bedeckt München

Bildband:Das schöne München

Buchhinweis "München. Interiors und Stadträume" von Christine Bauer und Wolfgang Kehl

(Foto: Christine Bauer)

Die Fotografin Christine Bauer hat für ein Buchprojekt außergewöhnliche Stadtwohnungen entdeckt.

Von Martina Scherf

Es ist ein Knochenjob" - der das sagt, ist ein gestandenes Mannsbild, und er spricht nicht etwa vom Paketboten, sondern von der schlanken Frau an seiner Seite. Christine Bauer hört ihm aufmerksam zu, die feinen Finger über der taupefarbenen Chiffon-Bluse gefaltet, ein süffisantes Lächeln auf den Lippen.

Zwei Jahre lang hat der Journalist Wolfgang Kehl die Fotografin immer wieder begleitet, "ich war ihr Assistent", und am Ende hat er die Texte zu ihren Bildern geschrieben. Aus der gemeinsamen Arbeit ist der Bildband "München - Interiors und Stadträume" (DVA) entstanden, und der ist nicht nur besonders schön, sondern auch überraschend anders. Wer ihn das erste Mal durchblättert, denkt an Paris, London, Berlin vielleicht, und staunt: Ist das wirklich München? Man fängt an zu lesen und entdeckt nicht nur außergewöhnliche Wohnungen, sondern lernt auch noch die Menschen kennen, die darin leben.

"München ist halt doch ein Dorf"

Während Bauer und Kehl erzählen, wie sie diese Menschen gefunden und dazu gebracht haben, ihnen ihre Türen zu öffnen, kommen immer mehr Gäste in die Literaturhandlung Moths in der Rumfordstraße - die ja selbst eine Oase des guten Geschmacks ist.

Christine Bauer, die rotblonden Haare kunstvoll hochgesteckt, wirft ein freudiges Hallo in die Runde, verteilt Küsschen und hebt irgendwann den Blick: "Es sind wirklich alle 22 Wohnungsbesitzer da", verkündet sie und strahlt. Manche kannten sich schon, andere hatten sich vorher nie gesehen. Das Buch hat sie zusammengeführt. "München ist halt doch ein Dorf", sagt Wolfgang Kehl, es klingt wie eine Liebeserklärung an seine Stadt.

Die sehr unterschiedlichen Designliebhaber erst einmal zu finden, war nicht leicht. "München ist ja keine Wohnstadt wie Hamburg, es gibt kaum Lofts oder prachtvolle Altbauten wie in Berlin", sagt Christine Bauer. "Und was neu gebaut wird, ist in der Regel hässliche Stangenware." Wenn sie nur daran denkt, was die Planer und Investoren aus ihrer Heimatstadt machen, ziehen sich ihre schmalen Schultern zusammen.

Weit ab vom protzig-biederen Klischee

Für die Aufnahmen der verschiedenen Viertel, die jedem Kapitel im Buch vorangestellt sind, ist sie wochenlang herumgeradelt, von Giesing bis nach Nymphenburg, hat auf der Auer Dult fotografiert und im Großmarkt, am Flaucher und im französischen Quartier in Haidhausen. Liebevoll komponierte, ungewohnte Ansichten, weit ab vom protzig-biederen München-Klischee sind dabei entstanden.

Und dann die Suche nach den Wohnungen. "Ich habe Freunde gefragt, Freunde von Freunden und Designer. Bei manchen habe ich monatelang gebaggert, andere entdeckte ich durch Zufall." Wie die Wohnung von Jörg Schellmann, der, geprägt von der Kunstszene in Kassel nach der ersten Documenta, in den Sechzigerjahren nach Schwabing kam und mit seinen ersten Kunsteditionen und Möbelentwürfen begann. Sein Wohnatelier ist die Reduktion auf das Wesentliche: kalt, könnte man meinen, der Inbegriff von Freiheit, würde der Besitzer sagen.

Buchpräsentation 'München. Interiors und Stadträume' von Christine Bauer und Wolfgang Kehl, Literatur Moths, Rumfordstraße

Christine Bauer war viele Jahre Stylistin, bevor sie selbst zu fotografieren begann. "Das war die beste Entscheidung meines Lebens", sagt sie.

(Foto: Florian Peljak)

Oder das gewöhnliche Reihenhaus aus den Fünfzigerjahren in Giesing: Wer vermutet darin ein komplett durchgestyltes Midcentury-Ensemble? Ein ehemaliger Investmentbanker aus London hat es eingerichtet, inzwischen leitet er die Designabteilung eines Auktionshauses. Oder der zum Wohnhaus umgebaute Schutzbunker mit Penthouse-Blick über die Stadt: Der steht wirklich in Schwabing und nicht am Central Park in New York.

Gummistiefel und Mülltonnen

"Einige Besitzer gaben uns für zwei Tage die Schlüssel und sagten: Macht, was ihr wollt", andere mussten zusehen, wie Christine Bauer ihr Wohnzimmerregal komplett aus- und neu einräumte. In den blitz-blank polierten Flur mit Designersofas, der zur Wohnung der Grafiker Michaela und Claudio Prisco gehört, hat sie ein paar Gummistiefel platziert, als lebendigen Kontrast. Um das winzige Schlafzimmer des Pianisten Richard van Schoor abzulichten, musste Bauer auf eine Mülltonne im Hof steigen und von draußen fotografieren. Der Südafrikaner hat sich in einem ehemaligen Neuhauser Milchladen sein kleines viktorianisches Paradies eingerichtet, inklusive Flügel und Deckengemälde mit Putto und Haushund.

Bis alle Bilder ihren Ansprüchen genügten, hat Christine Bauer oft tagelang arrangiert, wieder verworfen, neu belichtet - "und manchmal auch Bäder auf Hochglanz geschrubbt". Ein Knochenjob eben. Ihr Gespür für perfekte Inszenierung ist durch die jahrelange Arbeit als freiberufliche Stylistin geschult.

Vor fünfzehn Jahren begann sie - genervt von zu dominanten Art-Direktoren oder unerfahrenen Fotografen - selbst zu fotografieren und entwickelte ihren besonderen Stil: weiche Töne, wenig Kontraste, bei aller Inszenierung viel Respekt vor dem Eigenleben der Dinge. "Es war die beste Entscheidung meines Lebens", sagt die 54-Jährige und nippt am Weißwein. Heute erscheinen ihre Bilder in den bekanntesten Lifestyle-Magazinen. Der Bildband ist ihr erstes Buch. Für das letzte Kapitel hat sie ihre eigene Tür geöffnet: zur Wohnung in Sendling, in der sie seit 22 Jahren lebt, ein Mädchen-Traum in Pastell.

© SZ vom 13.11.2015/axi
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