Debütroman von Volker Widmann:Durch die Augen eines Kindes

Lesezeit: 4 min

Debütroman von Volker Widmann: Der Dachauer Autor Volker Widmann.

Der Dachauer Autor Volker Widmann.

(Foto: Bernhard Sturm, oh/ Dumont Verlag)

Volker Widmann ist im Landkreis bekannt als Musiker und Vorstand des Dachauer Jazz e.V. Nun hat der Hebertshausener seinen ersten Roman "Die Molche" veröffentlicht, eine berührende Geschichte aus der Nachkriegszeit in einem bayerischen Dorf.

Von Jana Rick, Dachau

"Nur wir Kinder wussten, dass er ermordet worden war". Mit diesen Worten wird man als Leser hineingezogen in die Welt von Max. In eine Welt, wie nur Kinder sie wahrnehmen und erleben können, weil sie mit offenen Augen jede Beobachtung in sich aufsaugen. Auf den ersten Seiten von "Die Molche" muss der elfjährige Max miterleben, wie sein kleiner Bruder vor seinen Augen von anderen Kindern des Dorfes getötet wird. Der Kleine wird regelrecht gesteinigt, und Max kann nichts dagegen tun. Mit dieser tragischen Szene beginnt Volker Widmanns Debütroman, der in einem fiktiven bayerischen Dorf in den Sechzigerjahren spielt. Dort hat es Max mit seiner Familie als Zugezogener nicht leicht, er und sein Bruder werden schnell Opfer von Tschernik und seiner Bande. Doch die Erwachsenen schauen weg, selbst beim Tod des kleinen Jungen. Sie schweigen die Probleme im wahrsten Sinne des Wortes tot. Es war ein Herzfehler, sagen sie, mehr nicht. Und so bleibt Max mit seinen Schuldgefühlen ganz alleine.

Der 68-jährige Autor schafft es bereits in den ersten Kapiteln seines Buches, die unterschiedlichen Gefühlswelten der Nachkriegszeit greifbar zu machen - die verschlossene Welt der Erwachsenen und den Alltag der Dorfkinder, die wissbegierig zu Jugendlichen heranwachsen. Im Gespräch erklärt der Schriftsteller, dass ihn genau diese Lebensphase schon immer besonders interessiert habe, der Übergang von der Kindheit zur Pubertät mit all den Problemen und Fragen, die damit einhergehen. Und so ist auf 252 Seiten ein fiktiver Roman über Kindheit, Trauer, Freundschaft und die erste Liebe entstanden. Als Leser findet man sich dank Widmanns sprachlicher Gewandtheit und der Erzählung in Ich-Person bereits nach wenigen Seiten schnell in Max' Welt zurecht.

Die Molche sind kleine verletzliche Wesen

Man hat das kleine Dörfchen bildlich vor sich, die Kirche, die Schule und den vereisten Schlittenberg, von dem sich die Kinder wie Lebensmüde hinunterstürzen. Es könnten typische Kindheitserinnerungen sein, die Widmann lebendig umschreibt, wenn die jungen Mädchen mit wehenden Zöpfen Gummitwist spielen oder in Schlittschuhen elegant vor den staunenden Jungs ihre Runden auf dem zugefrorenen Gemüsegarten drehen. Gleichzeitig leidet man mit "Schisser Max", möchte sich am liebsten schützend vor ihn stellen, wenn Tschernik ihm gewaltsam ein paar hart erkämpfte Münzen entreißt, ihn vor den Augen der anderen demütigt. "Das müsst ihr untereinander regeln", heißt es nur von Max' Vater, als sein Sohn sich frustriert an ihn wendet.

