Bund der Deutschen Katholischen Jugend:Diplomatische Größe

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Bund der Deutschen Katholischen Jugend: Viel unterwegs: Sarah Lehner, bayerische Landesvorsitzende des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend.

Viel unterwegs: Sarah Lehner, bayerische Landesvorsitzende des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend.

(Foto: Robert Haas)

Nicht so einfach, in einer jahrhundertealten, männergeführten Institution etwas zu verändern. Zumal als junge Frau. Sarah Lehner versucht es trotzdem. Sie ist seit Herbst bayerische Landesvorsitzende des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend.

Von Andrea Schlaier

Verausgaben muss sich Sarah Lehner nicht, um aufzufallen. Zuweilen braucht es nicht mehr, als einen Raum zu betreten. Mit ihren 1,90 Meter ist die 26-Jährige eine Erscheinung. Gut möglich also, dass es eine Frau diesen Formats gar nicht nötig hat, ihre Präsenz durch hallende Reden unter Beweis zu stellen. "Ich bin nicht die lauteste Person", sagt die gebürtige Oberpfälzerin selbst, "manchmal muss man auf die Kacke hauen, aber ich will erst mal auf diplomatischem Weg ins Gespräch kommen." Es gibt schlechtere Eigenschaften für eine weibliche Führungsfigur in einem sehr großen, sehr alten, von Männern beherrschten Laden. Die Untergruppe, die Sarah Lehner darin anführt, ist so was wie das Quecksilber im trägen System. Seit vergangenem Herbst ist sie bayerische Landesvorsitzende des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ).

Der BDKJ ist der Dachverband der katholischen Jugendverbandsarbeit in Bayern und eine Einrichtung der Freisinger Bischofskonferenz der bayerischen Diözesen. Ein Organ, wenn man so will, das den Bischöfen sagt, was die Straße denkt. Was junge Katholiken nicht nur kirchenpolitisch, sondern auch gesellschaftspolitisch bewegen wollen. Die Absenkung des Wahlalters ist ein großes Thema, die Wehrpflicht wird gerade wieder eins. Klima und Umwelt sind Dauerbrenner, sagt Sarah Lehner.

Noch ein Beispiel ist der Paragraph 219a. Er stellt die öffentliche Information von Ärzten oder Kliniken über Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe. Der BDKJ begrüßt die geplante Abschaffung und ist damit praktisch allein auf weiter Flur der katholischen Verbände. Am Freitag debattiert der Bundestag in Erster Lesung über die Streichung des Paragrafen 219a aus dem Strafgesetzbuch. "Uns geht's darum, dass man die Frau sieht, sie soll informiert werden dürfen und ihre Infos nicht aus irgendwelchen ominösen Quellen beziehen müssen", sagt Lehner.

Innerkirchlich komme die Position oft nicht so gut an. Das Problem: Viele würden den Paragraphen mit einem anderen vermischen, dem 218er. Laut wird Sarah Lehner jetzt nicht, aber nachdrücklich: "Die Abtreibung ist bei uns ein sehr heißes Eisen, das muss man denen erklären! Klar, das ungeborene Leben braucht Schutz, aber man darf nicht die Rechte der Frau komplett dagegen setzen. Die Diskussion ist schwierig." Frauen- und Mädchenpolitik ist eins ihrer Steckenpferde, Vermittlung ihr Alltag.

Im Büro von Andrea Nahles gelernt, wie manche Mühlen mahlen

Dafür ist die Tochter aus "ganz normalem, nicht besonders engagiertem" katholischen Elternhaus ständig unterwegs. "Gremienarbeit" nennt sie das und ihr Satz mündet in einer langen Reihe von Organisations-Kürzeln, Runden in denen sie einerseits "viel zuhört, was Jugendliche wollen" und andererseits "Positionen formuliert und die in Kirche und Politik anbringt". Dass die BDKJ-Landesvorsitzende auch noch bei den Jusos in ihrer Heimat engagiert ist und mal für eine Woche im Büro der ehemaligen SPD-Parteivorsitzenden Andrea Nahles hospitiert hat, helfe ihr, "zu verstehen, wie manche Mühlen mahlen". Delegationsfahrten führen die Frau mit dem sanft rollenden "R" durchs ganze Land und darüber hinaus, heute Köln, morgen das tschechische Pilsen.

