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Dachau/Ouagadougou:Lehrreiche Reise

CSU-Politiker aus dem Landkreis Dachau haben bei einem Besuch in Burkina Faso bedrückende Armut gesehen. Mit Patenschaften und Spenden wollen sie Schulen, Bauern und Polizisten helfen

Unvorstellbare Armut haben sie gesehen. Schwierigste Verhältnisse: Eine ganze Stadt, in der es keinen einzigen Krankenwagen gibt, eine Polizeistation mit gerade einmal vier Mopeds. Die neun CSUler, die Anfang März in Burkina Faso waren, sind noch immer schockiert. "Es ist eine völlig andere Welt", sagt der Karlsfelder Gemeinderat Bernd Wanka immer wieder - so als könne er selbst kaum glauben, was er da gesehen hat. Und Anton Kreitmair, Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbands, ist fassungslos, dass die Landwirte in Westafrika praktisch ohne Wasser auskommen müssen. "Ohne Wasser kein Leben", sagt er nur. Die Armut dieses Landes "geht einem schon ans Herz." "Wenn ich das vergleiche mit den Problemen, mit denen wir uns beschäftigen, passt das nicht zusammen", sagt Kreitmair betroffen. Der Wunsch zu helfen, ist bei allen neun Mitreisenden groß. "Ideen für Projekte gibt es viele", erklärt Wanka. Doch noch müsse man ausloten, was überhaupt möglich ist und was man als erstes in die Hand nimmt.

Die Hanns-Seidel-Stiftung hatte die engagierten Parteimitglieder, zumeist Politiker aus dem Landkreis Dachau, eingeladen, um auf die Probleme des Landes aufmerksam zu machen. Die CSU nahe Stiftung versucht im Auftrag der Bundesregierung, die Demokratie in Burkina Faso zu stärken. Eine gewählte Regierung gibt es zwar schon länger, doch das Land gehört zu den ärmsten der Welt. "Das kann ein Pulverfass werden", fürchtet der CSU-Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath, der ebenfalls dort war. "Die Leute fliehen nicht, weil sie kein Geld dazu haben. Und unter den Studenten gibt es bereits eine starke Bewegung, die sich nicht von Europa unterdrücken lassen will. Das kann sich aufschaukeln." Um das zu verhindern, müsse man den Leuten Perspektiven in ihrer Heimat geben, analysiert Seidenath. Dabei denkt er zunächst ans Spendensammeln. Denn: "Es fehlt an allem." Außerdem schweben ihm Patenschaften auf kommunaler Ebene vor.

Die Delegation aus dem Landkreis Dachau hat neben der Hauptstadt Ouagadougou vor allem eine kleinere Stadt namens Kokologgo besucht. Gewisse Ähnlichkeiten mit Karlsfeld entdeckten die Parteifreunde schnell: Kokologgo liegt nahe der Hauptstadt, wächst enorm, eine breite Straße durchschneidet den Ort und man will ein Gymnasium bauen. Allerdings ist die Erfüllung dieses Wunsches noch wesentlich ferner als in Karlsfeld. "Die haben keine Mittel und keine Steine", klärt Seidenath auf. "Es wäre gut zu helfen." Angesichts dieser Parallelen denkt der Landtagsabgeordnete an eine Patenschaft. Bürgermeister Stefan Kolbe hat er seine Idee allerdings noch nicht unterbreitet. "Dazu gab es noch keine passende Gelegenheit."

Kokologgo hat mehr als 40 000 Einwohner. Da jede Frau etwa sechs Kinder bekommt, wächst die Stadt, aber auch das ganze Land enorm. Vor 15 Jahren lebten in Burkina Faso etwa acht Millionen Menschen, heute sind es fast 20 Millionen. Die Hälfte davon ist nicht einmal 20 Jahre alt. "Sie versuchen in Bildung zu investieren, bauen Kindergärten und Schulen", berichtet Wanka. Dennoch sind 50 Prozent der Bevölkerung Analphabeten. Und die, die zur Uni gehen, Deutsch lernen und wissbegierig sind, haben nach ihrem Abschluss keine Perspektive. "Die fallen in ein Loch", klagt Kreisrätin Rosmarie Böswirth. "Es gibt kein Handwerk und keine Ausbildungsberufe, weil keine Industrie da ist." Die Dachauer Delegation besuchte unter anderem eine Schule für Näherinnen. Doch die Kinder und Jugendlichen, die dort unterrichtet werden, haben nur eine Nähmaschine zur Verfügung. Wie leicht wäre es, hier zu helfen, indem man einfach ein paar Nähmaschinen organisiert, sagen Wanka und Seidenath.

