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Coronavirus in Dachau:Warten auf die zweite Welle

Die Zahl der Corona-Fälle steigt deutschlandweit - Ärzte im Landkreis Dachau sind besorgt.

Von Thomas Balbierer, Dachau

Angesichts der bundesweit steigenden Zahl von Corona-Fällen warnen Politiker und Ärzte im Landkreis Dachau vor einer neuen Infektionswelle. Hans-Ulrich Braun, Facharzt für Innere Medizin und Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes Dachau, blickt mit Sorge auf die kommenden Monate und rechnet nach der Urlaubszeit mit einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen. "Als Arzt habe ich Angst, dass in der Herbstzeit die große zweite Welle kommt", sagt der Mediziner aus Karlsfeld. Das befürchten auch Virologen in ganz Deutschland. Von Samstag, 8. August, an, sind Reiserückkehrer aus Risikogebieten zu einem kostenlosen Corona-Test verpflichtet.

Der Herbst sei auch ohne Corona die Jahreszeit, in der sich Infektionskrankheiten am meisten verbreiten, gibt Hans-Ulrich Braun zu bedenken. Bislang seien die Ansteckungszahlen im Landkreis Dachau aber "Gott sei Dank niedrig", so Braun. Zuletzt meldete das Landratsamt 15 aktuell Infizierte im Dachauer Land, im Vergleich zum Juni steigen die Zahlen aber bereits leicht an. Mit Skepsis blickt Kai Kühnel (Bündnis für Dachau), Zweiter Bürgermeister der Stadt, auf die Corona-Statistik des Landkreises.

Im Vergleich schneidet der Landkreis Dachau schlechter ab

Auf Facebook vergleicht Kühnel regelmäßig die Dachauer Zahlen mit den Fällen in benachbarten Landkreisen und weist darauf hin, dass Dachau deutlich höhere Fallzahlen pro 100 000 Einwohner hat als etwa Fürstenfeldbruck, Freising, Pfaffenhofen, Starnberg oder Aichach-Friedberg, wo es im Juni immerhin einen Corona-Hotspot auf einem Spargelhof gab. "Man müsste mal klarstellen, warum unser Landkreis so schlecht dasteht", sagt Kühnel und meint damit das Landratsamt. Die Behörde teilt mit, man könne sich die Unterschiede "nicht erklären". "Wir hatten keine besonderen 'Hotspots'", so Pressesprecher Wolfgang Reichelt. Bürgermeister Kühnel sagt, er habe das Gefühl, die Frage "interessiert niemanden", dabei sei es auch in Bezug auf andere, möglicherweise noch gefährlichere Viren dringend nötig, Antworten zu finden. Er selbst hält es für möglich, dass der intensive S-Bahn-Verkehr nach München eine Rolle spiele.

Das Landratsamt rechnet im Herbst mit einem Anstieg der Corona-Zahlen, man müsse aber abwarten, "ob die von der Bundes- sowie Staatsregierung ergriffenen Maßnahmen bezüglich der Reiserückkehrer greifen", so Reichelt. Die Behörde will die Lage nach den Ferien im Corona-Stab bewerten. Bislang getroffene Vorkehrungen seien "griffbereit", um kurzfristig reagieren zu können, erklärt der Sprecher. Ärztevertreter Braun sieht das Gesundheitssystem in Dachau besser auf einen erneuten Ausbruch vorbereitet als noch zu Beginn der Pandemie. Seine Praxis in Karlsfeld habe "für mehrere Tausend Euro Vorräte an Schutzmaterial besorgt". Außerdem habe das Amperklinikum die Beatmungsplätze für Notfälle auf 36 verdreifacht und die Ergebnisse der Corona-Tests kämen mittlerweile spätestens nach zwei Tagen aus dem Labor. Man sei bereit, sollte ein neuer Corona-Schub die Region treffen, glaubt Braun und hofft, "dass nicht noch ein Shutdown kommt".

Immer mehr Menschen werden leichtsinnig

Vor Leichtsinn im Umgang mit dem tödlichen Lungenvirus warnte kürzlich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einer Videoansprache. Und offenbar nehmen auch im Kreis Dachau viele Menschen, aber auch Unternehmen die Ansteckungsgefahr nicht mehr ernst. Darauf weist zum Beispiel die IG Bau hin, die in einer Pressemitteilung kritisiert, dass auf immer mehr Baustellen im Landkreis "gegen Abstands- und Hygieneregeln verstoßen" werde. Die Gewerkschaft sei auf "grobe Corona-Sünden" gestoßen, wie Michael Müller, Vorsitzender der IG Bau Oberbayern, berichtet: "Oft ist nicht einmal das Händewaschen möglich. Ein Waschbecken mit Seife und fließendem Wasser - Fehlanzeige. Von Desinfektionsmittel-Spendern ganz zu schweigen. Aber auch Sammeltransporte in Bullis sind schon längst wieder an der Tagesordnung."

Die Baubranche ist nur ein Beispiel, an dem sich zeigt: Die Warnsignale mehren sich.

© SZ vom 08.08.2020

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