In seiner Verzweiflung flüchtet sich Max in die Natur und sucht dort Schutz. "Ich drang tief in diesen Wald" schreibt Widmann. Der Elfjährige wird eins mit der Natur, und die Beschreibungen glänzen durch Klarheit und Intensität. Wenn Widmann erklärt, dass er mit seinen Worten eine plastische Welt schaffen wolltte, die mehr sei als nur eine Kulisse, so bekommt man beim Lesen genau das zu spüren: die Natur als Protagonist. Ähnlich kraftvoll liest man von Max' erster Begegnung mit den titelgebenden Molchen, im Teich hinter dem Feuerwehrhaus. Der extrem wahrnehmungsfähige Junge ist fasziniert von den kleinen verletzlichen Wesen und behütet sie liebevoll bei sich zuhause.

Etwa zum gleichen Zeitpunkt nimmt die Geschichte Fahrt auf, und man atmet als Leser innerlich auf, als Max es gelingt, erste Freundschaften zu schließen. Dabei merkt der Elfjährige, dass er nicht der Einzige ist, der mit der launischen und schwer berechenbaren Verhaltensweise seines Vaters zu kämpfen hat. Auch Rudi und Heinz haben Fragen - Fragen über den vergangenen Krieg, Fragen über die Arbeit der Väter. Denn bedeutet Arbeit automatisch, dass man Geld bekommt? Und was ist überhaupt Geld? Man muss lächeln über die kindliche und naive Denkweise der Dorfjungen, ebenso über die Skepsis bei ihren ersten Telefonaten. Wenn Max das erste Mal in seinem Leben eine Hörmuschel in den Händen hält und von seiner Mutter eingeprägt bekommt, sich immer mit vollem Namen zu melden. Es sind diese Momente, die Max Kraft geben, das Gefühl, mit seinen Freunden in Kontakt stehen zu können und so gewinnt er an Selbstbewusstsein.

Und dann ist da noch Marga. Ein einheimisches Mädchen, die in Max das sieht, was er möglicherweise selbst nicht zu sehen vermag und die er aus einer Mischung aus Faszination und Begierde kennenlernt. Auf manche Leser mögen die Szenen zu detailliert wirken, in denen Max das erste Mal in seinem Leben einem weiblichen Körper näher kommt, denn es sind Szenen tiefster Intimität. Das Gefühl, dem Jungen nicht zu nah treten zu wollen, kann dazu führen, dass man die Zeilen überfliegt, so wahrhaftig erscheinen die Beschreibungen.

Der Autor ist seinen Figuren sehr nahe

Die Geschichte nimmt eine Wendung, als Max es mit seinen zwei neuen Freunden schafft, einen hilflosen Jungen vor Tschernik zu schützen. Und so entscheiden die Freunde gemeinsam, sich zu wehren. Sich einen Plan auszudenken, um die Bande außer Gefecht zu setzen. Die letzten Kapitel nehmen an Geschwindigkeit zu, man fiebert mit den "Guten" und hofft auf das Ende der "Bösen". Der Spannungsbogen wird auch dadurch erzeugt, dass Max' Ich-Perspektive an einigen Stellen unerwartet durchbrochen wird, als kurze Kapitel aus der Sicht von Marga verfasst sind. Somit gewinnt man eine neue Sichtweise auf die Ereignisse und auf die Gedankenwelt von Max.

"Mein Traum wäre es, wenn die Leser etwas mitnehmen von der Lektüre und zwar Max' genauen Blick, seine gewisse Scharfsicht auf die Welt", sagt Widmann. Der Roman schenkt einem genau das, nämlich das Eintauchen in eine Welt voller intensiver Beobachtungen und Erlebnisse. Der Schriftsteller erklärt, dass ihm die Figuren des Romans sehr nah kommen, dass er weiß, wie Marga riecht, obwohl sie gar nicht existiert. Als Leser geht es einem genauso.

Volker Widmann liest aus seinem Roman am 14. Juli um 19.30 Uhr in der Dachauer Buchhandlung Subtext sowie am 16. Juli um 19 Uhr im Gemeindesaal in Hebertshausen. Um Anmeldung zu den Lesungen wird gebeten.

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