Schutzgebiet im Dachauer Moos Grün, grüner, am grünsten

Sollen die landwirtschaftlichen Flächen Teil des Landschaftsschutzgebiets werden oder nicht? Darüber gehen die Ansichten noch weit auseinander.

(Foto: Toni Heigl)

Landschaftsschutz wollen mittlerweile alle Fraktionen im Karlsfelder Gemeinderat. Uneins sind sich die Parteien, wie viel Freifläche sie erhalten wollen und zu welchen Bedingungen. Radikal gegen Gewerbe stemmt sich nur das Bündnis.

Von Gregor Schiegl

Karlsfeld ist in Finanznot und muss dringend neue Einnahmen generieren. Schon seit geraumer Zeit plant die Gemeinde deshalb im Grünzug zur Stadt Dachau ein Gewerbegebiet. 2010 ging der Plan schon einmal schief: In einem Bürgerbegehren lehnten fast zwei Drittel das Vorhaben ab. Damals sahen die Planungen der Gemeinde allerdings ein fast doppelt so großes Gewerbegebiet vor - ein schwerer Eingriff ins Dachauer Moos, das seit Jahrzehnten immer weiter zersiedelt und von Straßen zerschnitten wird. Allerdings weckt auch die auf sieben Hektar reduzierte Version Ängste vor der scheibchenweise Zerstörung der verbliebenen Naturräume zwischen Dachau und Karlsfeld.

Bund Naturschutz warnt vor Smoggefahr für Dachauer und Karlsfelder

Die Gemeinde hat beim Kreistag deshalb vor einem Jahr die Ausweisung eines Landschaftsschutzgebiets (LSG) beantragt. Was zunächst als Kompromisslösung gefeiert wurde, stellten die Naturschützer bald wieder in Frage. Der Umgriff des geplanten Landschaftsschutzgebiets reicht ihnen nicht, um den Eingriff durch ein Gewerbegebiet klaglos hinzunehmen. Der Bund Naturschutz (BN) erstellte einen eigenen Entwurf, der jüngst im Karlsfelder Gemeinderat zur Abstimmung stand: Und haarscharf scheiterte. Die abschließende Entscheidung fällt allerdings erst der Kreistag. Bis dahin sind es noch einige Wochen und eine Einigung nicht ausgeschlossen. So weit auseinander sind die Parteien und Gruppierungen in Karlsfeld nämlich nicht: Alle streben eine einvernehmliche Lösung an. Allerdings nicht um jeden Preis.

Die Akteure im Überblick:

Die CSU ist für ein Landschaftsschutzgebiet, und es könnte sogar größer ausfallen als jenes, das die Gemeinde beantragt hat. Aber dem Konzept des Bunds Naturschutz will die größte Fraktion im Gemeinderat aus mehreren Gründen nicht zustimmen: Im geplanten Umgriff liegen Flächen von Gärtnereien und Landwirten. Zu letzteren gehören die CSU-Gemeinderäte Wolfgang Offenbeck und Wolfgang Mühlich. Als direkt Betroffene dürfen sie über die Ausweisung nicht mitstimmen. Allerdings hat ihre Skepsis auf die Fraktion abgefärbt. Die CSU befürchtet erheblichen Mehraufwand durch Bürokratie, wenn das Landschaftsschutzgebiet in dieser Form käme. "Einige Flächen sind auch naturschutzfachlich nicht besonders hochwertig", sagt CSU-Fraktionssprecher Bernd Wanka. So gehören zum Umgriff auch Ränder der Bundesstraße, die von Gesetzes wegen nicht bebaut werden dürften. Wanka setzt trotzdem auf eine Konsenslösung. "Wir haben keine 100-prozentige Übereinstimmung, aber wir sind kompromissbereit." Wo es sinnvoll sei, könne sich die CSU vorstellen, weitere Flächen in ein Landschaftsschutzgebiet aufzunehmen.

Der Freie Wähler Anton Flügel liegt ganz auf der Linie der Christsozialen. Auch ihm geht der Antrag des BN zu weit. Er will Bauern und Gartenbetriebe vor Einschränkungen schützen. Für ihn gelte die Devise: "Leben und leben lassen."

