Bühne:Schuld und Leid

Kämpfen, töten, schänden: "Lili Marleen" wird im Rationaltheater als Anti-Kriegsstück uraufgeführt

Von Stefanie Schwetz

Schwabing - Wie ein Naturereignis scheint der Krieg über die Welt hereinzubrechen. Und doch braucht es für jede Gräueltat die Entscheidung eines leibhaftigen Menschen - zu kämpfen, zu töten, zu schänden. Es gibt Täter. Es gibt Opfer. Und es gibt jene, die sowohl Täter als auch Opfer sind, wie Lili Marleen, Protagonistin des gleichnamigen Stücks, das am 12. Oktober im Schwabinger Rationaltheater uraufgeführt wird. "Lili Marleen" ist das mittlerweile zweite, unter dem Pseudonym Roy Prinzessin geschriebene Stück, das Theaterleiter Dietmar Höss auch selbst inszeniert. Eine Anti-Kriegsgeschichte, die den Krieg in seiner Ganzheit vor Augen führen soll.

Schauplatz Zweiter Weltkrieg. Bombenhagel, Schützengräben, zerstörte Städte. Die Männer an der Front, die Frauen daheim. Und irgendwo dazwischen die Sängerin Lili Marleen, die eine unrühmliche Rolle bei der Truppenbetreuung spielt. "Was treibt eine schöne Frau in den Dreck des Krieges", fragt der amerikanische Leutnant sie im Verhör. "Kameradschaft", antwortet Lili Marleen. Denn erst in Kameradschaft mit anderen könne man sich des Gefühls der Selbstverantwortung entledigen. "Das Beste ist doch, man bewegt sich mit den Wellen." Schonungslos offen berichtet die Sängerin über ihre Erlebnisse. Über Judenfreunde, die Juden erschießen, über SS-Kommandanten, die sich an so genannten nicht-arischen Mädchen vergehen, um sie gleich darauf zu töten, weil Rassenschande kein Kavaliersdelikt ist, und über die zur grausamen Belustigung inszenierten Hinrichtungen, bei denen sich die Opfer die Schlinge selbst um den Hals legen und sich gegenseitig vom Schemel stoßen müssen. Ohne jede Rechtfertigungsabsicht stellt sich diese Frau, die selbst Menschen zu derartigen Verbrechen animiert hat, dem Verhör - desillusioniert von sich selbst und der Menschheit. "Sagen Sie mir einfach, wenn ich sie belügen soll", erklärt Lili Marleen dem fassungslosen Leutnant. "Nicht an das Böse zu glauben grenzt an Irrsinn."

Bühne: "Das Sexuelle macht den Krieg erst attraktiv": Sabrina Hertle als Lili Marleen in Dietmar Höss' Schwabinger Inszenierung.

"Das Sexuelle macht den Krieg erst attraktiv": Sabrina Hertle als Lili Marleen in Dietmar Höss' Schwabinger Inszenierung.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das ist nur eine Perspektive des Kriegsgeschehens, das sich um die Person der Lilli Marleen rankt. Denn mit dieser Kunstfigur hat Dietmar Höss eine Gestalt geschaffen, die vielerlei Assoziationen zulässt - an das berühmte Lied, an die Sängerin Lale Andersen, die es einst sang. Und an das unter dem Titel "Anonyma. Eine Frau in Berlin" erschienene Tagebuch vom Frühjahr 1945, das von unzähligen Kriegshandlungen sexueller Natur erzählt. Ein ganzes Panorama ineinander verschachtelter Szenen breitet sich hier aus, wobei der Spielort im Rationaltheater, bis in den Zuschauerraum reicht. Auf der einen Seite ein Klavier, Reflexionszone leidvoller Erfahrungen. Daneben der Schauplatz des Verhörs: ein Tonbandgerät, ein Tisch, drei Stühle. Und dann ist da noch das Studio des Soldatensenders Radio Belgrad. Schallplatten, Mikrofone, alte Lederstiefel und eine Büste von Karl Marx türmen sich zu einem Sammelsurium aus Kriegstagen. Die erhöhte Bühne indes mit Lampen, die wie Phallussymbole von der Decke hängen, ist ein Ort des Unausgesprochenen, des "unterbelichteten Schicksals ziviler Opfer", wie Dietmar Höss es nennt, Frauen und Kinder. Vergewaltigungen spielen sich hier ab, kommentiert von Bild- und Toneinspielungen: Panzer mit herausgefahrenen Kanonenrohren, zum Hitlergruß erhobene Arme und Choreografien gymnastischen Körperkults, dazu der amerikanische Funk-Klassiker "I feel good".

