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Museum Altomünster:Die große Welt im Kleinen

Das Museum Altomünster präsentiert die Sammlung alter Papiertheater des Buchdruckers Nikolaus Baumann. Die Ausstellung zeigt vor allem Exemplare exotischer Kulturen.

Die Pyramiden von Gizeh, das Tadj Mahal, die Gartenkunst Japans, tropischer Regenwald und die unwirtlichen Alpen - das Papiertheater brachte bis ins 20. Jahrhundert die große weite Welt in das bürgerliche Wohnzimmer. Aber nicht nur sie. Auf den handlichen, buntbedruckten Bühnen aus Papier - nicht größer als ein durchschnittlicher Fernseher - spielten sich Dramen, Tragödien und Komödien ab.

Mit der Ausstellung "Traumwelten" schafft das Museum Altomünster einen schönen Überblick über alte Papiertheater aus der Sammlung des Fotografen, Buchdruckers und Buchbinders Nikolaus Baumann (1868-1952) und entführt in eine versunkene Welt. Der aus Altomünster stammende Baumann, mit Ludwig Thoma und dem Künstler Ignaz Taschner bekannt, vertrieb Papiertheaterbögen und die dazugehörenden Figuren. Die Miniaturausgaben haben alles, was eine Bühne braucht: Ein prächtiges, historisierendes Proszenium, flexible Seitenteile, staffelbare Kulissen und den dominierenden Bühnenprospekt, vor dem sich die Handlung abspielt.

Alle Teile sind beweglich, um die dreidimensionale Wirkung der kleinen Bühne zu verstärken. Die Texthefte in den Vitrinen belegen die Vielfalt der Stücke. Der Stoff großer Opern und Theaterstücke, aber auch Märchen, wurde von Autoren für den Hausgebrauch tauglich gemacht. Ernst Siewert und der Österreicher Innocenz Tallavania bearbeiteten große Werke wie die Zauberflöte, Goethes Faust, Heinrich von Kleists Käthchen von Heilbronn, Schillers Räuber, den Rattenfänger von Hameln und das tapfere Schneiderlein. Gekürzt und vereinfacht dienten die Stücke der ganzen Familie zur Unterhaltung und Bildung.

Auf den handbedruckten Bühnen aus Papier spielten sich Dramen ab.

(Foto: oh)

Erste Kinder- oder Tischtheater gab es bereits im 18. Jahrhundert in England. Seine Blütezeit in ganz Europa erfuhr das Papiertheater aber erst Ende des 19. Jahrhunderts. Das neue Verfahren der Lithografie ermöglichte seine Massenproduktion und machte es für ein größeres Publikum erschwinglich.

Glanz und Pomp von Oper und Theater sollten in das bürgerliche Wohn- oder Kinderzimmer abstrahlen, so wie man sich auch Tafelsilber und feines Porzellan zulegte, um den eigenen gesellschaftlichen Stellenwert zu demonstrieren. Die Sehnsucht nach abenteuerlichen oder romantischen Geschichten schwang freilich mit. Das zeigen die Kulissen in Altomünster deutlich. In Deutschland vertrieben der Schreiber-Verlag sowie die Verlage Gustav Kühn und Oehmigke & Riemschneider die illustrierten Papierbögen. Der Baukastensatz enthielt eine Bühne, den Bühnenprospekt, Kulissen, Spielfiguren und Kostüme, von den Kindern nach simpler Anleitung auszuschneiden und zusammenzukleben.

Für Altomünster wurden aus der reichen Sammlung der Familie Baumann vor allem exotische Themen ausgewählt. Sie führen den Zuschauer in die weite Welt, wie man sie sich um 1900 vorstellte. Die Ausstellung wird von Bärbel Baumann, einer Urenkelin des Sammlers, und Karin Alzinger kuratiert. Fred Henkel baute die Guckkästen, Viktoria Schüffer erarbeitete die Begleittexte. Die detailverliebten Bühnen zeigen das mystische Ägypten mit der Sphinx, das koloniale Indien mit dem märchenhaften Grabmahl Tadj Mahal oder ein japanisches Zimmer mit einem Sammelsurium an Möbeln und Kunstgegenständen. Die Südseeszene ist paradiesisch und erinnert an Seefahrerfilme. Andernorts wird der Besucher entführt in die entfesselte Natur Brasiliens mit wuchernden Farnen und Blüten. Alles romantisch verklärte Abenteuer-Schauplätze, die mit der Realität nicht viel zu tun haben, schon gar nicht mit der des 19. Jahrhunderts. Europa ist mit dem bayerischen Alpenvorland vertreten, das damals touristisch erschlossen wurde, und einer klirrend kalten Winterlandschaft, wie man sie aus Gemälden der Romantik kennt.

Unter anderem der altägyptische Fantasietempel des Falkengottes Horus ist in der Ausstellung in Altomünster zu sehen.

(Foto: oh)

Das Papiertheater nutzt die Effekte der großen Bühne. Geräusche untermalten die Handlung, dramatisches Schattenspiel wurde mit Kerzen erzeugt - ein gefährliches Stilmittel, dem so manche Kulisse zum Opfer fiel. Nach dem Ersten Weltkrieg geriet das Papiertheater in Vergessenheit, erlebt aber seit einigen Jahren eine Renaissance. Jörg Baesecke zauberte während der Theatertage aus ein paar Bögen Papier faszinierende Kulissen und Figuren und das Theatrum Augustinum Indersdorf entzückte im letzten Jahr sein Publikum mit einer Aufführung zwischen Nostalgie und Moderne. Die Effekte auf der kleinen Papierbühne sind die gleichen wie früher: Blitz, Donner und echtes Feuer.

© SZ vom 19.11.2015/gsl
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