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Bergkirchen:Festival der Talente

Jürgen Rothaug hatte sein "Musical am See" wohl selbst unterschätzt: Um Mitternacht standen die Kinder immer noch auf der Bühne. Von einem tollen Projekt, das beinahe die Kurve nicht mehr gekriegt hätte.

"Meine Stimme ist eine tolle Stimme", verkündet der Kinderchor der Grundschule Dachau-Ost. Stimmt. In französischer Sprache, mehrstimmig, rhythmisch ausgeklügelt und mutig singt er drei Stücke aus dem Film "Die Kinder des Monsieur Matthieu". Der junge Solist Luis Britz erzeugt bei den Zuhörern mit treffsicherem und rührendem Gesang Gänsehaut. Die stolzen Eltern belohnen die Leistung mit minutenlangem Applaus.

Der Erfolg lässt sie alle vergessen, dass es zu dem Zeitpunkt schon 21.30 Uhr ist. Dass die etwa 500 Besuchern des wegen des schlechten Wetters in die Turnhalle verlegten "Musicals am See" von Bergkirchen, an den Grenze ihrer Kapazität angelangt sind. Kinder im Besucherraum sind schon eingeschlafen. Schließlich wartet die Hälfte der Zuhörer nicht einmal mehr die Zugabe gegen 24 Uhr ab. Die andere Hälfte ist restlos begeistert.

Regisseur und Dirigent Jürgen Rothaug, dessen Markenzeichen große, generationsübergreifende Großprojekte sind, hatte überzogen. Dabei war es ihm gelungen, viele Talente an die Bühne und in das Musicalorchester heranzuführen. Rothaug bewies wieder sein Gespür für die Förderung junger Menschen. Sänger wie Elia Reischl und Philip Donath bildeten einen krönenden Abschluss des Abends und wurden dabei von Stephan Gröschner am E-Piano begleitet. Keine Frage: Das persönliche Engagement und die Liebe zur Musik der jungen Darsteller waren die treibende Kraft der Veranstaltung. Der Kinderchor, die Tanzgruppe des ASV Dachau oder das Frauenensemble "sing4joy" forcierten das Musikprojekt, hielten es in Bewegung. Die Inszenierung, wenn man das Wort überhaupt verwenden darf, war ein Festival der Talente.

Dieser Enthusiasmus war für Jürgen Rothaugs Konzept sicherlich notwendig. Denn das musste ohne tragfähige Idee auskommen. Rothaug hatte einzelne Stücke diverser Musicals zusammengestellt. Zu Beginn verwies er selbst darauf, dass er absichtlich "keinen roten Faden" vorgesehen habe. Aber genau den hätte man gewünscht. Denn ohne Einordnung in den Handlungszusammenhang fehlte den Musikstücken ein tragendes Element. Das fulminante Liebeslied "Tonight" aus der West Side Story (die berühmte Fensterszene) - auch in Bergkirchen musikalisch hervorragend dargeboten - war in seiner Tragik nicht erfassbar. Lose dahingestellt, fehlte jeglicher innerer Bezug und damit die Chance zur Identifikation.

Außerdem hätte dem opulenten Programm eine Verschlankungskur gut getan. Das Ansinnen Rothaugs, sieben große Musicals in einem Potpourri zu vereinen, führte zu einem dreieinhalbstündigen Marathon mit Ausschnitten aus "Phantom Of The Opera", "Porgy and Bess" oder auch "Sister Act". Da darf man sich auch fragen, wie das alles zusammenpassen soll. Hier Tragik (Phantom der Oper), dort ein Musical, das Komponist Gershwin absichtlich nicht als Musical, sondern "Folk-Opera" bezeichnete. Und schließlich die Reminiszenzen an die Hollywoodkomödie mit Whoopi Goldberg. Insofern erlebten die 500 Zuhörer eine Art Hitparade der Musicals, ein Wünsch-Dir-Was-Konzert. Das war schade vor allem wegen der vielen talentierten jungen Leute, die teilweise in dem Übermaß der Darbietungen untergingen.

Trotzdem: Der Abend war ein großer musikalischer Gewinn, auch wegen des Vokalensembles Cantori, der Sopranistin Carina Ellerhoff, dem Song "Summertime" und ihrem Partner Thomas Baumgartner. Etwas weniger, etwas konsequenter und an den richtigen Stellen gekürzt - damit hätte das Musical zweifelsohne überzeugt. Rothaug hatte im Vorfeld gesagt, er habe mit dem generationsübergreifenden Projekt vor allem eines fördern wollen: Familienfreundlichkeit. Doch während noch um 23.30 Uhr die Grundschulkinder auf der Bühne stehen mussten, hatte er leider völlig die Adressaten seines Anliegens vergessen: die Familien. Weniger wäre mehr gewesen.