"Das Sexuelle macht den Krieg erst attraktiv", davon ist Dietmar Höss überzeugt. Denn Vergewaltigungen ziehen sich seit Jahrtausenden durch die Geschichte kriegerischer Auseinandersetzungen. Sie sind kein Zufallsprodukt, sondern planvoll durchgeführte Kriegshandlungen. Was bleibt sind die Opfer - unbeachtet und stigmatisiert. Manche gehen daran zugrunde. Andere überleben mit Pragmatismus und Verdrängung. Auf Radio Belgrad werden Soldatenbriefe verlesen. Es geht um den Spaß des Piloten am Bomben werfen. "Flieger, grüß mir die Sonne." Und es geht natürlich um Frauen. 187 Männer, das sei der Rekord für eine Hure, schreibt ein deutscher Soldat an seine Ehefrau. Lili Marleen hatte es mit den Befreiern zu tun, mit Russen, die 1945 nach Berlin kamen und sich das nahmen, was ihre Begierde befriedigte. Erlebnisse, die ins Mark treffen, über die sie nicht spricht, schon gar nicht im Verhör. "Jede Minute Leben wird teuer bezahlt", weiß sie. Und dass die Hemmschwelle, attraktiven Menschen Gewalt anzutun deutlich höher ist.

Bühne: Welt der Männer: Wolf Orreal spielt einen Moderator von Radio Belgrad.

Welt der Männer: Wolf Orreal spielt einen Moderator von Radio Belgrad.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In diesem Stück, in dem sich der Autor auf historische Dokumente von erschreckender Echtheit bezieht, britische und amerikanische Abhörprotokolle sowie Soldatenbriefe von der Front, geht es nicht allein um Nazis und Russen. Es geht um den universellen Charakter des Krieges, um Sieger, die Beute machen, egal wann, egal wo. Und es geht um die Erkenntnis: "Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten." Mit diesem Satz haben nicht nur Opfer wie Lili Marleen ihr Schicksal tabuisiert. Auch deren Nachfahren haben sich darauf berufen und die Schändungen ihrer Mütter und Großmütter ignoriert. Dietmar Höss weiß darum. Er selbst habe sich lange mit der "Arroganz der Nachkriegsgeneration" geschmückt. Da ahnte er noch nicht, was es bedeutet mit schwarzer Farbe getarnt auf Bäumen zu übernachten, um dem männlichen Feind zu entgehen, so wie es seine Mutter einst tat.

"Menschen zu quälen, ist im Menschen angelegt", sagt Lili Marleen im Theater. Für sie ist Krieg längst nicht mehr das Andere, das mit dem wirklichen Leben nichts zu tun hat. Denn der Krieg bietet nur einen erweiterten Gestaltungsrahmen für eine Vielzahl an Verbrechen, die sich immer und überall ereignen. Und auch für Schuld, Leid und im Hinblick auf die Protagonistin den Verlust einer großen Liebe. "Jetzt will er mit einer Nazi-Hure nichts mehr zu tun haben." Und natürlich spielt Radio Belgrad auch noch "Lili Marleen" - das Lied, das die Sängerin diesseits und jenseits der Front unvergesslich gemacht hat. "Keine Stimme hat uns mehr berührt, als Ihre", gesteht selbst der amerikanische Leutnant, dessen Figur nach dem realen Vorbild des mittlerweile 95-jährigen Literaturwissenschaftlers Guy Stern konzipiert ist, dessen eigene Familie im Warschauer Ghetto umkam und der nach dem Krieg Verhöre führte. Er wird bei der Uraufführung von "Lili Marleen" anwesend sein.

Bühne: Adrian Castilla (rechts) verkörpert einen amerikanischen Leutnant. Dessen deutschen Übersetzer spielt Jesús Fernandez de Castro.

Adrian Castilla (rechts) verkörpert einen amerikanischen Leutnant. Dessen deutschen Übersetzer spielt Jesús Fernandez de Castro.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Lili Marleen, Rationaltheater, Hesseloherstraße 18; Uraufführung am Donnerstag, 12. Oktober, 20 Uhr (Einlass: 19 Uhr); weitere Aufführungen sind am 13., 14. und 15. Oktober sowie am 14., 15., 16. und 17. November zur gleichen Zeit. Kartenreservierungen sind möglich per E-Mail an julia@rationaltheater.de

© SZ vom 06.10.2017
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