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Strick-Omis aus Dachau:Wie die "Strickenden Omis" Obdachlosen helfen

Strickende Omis

Seit drei Jahren spenden die Strickerinnen um "Ringelsocken-Oma" Angela Alsch ihre Produkte der Bahnhofsmission Gleis 11 in München.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

"Strickende Omis" spenden Mützen, Schals, Handschuhe und Socken über die Bahnhofsmission an obdachlose Menschen.

255 Mützen, jeweils 200 Schals und Handschuhe, 25o Paar Socken - das ist die diesjährige Leistung der "Strickenden Omis", wie sie sich selbst nennen. Doch die Produkte aus Wolle benutzen die Seniorinnen nicht etwa alle selbst, sie spenden ihre Handarbeiten an Bedürftige. Seit drei Jahren schenken sie die Strickwaren der Bahnhofsmission Gleis 11 in München, welche diese in der kalten Jahreszeit an Obdachlose weitergibt. Die Idee für das Projekt hatte Angela Alsch, auch "Ringelsocken-Oma" genannt, um einsame Rentnerinnen mit der Leidenschaft für das Stricken zu vernetzen.

Jeden zweiten Freitag im Monat treffen sich die 15 bis 20 Frauen und werken an einem neuen Projekt. Die Jüngste ist 70, eine andere bereits 92 Jahre alt. Mal haben sie ein bestimmtes Muster im Visier, dann fertigen sie 60 Schühchen für Neugeborene im Dachauer Klinikum an. In den vergangnen Wochen konzentrierte sich die Arbeit auf den Wintereinzug. Früher haben die Omis ihre Produkte auf Märkten verkauft und die Einnahmen an die Hilfsaktion Sternstunden gespendet. Alsch sagt: "Ich bin selber auch kurz vor 80", deswegen überfordere der Verkauf sie und ihre Omis. Der Bahnhofsmission kommen die Einnahmen nun direkt zugute.

Die "Strickenden Omis" haben oftmals niedrige Renten

Die meisten Teilnehmerinnen sind verwitwet, daher geht es beim Stricken vor allem um eines: Kontakt und Austausch mit Gleichgesinnten. Die Wolle bekommen die Omis von Freunden geschenkt. Laut Angela Alsch haben sie oftmals niedrige Renten, von denen sie sich keine Wollknäuel leisten können. In der Gruppe finden sie Anschluss und eine sinnvolle Beschäftigung. Um eine Frauenquote muss sich niemand sorgen: kein einziger Mann hat sich bisher den Strickerinnen angeschlossen. Doch Alsch beobachte, dass junge Männer heutzutage durchaus mal zur Wolle griffen.

Zwar wird Angela Alsch gerne "Ringelsocken-Oma" genannt, doch selbst trägt sie gar keine solchen Socken. Woher der Name kommt? Ihren Enkelkindern habe sie statt Schokolade immer gestrickte Ringelsocken mitgebracht, erzählt Alsch. Vor einigen Jahren sei ihre älteste Enkeltochter auf sie zu gerannt und habe gerufen: "Da ist ja meine Ringelsocken-Oma". Der Name ist Alsch, die seit der Schulzeit strickt, geblieben. Inzwischen sei ihr Kleiderschrank zu 90 Prozent mit selbstgestrickten Klamotten gefüllt und auch der Bedarf sämtlicher Familienmitglieder gedeckt, sagt sie und lacht. Weil sie also bestens versorgt ist, hat sie sich entschieden, für andere zu stricken. Sie erzählt stolz, allein in diesem Jahr bereits 40 Paar Socken, mehr als 20 Schals und einige Mützen gefertigt zu haben. Dafür scheut sie keine Mühen und strickt "in jeder freien Minute".

Besonders gefalle ihr, "dass man beim Stricken seinen Gedanken nachgehen kann und in eine Art Trance verfällt". Durch viele neue, detaillierte Anleitungen, die meist aus Amerika kämen, sei das Stricken wieder modern geworden. Außerdem könne man inzwischen schnell über das Internet an Materialien kommen, anstatt sich stundenlang durch die Läden zu wühlen. Wegen dieser neuen Möglichkeiten hat die Strickkunst laut Alsch eine sichere Zukunft. Auch die strickenden Omis werden sich so schnell nicht die Wolle von den Nadeln nehmen lassen.

© SZ vom 17.12.2019
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