Schlossbrauerei Dachau Gutes Bier, leider nicht von hier

Das naturtrübe Helle (Alkoholgehalt: 5 Prozent) ist nur für Gastronomen und Großhändler erhältlich.

(Foto: Toni Heigl)

In Dachau wird schon lange nicht mehr gebraut. Trotzdem steht der Ortsname auf einigen Flaschen. Warum?

Von Benjamin Emonts

Dachau - Karl Kern ist ein wahrer Bierliebhaber, wie er gesteht. Als er kürzlich im Internet auf ein naturtrübes Helles der Schlossbrauerei Dachau stößt, lässt ihn das folglich nicht nüchtern. Als Dachauer müsste ihm das Bier doch eigentlich geläufig sein, denkt er. Im Dachauer Lokal Luja bekommt er es dann leibhaftig vor die Nase gesetzt: das naturtrübe Helle , Prädikat Bio. Er wirft einen detektivischen Blick auf die Bügelflasche. Die Zutaten: Wasser, Gerstenmalz, Hopfen, Hefe - nichts Ungewöhnliches für ein Bier. Stünde nicht drei Zeilen weiter unten: "Gebraut und abgefüllt im Auftrag der Spaten-Löwenbräu GmbH, Daimlerstr. 4, 85221 Dachau."

Will uns da jemand weismachen, dass das Dachauer Schlossbier tatsächlich in Dachau gebraut wird? In Dachau? Dort, wo es seit einem gefühlten Jahrhundert gar keine Brauerei mehr gibt? "Ein Etikettenschwindel", ist Kerns erster Gedanke. Ihm spuken viele Fragen im Kopf herum.

Folglich sucht der kritische Zeitgeist nach Antworten. Als geschichtsfester Dachauer weiß er, dass die hiesige Brauerei Schlossberg bereits Anfang der Achtzigerjahre an Spaten übergegangen ist. Der letzte Sud eines original Dachauer Bieres wurde im Januar 2000 in der Schlossbrauerei gekocht. In diesem Wissen kontaktiert Kern Spaten-Franziskaner GmbH in München, die allerdings mitteilt, das Bier nicht zu führen. Schließlich schaltet Kern Lothar Ebbertz ein, den Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbunds. Auf dessen Betreiben hin erhält Kern wenige Tage später den Anruf einer Mitarbeiterin der global operierenden Großbrauerei Anheuser-Busch. Ihr gehören mitunter Löwenbräu, Franziskaner, Spaten und damit auch die Brauerei Schlossberg an. Das naturtrübe Bier, so teilt ihm die Mitarbeiterin mit, werde in Augsburg gebraut und abgefüllt - allerdings im Auftrag der Spaten-Löwenbräu GmbH. Diese ist eine Tochterfirma von Anheuser-Busch mit Sitz in Dachau. Einheimische kennen die Adresse als einen großen Fuhrpark für Lastwagen, auf dem Tausende Getränketräger gestapelt sind. Er liegt an der Alten Römerstraße neben dem Industriegebiet.

Die Marken existieren weiter

Das Dachauer Bier also stammt nicht aus Dachau, wurde dort aber in Auftrag gegeben. "Wir schreiben ja auf dem Rückenetikett nicht, dass wir das Bier in Dachau brauen", betont Oliver Bartelt, Unternehmenssprecher von Anheuser-Busch. Rechtlich ist das wasserfest. Und dem Verbraucher die regionale Herkunft eines Produktes zu suggerieren ist eine offensichtlich altbewährte Marketing-Strategie. "Bestimmte Marken haben sich in der Vergangenheit so großer Beliebtheit erfreut, dass man sie deshalb am Leben gehalten hat", erklärt Lothar Ebbertz vom Bayerischen Brauerbund die Verkaufsstrategie. Nicht selten existiere die Marke stillgelegter Brauereien deshalb fort, insbesondere bei Produkten, die sich vormals gut verkauft haben.

Das Ludwig-Thoma-Festmärzen, das auf dem Dachauer Volksfest ausgeschenkt wird, ist ein solches Produkt. Es wird extra für das Volksfest gebraut in der Bierhauptstadt München, genauer gesagt in der Spaten-Franziskaner Brauerei in der Marsstraße. Wer das große Bierzelt in Dachau betritt, dem wehen aber nicht die Fahnen von Spaten, sondern die der Schlossbrauerei Dachau entgegen. Das darauf abgebildete Logo, das der Dachauer Maler Hermann Stockmann einst entworfen hat, zeigt einen Bauern, der einen Bierkrug in der Hand hält und die Dachauer Tracht trägt. Bei Auswärtigen entsteht so der Eindruck, dass sie, passend zur Örtlichkeit, ein original Dachauer Bier trinken. Die Marke stiftet Vertrauen, Identität und Heimatverbundenheit. Auch beim traditionsbewussten Dachauer.

Volksfestreferent Robert Gasteiger stört sich jedenfalls nicht an der vermeintlichen Augenwischerei mit der Herkunftsbezeichnung. "Der Opel wird auch schon lange nicht mehr in Deutschland produziert. Das sind die Folgen der Globalisierung", sagt er. Karl Kerns Recherche hat bereits Folgen: "Um über die rechtlichen Anforderungen hinaus zu informieren, hat sich die Spaten-Löwenbräu GmbH dazu entschieden, zukünftig auch den Produktionsort des Produktes auf dem neuen Rückenetikett zu vermerken", gibt Oliver Bartelt bekannt. Kern kann sich zurücklehnen und mit Genugtuung ein kühles Helles trinken.