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Kinderbetreuung:Die Quadratur des Dreiecks

Die Erhöhung der Kindergartengebühren in Dachau zeigt: Eltern und Kommunen dürfen mit den Kosten für die Erziehung vom Staat nicht allein gelassen werden.

Kommentar von Julia Putzger

Dreiecke sind etwas ganz Wunderbares: Die geometrische Flächenform mit den wenigsten Ecken, schlicht und ohne Schnörkel - herrlich einfach also. Doch in der Realität sieht es leider anders aus: Nicht nur ist das Dreieck samt Satz des Pythagoras unter Schülern im Matheunterricht eher unbeliebt, auch das Bermudadreieck scheint unter keinem guten Stern zu stehen. Und so verhält es sich auch mit dem Beziehungsdreieck, in dessen Mitte die Kindergartengebühren stehen: In einer Ecke die Mangelware Erzieher, deren Arbeit schlecht bezahlt wird und die das System dennoch am Laufen halten müssen. In der anderen Ecke die Eltern, die Betreuung für ihre Kinder benötigen, aber dafür nicht Unsummen bezahlen wollen und können. Und schließlich die Kommunen, die die Bedürfnisse von Erziehern und Eltern möglichst befriedigen sollen, gleichzeitig aber Infrastruktur erhalten und ausbauen müssen und in Corona-Zeiten selbst vor leeren Kassen stehen. Egal also, an welcher Ecke man zieht und drückt, rund wird die Sache nicht. Und das ist nicht nur in Dachau so.

Was fehlt, ist staatliches Geld für die Pflichtaufgabe Kinderbetreuung, deren Erfüllung den Kommunen auferlegt worden ist und die gesellschaftspolitisch auch gewünscht ist. Denn die Kommunen allein können nicht das Berufsbild der Erzieher attraktiver machen und deren Arbeit angemessen bezahlen, ohne sich gleichzeitig entweder massiv zu verschulden oder die Betreuungskosten auf die Eltern abzuwälzen. Allein das Klatschen auf den Balkonen für systemrelevante Arbeit kann dieses Problem nicht lösen. Ein bundesweites politisches Umdenken ist nötig, um aus dem Beziehungsdreieck ein Viereck zu machen, in dem keinem die Lasten in den Schoß fallen, sondern alles im rechten Winkel steht.

Angesichts dessen kann man schließlich nur feststellen: Jede mögliche Lösung auf kommunaler Ebene zieht mindestens ein neues Problem nach sich. Ob der Aufwand, den die städtische Verwaltung mit der Ausarbeitung eines Modells für die Staffelung der Kindergartengebühren betreibt, also letztlich Früchte trägt oder sich doch nur als ein weiteres nicht praxistaugliches Bürokratiemonster entpuppt, wird sich zeigen.

© SZ vom 13.10.2020

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