Böswirth leistete kurzerhand Soforthilfe bei einem Handwerksbetrieb, der Sheabutter herstellt, indem sie dort für ihren Hofladen einkaufte. "Die können ihre Sheabutter nicht verkaufen. Es fehlen Vertriebswege. Die Armen können sich die Butter gar nicht leisten", sagt Böswirth. "Die brauchen Marketing."

Tief erschüttert hat Seidenath vor allem die schwere Arbeit in einem Steinbruch: "Das ist die Hölle auf Erden. Mit bloßen Händen bauen die Leute dort Granit ab und das bei sengender Hitze und giftigen Abgasen", sagt der Politiker. Auch Kinder sind offenbar unter den Arbeitern.

Rettungssanitäter Wanka war sprachlos als die Gruppe das Krankenhaus in Kokologgo besuchte. "Ein Krankenzimmer mit sechs Betten, zwei Behandlungsräume, ein Labor und ein Lager - das ist die ganze Klinik für 40 000 Menschen", erzählt er. "Der Krankenwagen ist seit Jahren kaputt." Dennoch funktioniere die Gesundheitsversorgung auf bescheidenem Niveau recht gut. Das Hauptproblem in Burkina Faso ist Malaria - ein Drittel der Leute seien infiziert, berichtet Wanka. "Wir müssen von dem, was wir haben, ein bisschen was abgeben", sagt er und denkt an einen alten Rettungswagen, den man per Containerladung nach Afrika transportieren könnte. Hinsichtlich medizinischer Geräte hätten die Afrikaner meist schnell abgewinkt, denn in Burkina Faso ist die Stromversorgung schwierig.

Auch Polizist Günther Gensberger war einigermaßen bestürzt, als er den Fuhrpark der Polizei in Kokologgo sah: Vier Mopeds, mehr nicht. Wie soll man damit Verbrecher jagen? Ein altes Polizeiauto könnte da schon gute Dienste leisten. Er hat inzwischen seinen Chef gefragt, ob man nicht eins spenden könnte. Doch er weiß, so einfach ist das nicht. Abgeschriebene Polizeiautos unterstehen dem Finanzministerium und werden versteigert.

Landwirt Anton Kreitmair entnahm in einem Dorf Bodenproben, um sie zu Hause analysieren zu lassen. Auf diese Weise kann man sehen, welche Stoffe nötig sind, damit die Pflanzen gut wachsen. Bei deutschen Bauern ist das Verfahren selbstverständlich, erklärt Böswirth. Die Gruppe war auf einer Erdbeerplantage. Als der Besitzer stolz seine Früchte zeigte, waren Kreitmair und Böswirth einigermaßen geschockt, wie klein und zart sie waren - "etwa wie Walderdbeeren".

Doch trotz der vielen Mankos und der unübersehbaren Armut haben die neun CSUler in Burkina Faso etwas gespürt, was in Deutschland oft fehle: "Die Menschen waren zufrieden und glücklich. Das ist toll", sagt Seidenath. Trotz ihrer Armut scheinen die Leute, mit ihrem Leben gut zurechtzukommen. "Sie haben sich eingerichtet."

Wenn man Hilfe organisiere, dürfe es keinesfalls darum gehen, den Menschen in Burkina Faso die westliche Lebensart überzustülpen, stellt der Landtagsabgeordnete klar. Man müsse ihnen vielmehr die Möglichkeit geben, mehr aus dem herauszuholen, was sie haben. "Es ist einfach zu helfen", versichert Seidenath. Einerseits weil man mit relativ wenig Geld viel ausrichten könne, andererseits weil mit Jeanette Huber bereits jemand aus dem Landkreis Dachau vor Ort ist und alles verteilen kann. Huber war 2011 Bürgermeisterkandidatin in Schwabhausen. Damals hieß sie noch Schaberl. Seit mehr als zwei Jahren leitet sie das West-Afrika-Büro der Hanns-Seidel-Stiftung in Ouagadougou und hat dort wichtige Kontakte geknüpft. Als erstes wollen die CSUler nun ein Konto für Spendenwillige einrichten.

© SZ vom 30.03.2019

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