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Ehrenamtliche:Weniger Flüchtlinge, mehr Aufgaben

Reiheneckhaus

Fast fertig: Die neue Flüchtlingsunterkunft an der Hochstraße in Karlsfeld soll Platz für 180 Menschen haben.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Helferkreise begleiten bei Wohnungs- und Jobsuche. Die gesetzlichen Vorgaben machen es ihnen aber oft schwer.

Die Aufgaben der Freiwilligen in der Flüchtlingshilfe haben sich im Laufe des vergangenen Jahres verändert, weniger geworden sind sie nicht, so bilanzieren die Helferkreise im Landkreis. Die Zahl der im Landkreis lebenden Flüchtlinge ist zwischen Anfang und Ende 2016 von fast 2000 auf weniger als 1400 zurück gegangen. Bei den Helfern herrscht teils große Verärgerung über die Politik der bayerischen Staatsregierung, die Bemühungen konterkariere und Arbeit zunichte mache. "Der Behördenfrust ist groß", sagt Max Eckardt vom Karlsfelder Helferkreis und spricht damit wohl vielen Ehrenamtlichen im ganzen Landkreis aus der Seele.

In Karlsfeld gibt es seit dem Abbau der Traglufthalle weniger Flüchtlinge, 184 leben an der Parzivalstraße. Im Frühjahr wird die neue Unterkunft in der Hochstraße eröffnet. "Leider wissen wir immer noch nicht, wer dort einziehen soll", sagt Max Eckardt vom Helferkreis. "Das würde uns bei der Vorbereitung helfen." Insgesamt engagieren sich derzeit 200 Ehrenamtliche im Karlsfelder Helferkreis, allerdings unterschiedlich stark. Neue Leute werden immer gebraucht. Für die neue Unterkunft, für die Hausaufgabenbetreuung von Kindern und Berufsschülern. Gesucht werden derzeit auch Computer-Nerds, die helfen können, die vom Roten Kreuz geschenkten Chrome-Books besser nutzen zu können. Auch Max Eckardts Abteilung braucht Unterstützung: Er hilft, Jobs zu vermitteln. Nervenaufreibend sei das für alle Beteiligten, sagt er offen. Die Ehrenamtlichen schreiben mit den Flüchtlingen Lebensläufe und bringen ihnen in Workshops bei, wie die Arbeitswelt in Deutschland funktioniert. Viel Aufwand, der sich oft auch lohnt. Solange keine Behörde dazwischen kommt.

"Die bayerische Staatsregierung ist relativ kaltschnäuzig"

Eckardt ärgert, dass zuletzt einige Flüchtlinge, die bereits eine Beschäftigung hatten, so weit fort in andere Landkreis versetzt wurden, dass sie ihren Job aufgeben mussten. "Jetzt, wo es weniger sind, könnte man doch ein bisschen mehr auf die Menschen eingehen", sagt er. Noch schlimmer aber sei es, wenn einer abgeschoben werde, der arbeitet und sich gut zurecht findet. Eckardt erzählt von einem jungen Afghanen, der trotz abgeschlossener Ausbildung Deutschland verlassen soll. Eigentlich gilt die Regelung 3 plus 2, erklärt er. Das heißt, wer in Deutschland eine dreijährige Ausbildung macht, darf nachher noch mindestens zwei Jahre hier arbeiten. Eckardt hat den Eindruck, dass die Regel in Bayern nicht ohne weiteres gilt. "Die bayerische Staatsregierung ist relativ kaltschnäuzig." Peter Barth vom Helferkreis Hebertshausen lobt die Mitarbeiter des Job-Centers. Trotzdem müssten die Abläufe vereinfacht werden: Zuviel Bürokratie und zu viele Formulare verhinderten eine pragmatische Arbeitssuche.

In Haimhausen haben 32 der 120 Asylsuchenden einen Job, weitere 60 befinden sich in der Ausbildung. Doch die deutsche Bürokratie kostet die Helfer viel Zeit. Im vergangenen Jahr wurden viele Flüchtlinge zu ihren Anhörungen geladen, in München, Ingolstadt, Regensburg. Die Helfer fuhren ihre Schützlinge zu den Terminen, leisteten Beistand - und schrieben Briefe. "Wir lernen viel", sagt Detlef Wiese vom Helferkreis Haimhausen. Zum Beispiel, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) nicht immer den richtigen Dolmetscher zur Verfügung stellt. Aus Angst sagen die Asylsuchenden oft nichts und verstehen am Ende nur die Hälfte. Also haben Wiese und seine Kollegen angefangen, jede Anhörung vorzubereiten und auf die benötigte Sprache hinzuweisen.

Zusammenarbeit mit Landratsamt hat sich verbessert

Lobende Worte finden Wiese, Eckardt und Barth für das Landratsamt. Die Zusammenarbeit habe sich verbessert. "Es gibt inhaltliche Aspekte, über die gestritten wird, aber der gegenseitige Respekt ist da", sagt Barth. Das Landratsamt erlaubt zum Beispiel, dass anerkannte Flüchtlinge in den Unterkünften bleiben. Wohnungen zu finden, ist überall im Landkreis nahezu unmöglich. In Dachau und Petershausen gab es Fälle, in denen hilfsbereite Vermieter ihre Angebote zurückzogen, nachdem sie von Nachbarn und Angehörigen unter Druck gesetzt worden waren. Der Helferkreis Hebertshausen hat kürzlich eine Wohnung für eine syrische Familie gefunden, doch überall willkommen sind die Fremden noch lange nicht.

Wiese und Eckardt verschweigen auch nicht ihre eigenen Verständigungs- oder Verständnisprobleme. Es gebe ein paar Bewohner in der Flüchtlingsunterkunft, die nicht übermäßig interessiert am Deutschlernen seien, sagt Wiese. Eckardt berichtet davon, dass Eltern beigebracht werden müsse, besser auf ihre Kinder zu achten und im Straßenverkehr Regeln zu beachten. Alle drei Helfer wissen von Flüchtlingen zu berichten, die aus ihrer Unterkunft verschwunden sind. Hinter Eingewöhnungsschwierigkeiten sieht Eckardt allerdings auch ein großes Problem, das die Helfer nicht lösen können: unbewältigte Traumata. "Die Flüchtlinge bräuchten viel mehr psychologische Betreuung", sagt er. Viele Probleme würden gar nicht angegangen.

© SZ vom 09.01.2017/gsl

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