Die SPD hat das Thema Landschaftsschutzgebiet im Gemeinderat mit einem eigenen Antrag selbst ins Rollen gebracht. Bürgermeister Kolbe (CSU) entwickelte daraus spontan einen eigenen Entwurf für ein Landschaftsschutzgebiet, das zwar nicht alle von der SPD vorgeschlagenen Flächen umfasst, insgesamt aber deutlich über deren Entwurf hinausging; die Genossen stimmten gerne zu. Sie ließen sich aber auch für den Vorschlag des Bunds Naturschutz gewinnen, nachdem dessen Fachleute ihnen ausführlich die Bedeutung des Gebiets für das örtliche Klima auseinandergesetzt hatten. Einen Zielkonflikt mit der Landwirtschaft befürchtet die SPD nicht. Der Kreistag könne die Satzung für ein Landschaftsschutzgebiet so gestalten, dass es für Bauern keine Einschränkungen gebe, sagt Fraktionssprecherin Hiltraud Schmidt-Kroll. "Man vertut sich ja nichts."

Das Bündnis für Karlsfeld tut sich schwer mit einer einheitlichen Linie. Während der Ortsverband ein Bürgerbegehren gegen das Gewerbegebiet klar unterstützen würde, gibt es in der Fraktion unterschiedliche Positionen. Fraktionssprecherin Mechthild Hofner sieht das Bündnis aber in einem zentralen Punkt einig: "Wir werden das Gewerbegebiet niemals befürworten." Sein Nutzen für die Gemeindefinanzen sei zu vernachlässigen. Viel wichtiger sei das Gebiet als Freifläche mit seinem Potenzial zur Frischluftentstehung. Allerdings wäre das Bündnis bereit, dem BN zu folgen und ein Gewerbegebiet hinzunehmen, wenn dafür ein umfassendes Landschaftsschutzgebiet entstünde. Etwas anderes bliebe der Gruppierung wohl auch gar nicht übrig: "Ohne den Bund Naturschutz wird es keinen Bürgerentscheid geben", sagt Hofner.

Der Bund Naturschutz ist nicht der einzige, aber wichtigste Akteur auf Seiten der Gewerbegebietsgegner. Der BN kämpft gegen die Zerstörung des Dachauer Mooses und tut dies nach Aussage des Kreisvorsitzenden Roderich Zauscher vor allem im Sinne der Menschen. Zusammen mit Gröbenzell sei das Gebiet um Dachau und Karlsfeld das am stärksten von Smog gefährdete Gebiet im ganzen Raum München. Deshalb müsse die Luft zwischen beiden Kommunen weiter fließen können. Dies soll ein möglichst weit gefasstes Landschaftsschutzgebiet sicherstellen, wie es der BN vorgeschlagen hat. Im Gegenzug wären die Naturschützer bereit, die "dicke Kröte eines Gewerbegebiets zu schlucken". Dass der BN-Entwurf im Karlsfelder Gemeinderat knapp durchgefallen ist, heißt für Zauscher nicht, dass damit alle Türen zugeschlagen wären. Schließlich könnte im Kreistag ja noch eine andere Entscheidung fallen, welche die Gemeinde dann mittrage. Zauscher besteht auch nicht darauf, dass der BN-Antrag eins zu eins übernommen wird. "Aber das Gesamtpaket muss stimmen." Die landwirtschaftlichen Flächen will der BN in dem Landschaftsschutzgebiet aber ausdrücklich nicht ausgespart sehen, um einer schleichenden Zersiedelung wirksam vorzubeugen. "Das Landschaftsschutzgebiet verhindert Bauen." Das Aufstellen kleiner Verkaufshütten oder die Umzäunung von Pflanzenkulturen soll ausdrücklich erlaubt bleiben. "Dafür werde ich mich auch persönlich einsetzen", sagt Zauscher, der selbst als Mitglied der Grünen im Kreistag sitzt.