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Buchbesprechung:München, Stadt der Henker

  • Der Autor Reinhard Heydenreuter befasst sich auf 120 Seiten mit Verbrechen und Strafen im alten München.
  • Im 17. Jahrhundert reichten oft geringfügige Vergehen, um streng bestraft zu werden. Damals galt München als deutsches Eldorado für Galgenbauer, Henker und Folterknechte.

Es gibt Superlative, mit denen sich Städte gerne schmücken: die sicherste Großstadt Deutschlands zu sein beispielsweise, die lebenswerteste oder auch diejenige, in der die wenigsten Straftaten verübt werden. Der Rekord, den der Historiker und Jurist Reinhard Heydenreuter für München parat hat, macht sich in Image-Broschüren dagegen wohl weniger gut. Ihm zufolge nämlich war die Stadt über Jahrhunderte hinweg so etwas wie das deutsche Eldorado für Galgenbauer, Henker und Folterknechte.

In München sei "weit mehr" gestraft worden als in vergleichbaren Städten, schreibt er in dem kleinen Band "Kriminalität in München", der jetzt im Regensburger Pustet-Verlag erschienen ist. Ausgerechnet in München: in einer Stadt, die heute doch so stolz ist auf ihre vergleichsweise niedrige Kriminalitätsrate.

120 Seiten zum Gruseln

Folgt man dem Autor, konnten die Münchner selbst allerdings nur wenig dafür. Schuld daran sind vielmehr die bayerischen Herzöge und Kurfürsten gewesen, die sich immer wieder in die Gerichtsbarkeit einmischten, selten mäßigend. Und weil München bayerische Hauptstadt war, wurden noch dazu zahlreiche auswärtige Verbrecher zur Aburteilung in die Stadt gebracht. Hier wurde dann befragt, gequält und umgebracht; das bietet mehr als genug Stoff für ein Buch, und entsprechend ist vieles auf dessen 120 Seiten zum Gruseln. Da werden Folter- und Hinrichtungsmethoden ebenso anschaulich erläutert wie die Architektur von Richtstätten und alte Strafprozessordnungen. Mörder, Betrüger und Diebe treten auf, vermeintliche Hexen und Zauberer ebenso wie aufdringlich bettelnde Kriegsveteranen.

Dass ein Münchner Henker tatsächlich gut verdienen konnte, zeigen alte Rechnungen. Zuweilen geht es freilich arg blutig zu - etwa wenn Heydenreuter erzählt, wie ein Münchner Henker einst nach nur einer Hinrichtung sein Amt verlor, weil er kurzsichtig war: Er hatte einem Delinquenten mit dem Schwert versehentlich nicht den Hals durchtrennt, sondern nur die Achsel aufgeschlitzt.

Folterkeller unterm Alten Rathaus

Um das Jahr 1800 wurde die Folter abgeschafft, die Richtstätten wurden abgebaut, Hexenprozesse verschwanden; die Aufklärung veränderte die Justiz. Heydenreuter beschränkt sich auf die Zeit davor - und es ist ein fremdes München, das sich da auftut: ein München mit Folterkellern unter dem Alten Rathaus, mit Gehenkten, die zur Abschreckung an den Ausfallstraßen baumeln und mit Scharfrichtern, die aus Leichen Arzneien herstellen und Menschenfett an Apotheken verkaufen.

Reinhard Heydenreuter: Kriminalität in München. Verbrechen und Strafen im alten München (1180-1800), Verlag Friedrich Pustet, 120 Seiten, 12,95 Euro.

Zugleich hält das Buch einige überraschende Erkenntnisse bereit: Dass Münchner Straftäter beispielsweise auch auf Galeeren geschickt werden konnten, um gegen die Türken in den Krieg zu ziehen, trotz der teuren Reise ans Mittelmeer; dass Männer bei Ehebruch tendenziell strenger bestraft wurden als Frauen; oder auch, dass es in der Neuzeit erstaunlich viele "Priesterkonkubinen" im katholischen München gegeben hat, diesem Zentrum der Gegenreformation. Einer der Priester, ein gewisser Hans Kammethuber, muss es so wild getrieben haben, dass er sich den Spitznamen "Hurenpfaff" verdiente.

Umgekehrt schildert Heydenreuter, welche geringfügigen Vergehen im strenggläubigen 17. Jahrhundert genügten, um streng bestraft zu werden. Wer einen städtischen Bediensteten als "Dieb" beschimpfte, konnte dafür bereits am Galgen enden. Und die Obrigkeit achtete penibel auf den sittlichen Lebenswandel der Menschen. Energisch ging sie gegen Gotteslästerungen vor, ebenso gegen "unehrliche Schwängerungen" und Trinkerei; erst recht, wenn letztere in "ungeziemliches Nachtgeschrei" ausartete. Kein Wunder, dass in München "weit mehr" gestraft wurde als in anderen größeren Städten. Um Ruhe, Ordnung und Sicherheit ging es dabei aber offenbar nur nebenbei.

Der jeweilige Fürst dachte vor allem daran, Gott zu gefallen. Und er sorgte sich um sein eigenes Seelenheil, galt er doch als "erster Sünder" im Land: Am Ende musste womöglich er selbst vor Gott für die Untaten seiner liederlichen Untertanen geradestehen.