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"Böhmische Dörfer" im Kino:Ähnlicher als gedacht

Michalovy Hory (Michelsberg) in Tschechien

Das Dorf Michalovy Hory (Michelsberg) in einer Szene der Doku "Böhmische Dörfer". Auch hier haben die Kirchtürme Zwiebelhauben (links).

(Foto: janacisar filmproduktion)

Mit dem Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen beschäftigt sich die Doku "Böhmische Dörfer", die nun in München zu sehen ist. Der Film zeigt eine Haltung, die sich abhebt von den endlosen gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Der Mann hat sich sein ganzes Leben lang um die Völkerverständigung bemüht, doch was er jetzt sagt, klingt ganz und gar nicht nach Ausgleich: "Erst ermordete uns Hitler die Juden, dann vertrieben wir die Deutschen, dann trennten wir uns von den Slowaken, jetzt müssen wir uns nur noch der Romas entledigen und wir sind die glücklichsten Menschen der Welt: Denn dann leben wir allein in unserem wunderschönen Land."

Doch es ist als Schlag ins Kontor der eigenen Landsleute gemeint: František Černý setzt seine Worte in Peter Zachs Doku "Böhmische Dörfer" mit großer Ironie.

Der frühere Botschafter der Tschechischen Republik in Berlin hält gar nichts von einer homogenen Gesellschaft, Multikulti wäre ihm viel lieber. Das sei inspirativer und innovativer, trotz aller Reibereien, die dabei notgedrungen entstünden. Deswegen bedauert der frühere Bürgerrechtler etwa die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der früheren Tschechoslowakei zutiefst, ohne auch nur mit einem Wort die historische Schuld der Sudetendeutschen an den Tschechen zu erwähnen.

Es ist eine Haltung, die sich erfrischend abhebt von den ewigen gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen wechselnden tschechischen Staatsregierungen und deutschen Vertriebenenverbänden, und doch entspricht sie vielleicht viel eher der Normalität als gedacht. Denn könnte es nicht sein, dass die deutsch-tschechischen Beziehungen stärker von den individuellen Standpunkten der unmittelbar von ihnen Betroffenen geprägt werden als es die große Politik vermittelt? Das ist die Frage, mit der "Böhmische Dörfer" seine Zuschauer konfrontiert.

Der Film richtet sich an diejenigen, die beiderseits der Grenze über diese Beziehungen viel zu wenig wissen. Deutsche und Tschechen sind zwar unmittelbare Nachbarn und beide Seiten glauben oft, sich durchaus zu kennen - über die Medien. Doch das täuscht.

Manches fügt sich inzwischen wieder zusammen

Denn in Wahrheit sind es oft Pauchalurteile, die da transportiert werden. Als sie noch in der Tschechoslowakei lebten, sprachen die Sudetendeutschen von "Böhmischen Dörfern", wenn sie auf der Reise nach Prag durch tschechisches Gebiet kamen und nichts mehr verstanden. In dem Film "Böhmische Dörfer" steht der Titel für das bis heute bestehende Unverständnis zwischen Deutschen und Tschechen. Der Regisseur will das Verständnis der beiden Nationen für einander erhöhen, indem er Menschen vorstellt, für deren Leben das deutsch-tschechische Verhältnis prägend war.

Auf der Ebene dieser kleinen Leute wird aus der abstrakten großen Politik des 20. Jahrhunderts mit den zwei Weltkriegen und etlichen grundlegenden Umstürzen plötzlich etwas viel Konkreteres: Menschen, die einfach nur irgendwie über die Runden kommen wollten und wollen, ob Tschechen oder Deutsche.

Hüben und drüben - ein Leben lang

Zach gibt seinen Protagonisten in dem ruhigen und zuweilen elegischen Film mit langen Einstellungen den Raum, den sie verdient haben. Und da zeigt sich: Die Menschen empfinden und denken ähnlich. Manches fügt sich auf überraschend Weise inzwischen wieder zusammen.

Da ist etwa Anna Maria Cisar, die 1918 noch als Österreicherin geboren wurde, in der Tschechoslowakei als Sudetendeutsche aufwuchs, 1938 plötzlich eine Reichsdeutsche war, nach 1945 im Gegensatz zu ihrer Schwester nicht vertrieben wurde, weil sie einen Tschechen geheiratet hatte. Doch auch sie verließ das Land, allerdings erst 1969, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings Richtung Ravensburg, weil ihr Mann es im Kommunismus nicht mehr aushielt. Als knapp 90-Jährige zog sie schließlich wieder zurück - zu ihrer tschechischen Verwandtschaft nach Marienbad.

Günstige Häusle

Sie ist die Großmutter von Jana Cisar, der Produzentin und Moderatorin des Films, die diesem von Brüchen geprägten Leben die Hauptrolle in "Böhmische Dörfer" zuweist.

Doch Cisar lässt auch Menschen zu Wort kommen, deren Leben von der jüngeren Gegenwart geprägt ist: etwa den Grafiker Detlev Bertram, der eine Tschechin heiratete und von Stuttgart nach Hranice im nord-westlichsten Zipfel Tschechiens zog, in eine Gegend, die in den 1950er Jahren zum militärischen Sperrgebiet erklärt wurde. Im Zusammenspiel mit der Vertreibung der Sudetendeutschen hatte das fatale Folgen: Es fehlten plötzlich schlicht die Menschen, ganze Städte verfielen.

Ein Wohlstandsbürger aus Stuttgart, ausgerechnet dort? Der noch dazu als Grafiker unter der extremen Geschmacksverirrung leidet, die die örtliche Bevölkerung bei der grellen Bemalung ihrer Häuser zum Ausdruck bringt? Vielleicht ist auch das eine weniger überraschende Volte im deutsch-tschechischen Verhältnis als gedacht. Denn dort gibt es immerhin noch jede Menge günstige "Häusle".

Nach der Premiere bei den Hofer Filmtagen 2013 ist "Böhmische Dörfer" nun bis zum 8. Oktober täglich im Münchner Arena Filmtheater zu sehen. Auf DVD ist der Film ebenfalls erhältlich.