Man sieht es ihrem Büro in der BDKJ-Geschäftsstelle, die in einem Hinterhof an der Landwehrstraße liegt, an: ein Zimmer wie ein Zwischenstopp. Unterm Schreibtisch liegen Adiletten und anderes Wechsel-Schuhwerk, in den fast leeren Regalen bilden leere Speziflaschen Gruppen. Vor dem Fenster lehnt das startbereite Rad. "Ich bin wahnsinnig viel unterwegs und kaum hier." Wenn Sarah Lehner, die inzwischen in München wohnt, mal da ist, streckt garantiert einer der mehr als 20 Mitarbeitenden den Kopf durch die Tür: "Kannst du kurz unterschreiben?"

Die Bischöfe haben keine Lust, über Prävention gegen Missbrauch zu reden

Mit Abstand am schwersten zu schaffen macht den jungen Katholiken seit Jahren - natürlich - der Umgang mit sexuellem Missbrauch in ihrer Kirche. "Mit jeder neuen Studie wird uns auf erschreckende Weise vor Augen geführt, wie tief verankert Missbrauch in kirchlichen Strukturen ist. Es gibt viele Punkte", sagt Sarah Lehner, "wo wir in unserer Arbeit merken, ja, es ist den Kirchenmännern bewusst, es gibt Missbrauchsfälle, aber man hat manchmal das Gefühl, sie wollen nichts dagegen tun." Bestes Beispiel sei die Präventionsstelle auf Landesebene, die 2011 beim BDKJ angesiedelt war und nur ein Jahr lang von der Freisinger Bischofskonferenz bezahlt wurde. Aus eigenen Mitteln könnten sie diese Stelle nicht finanzieren, sagt die Vorsitzende. "Wir hätten aber gern jemanden, der sich mindestens in einer Halbtagsstelle mit dem Thema beschäftigt und auch für unsere Jugendverbände zuständig ist; wo man anrufen und sich beraten lassen kann, wenn man ein Problem hat." Viele der Diözesen und Jugendverbände müssten gerade Schutzkonzepte und Risikoanalysen erstellen, "wo denn gegebenenfalls Potenzial sein könnte für sexualisierte Gewalt und dazu Gegenmaßnahmen aufschreiben". Doch es gebe keine übergeordnete Stelle mit Handreichungen, Input und Hilfestellung, die unabhängig ist. Die 26-Jährige schnauft: "Manchmal nehm ich vor allem bei den Bischöfen wahr, sie haben keine Lust mehr über dieses Thema zu reden, das gibt's jetzt schon zu lang; sie nehmen nicht wahr, dass sie noch zu wenig tun." Auch deshalb sei sie froh um den Synodalen Weg, die Strukturdebatte, in der deutschlandweit über Reformen in der katholischen Kirche beraten wird. "Da geht was voran."

In Bayern, immerhin, komme "Schwung in die Debatte um sexuelle Orientierung und Geschlechteridentitäten". In liberaleren Bistümern "gibt es Personen, die sagen, wir müssen was am katholischen Arbeitsrecht ändern; da merkt man, unsere Forderungen, die wir seit Jahren haben, finden Anklang". Aber es gebe auch "die, die's gar nicht sehen". Auch in den Reihen der "Jugendverbandlerinnen" haderten viele und überlegten auszutreten. Und? "Wir müssen hierbleiben und kämpfen, dass sich was ändert, gerade ist Bewegung drin." Andererseits, überlegt die 26-Jährige, "braucht's vielleicht auch einfach dieses Zeichen von einer gewissen Anzahl von Personen, die jetzt austreten, dass es Gehör findet, wenn so weitergemacht wird, wird's diese Kirche so nicht mehr geben, weil die Leute wegbrechen".

Sarah Lehner sagt das auch ihren Kommilitoninnen an der TU München, die sie immer wieder danach fragen. Die 26-Jährige ist noch eingeschrieben in Freising, macht "nebenher" ihren Master in Forst- und Holzwissenschaften. Sie wird Försterin? Sarah Lehner schüttelt lächelnd den Kopf. "Das hab ich während des Studiums schon gemerkt, dass mir draußen im Wald zu arbeiten zu einsam wäre. Ich will lieber in die verbandliche Arbeit gehen." Umwelt und Klima seien ihre weiteren Schwerpunktthemen, passe ja gut. Als Backgroundwissen lasse sich das bestens einbringen. Wahrgenommen wird die große junge Frau.

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