seinem Konzert im polnischen Lodz im Juli 2013. Der kanadische Singer-Songwriter entstammte einer jüdischen Familie in Westmount, einem englischsprachigen Vorort Montreals. Als Schrifsteller und Musiker hat er das Lebensgefühl einer ganzen Generation geprägt.

(Foto: Grzegorz Michalowski/dpa)

Es sind keine Unbekannten, die in der Woche vom 4. bis zum 12. Oktober die Stadtbücherei Dachau besuchen und aus ihren Werken lesen werden. Gäste wie Sigi Zimmerschied, Ingo Schulze oder Katja Lange-Müller werden die Besucher im Lesesaal unterhalten. Damit ist eine große Bandbreite der literarischen Gattungen abgedeckt. Bücher, die sich mit einem bestimmten Sachthema beschäftigen, Romane, Biografien. Welche Literaten man nach Dachau eingeladen hat, hing von mehreren Faktoren ab. "Zum einen wollen wir nicht einfach die einladen, die ohnehin schon in München gastieren, zum anderen suchen wir schon auch anspruchsvolle Literatur", sagt Mollnow. Die ausgewählten Autoren unterscheiden sich untereinander genauso wie ihre Werke: vom satirisch-humorvollen bis hin zum Sachbuch - für jedermann ist etwas dabei.

Die Nähe zu München ist nicht unbedingt ein Vorteil

Noch ein Faktor spielt eine große Rolle bei der Auswahl des Programms: "Wir schauen natürlich schon immer, welche Bücher gerade neu erschienen sind. Romane beispielsweise, die schon länger auf dem Markt sind, gibt es teilweise schon als Hörbuch, sogar vom Autor selbst gelesen. Da macht dann eine Lesung natürlich keinen großen Sinn mehr", erklärt Mollnow. Aber natürlich müsse man auch zugeben, dass nicht unbedingt jeder Literat darauf erpicht sei, ausgerechnet in Dachau eine Lesung zu halten. Das liege wohl am schweren Los Dachaus, die große Landeshauptstadt München in unmittelbarer Nähe zu haben.

Trotzdem: "Schriftsteller, die "vielleicht schon länger nicht mehr auf Lesereise gehen, kommen vielleicht gerne hierher", meint Mollnow. Und natürlich spielen auch die persönlichen Vorlieben des Organisationsteams eine Rolle. Welche Literatur interessiert es? Welche Gedanken hinter welchem Buch möchte es kennen lernen? In langen Gesprächen einigt sich das Team schließlich auf eine Auswahl. Das Ergebnis kann sich wieder sehen lassen: Sigi Zimmerschied wird aus "der Komparse" lesen, Katja Lange-Müller aus "Die Drehtür", Ingo Schulze aus seinem Werk "Peter Holtz. Sein glückliches Leben von ihm selbst erzählt." Günther Maria Halmer, einer der bekanntesten deutschen Filmschauspieler, wird sich den Lesern mit seiner Biografie "Fliegen kann jeder. Ansichten eines Widerborstigen" vorstellen. Aus "Taxi am Shabbat. Eine Reise zu den letzten Juden Osteuropas" lesen das Autorenpaar Eva Gruberová und Helmut Zeller. Sie haben in sieben Ländern das jüdische Leben nach Holocaust, Kommunismus und der Wende von 1989 erforscht und den erstarkenden Antisemitismus beobachtet. Eine Art Europadämmerung.

Stadtbücherei

Steffen Mollnow, Leiter der Stadtbücherei Dachau, organisiert bereits zum vierten Mal das Dachauer Lesefestival "Dachau liest!"

(Foto: Niels P. Joergensen)

Bei jeder Lesung stellt ein Moderator die Autoren und ihr Werk vor. "Es geht ja nicht darum, Buchwerbung zu betreiben, sondern wirklich eher darum, die Menschen dahinter kennenzulernen", sagt Steffen Mollnow. Er will den Dialog zwischen Schriftsteller und Publikum fördern. "Ich hoffe, dass die Besucher sich dann auch trauen, Fragen zu stellen. Aber wir leben nach dem Motto, es gibt keine dummen Fragen. Es ist eine ganz gemütliche Atmosphäre, wenn der Lesesaal der Stadtbibliothek gefüllt ist. Es ist alles sehr persönlich", sagt Mollnow. Aber gerade darum geht es beim Dachauer Lesefestival. Die Persönlichkeit, das Menschliche, die Gedanken der Autoren. In den Gesprächen sollen die Besucher die Bücher noch besser verstehen, indem sie die Menschen dahinter kennenlernen. Das Ziel: "Künstler und Literatur hautnah erleben."

Um zum Schluss: Leonard Cohen

Als Abschluss des Lesefestivals wird es einen Abend geben, der Leonard Cohen gewidmet ist. "When I was your man", - Gert Heidenreich, Thomas Kraft und Laura Wachter lesen in Verbindung mit dem im Gesang, Steven Lichtenwimmer an der Gitarre, an diesem literarisch-musikalischen Abend. Warum Leonard Cohen? Cohens Texte haben unheimliche Bedeutungskraft. Sie handeln von Liebe, Hass, der dunklen Seite der Wirklichkeit, Schönheit und dem Tod. Poetisch hoch wertvolle, melancholische Texte, die er mit einfühlsamen Melodien den Leuten nahebrachte. "Deshalb wollen wir den Abend Leonard Cohen widmen. Klar hat Bob Dylan für seine Texte den Literaturnobelpreis bekommen. Aber es gibt schon so viele Events zu Dylans Texten und seiner Musik. Leonard Cohens Tod ist noch nicht lange her, und seine Texte sind sehr literarisch", sagt Mollnow. Leonard Cohen ist am 7. November 2016 im Alter von 82 Jahren gestorben.

Auch für die Kinder gibt es eine Vorlesung, sogar ganze Grundschulklassen haben die vergangenen Jahre immer die Kinderlesung besucht. Dieses Jahr ist Erhardt Dietl zu Gast mit seinem Kindermusical "Willkommen in Schmuddelfing", in dem seine berühmten kleinen, grünen Wesen, die "Olchis", eine große Rolle spielen. Für diese Veranstaltung ist der Einritt frei.

Vierte Auflage

Aber wie kommt man auf die Idee, ein Lesefestival zu organisieren? "Wir saßen mit auswärtigen Literaturveranstaltern an einem Tisch, und die haben einfach gefragt: Wollt ihr in Dachau nicht auch so etwas machen?", erzählt Steffen Mollnow. Natürlich wollte man das, und hat sich zusammen mit dem Kulturamtsleiter Tobias Schneider sofort an die Arbeit gemacht. Jetzt gibt es das Dachauer Lesefestival bereits zum vierten Mal. Es kam bisher immer sehr gut bei den Dachauern an.

Und jene, die mit dem Besuch einer Lesung noch zögern, möchten die Organisationen mit Petrarca zurufen: "Ein anderes Vergnügen, als das zu lesen, lasse ich nicht gelten."

© SZ vom 12.08.2017/gsl
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