Bürgerentscheid zu Olympiabewerbung:Visionen für eine moderne Metropole

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Deutschland könnte mit solchen Spielen dem in Verruf geratenen Olympia helfen; umgekehrt hilft das Sportspektakel aber auch dem Land. Denn der Auftrag, 2022 Gastgeber für die Welt zu sein, könnte gerade für München ein Weckruf sein, ehe die Stadt berauscht von eigenem Reichtum und Glückseligkeit in einen Dämmerschlaf verfällt.

Die reichste, schönste, sicherste Stadt der Republik bildet sich viel ein auf ihre wunderbare Lässigkeit. In Wahrheit ist das oft nur eine arrogante Bräsigkeit: Hier lässt es sich so gut leben, dass es offenbar gar niemand nötig hat, eine Idee zu entwickeln, was aus der Stadt in zehn, 20 Jahren werden soll. München braucht kein Wachstum mehr, schreien die Olympia-Gegner - doch dabei ist jetzt schon klar, dass die Stadt bis 2030 um 200 000 Menschen wachsen wird. Das ist selbst für München eine Herausforderung, die viel Kreativität verlangt.

Doch kühne Architektur für neue Formen des Wohnens, kesse Pläne, wie Stadt und Land den Pendlerverkehr besser in den Griff bekommen, ungewöhnliche Ideen für eine Altstadt, die mehr ist als die Aneinanderreihung von Shoppingmalls und Luxusappartements - all das sucht man vergebens. Die Münchner Phantasie reicht meist nur dafür aus, gegen etwas zu sein: gegen die neue Tiefgarage um die Ecke, gegen Hochhäuser, gegen neue S-Bahn-Tunnel, gegen ein modernes Konzerthaus.

Ähnlich wie die Vergabe der Sommerspiele 1972 böte Olympia 50 Jahre später die Chance, über Visionen für eine moderne Metropole zu streiten und die Stadt ein Stück weit neu zu erfinden. Und wenn sich München als einer der Wirtschaftsmotoren dieser Republik weiterentwickelt, hilft das dem ganzen Land.

Um die Spiele zu bekommen, muss man aber leider einen schmutzigen Pakt mit einer Organisation eingehen, die sich nach Ansicht der Olympia-Gegner irgendwo zwischen der Camorra und dem Regime von Nordkorea verorten lässt. In der Tat ist das IOC eine höchst seltsame Organisation zur sportlichen Gewinnmaximierung. Die hehre olympische Idee vom friedfertigen Wettkampf der Sportler aller Nationen ist bei ihm gewiss nicht in den allerbesten Händen. Aber genau deshalb darf man sie auch nicht schon von vornherein den Diktatoren und Usurpatoren dieser Welt überlassen, denen kein Preis zu hoch und kein Deal zu schmutzig ist, um die Spiele zu bekommen.

Gerade München und Bayern haben das Geld und das Organisationstalent, um der Welt und dem IOC zu zeigen, wie moderne, nachhaltige Spiele in demokratischen Ländern aussehen könnten. Bürgerentscheide über die Bewerbung sind dafür ja schon der beste Anfang.

Billig wird der Spaß freilich nicht. Die Fußball-WM 2006 hat inklusive aller Stadion-, Straßen- und Schienenprojekte mehr als fünf Milliarden Euro gekostet. Das sind rund eineinhalb Milliarden mehr, als für Olympia 2022 grob veranschlagt wird. Bis heute sind sich die Wirtschaftsforscher uneins, ob sich der Aufwand damals gerechnet oder ob der Steuerzahler nicht doch gewaltig draufgezahlt hat. Ähnlich wird das auch bei den Winterspielen sein.

In der kollektiven Erinnerung an den Fußball-Sommer spielt diese Frage aber erstaunlicherweise keine Rolle. Da sind geblieben: Spaß, Gastfreundschaft, Aufbruchstimmung. Eine Gesellschaft definiert sich auch über die Feste, die sie gemeinsam gestaltet und feiert. Das hat der Sommer 2006 gezeigt, und das sollten die Münchner für 2022 wagen.

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